Der Philosoph Charles Taylor erschließt die ethische Bedeutung des Poetischen
Als einer der einflussreichsten Philosophen der Gegenwart wendet sich Charles Taylor in seinem neuen Werk der Poesie zu. Was bringt einen politischen Denker dazu, auf die Stimme des Poetischen zu hören?
Charles Taylor gilt als einer der wichtigsten Philosophen unserer Zeit. Seine vielen Veröffentlichungen haben weitreichende Impulse im Verständnis des Menschen in der Moderne und Postmoderne angeregt. Sein Thema sind die großen Dilemmata unserer Kultur. In seinem 1989 erschienenen Buch Die Quellen des Selbst beispielsweise untersuchte er die Entstehung des modernen Individualismus. Wie konnte ein getrenntes, isoliertes Selbst entstehen, das eine der Ursachen der heutigen ökologischen, sozialen und spirituellen Krisen wurde?
Taylor bezeichnet dabei die moderne Form der Individualität als das „gepufferte“ Selbst, in dem wir uns von der Welt abschneiden und unter Entfremdung leiden. Einen weiteren Grund für diese Entfremdung sieht Taylor im Prozess der Säkularisierung, den er in seinem zweiten Hauptwerk Ein säkulares Zeitalter von 2007 nachvollzieht. Hier zeigt er auf, wie die liberalen Gesellschaften erfolglos versucht haben, sich der Religion zu entledigen. Für Taylor hat der Prozess der Säkularisierung auch viele positive Seiten, wie die Entstehung demokratischer Gesellschaften. Aber er lehnt die These ab, dass Religionen in offenen, demokratischen Gesellschaften keine Rolle mehr spielen oder spielen sollten.
Religion und Politik
Taylor ist dabei nicht nur Philosoph, sondern auch gläubiger Katholik. Er plädiert sowohl für ein neues Verständnis von Religion als auch einer Offenheit in demokratischen Gesellschaften für den Wert und die Relevanz religiösen Lebens. Dabei argumentiert er für einen religiösen Pluralismus, wenn er sagt: „Ich bin davon überzeugt, dass Wege nach vorn uns nicht zu einer universellen einzigen Form von Spiritualität führen können, sondern dass die Wege so irreversibel vielfältig sind wie die Spiritualitäten, aus denen wir Menschen uns nähren.“
Neben diesen philosophischen und religiösen Gedanken ist Taylor zudem ein ausdrücklich politischer Philosoph, der sich in vielen Veröffentlichungen über die Krise der Demokratie geäußert hat und darüber nachdenkt, wie ein Gemeinwesen gestaltet werden kann, das eine demokratische Kultur begründet. In Kanada, wo er lebt, hat er sich auch immer wieder politisch engagiert. Er trat als Kandidat der sozialdemokratischen New Democratic Party in Mount Royal bei Wahlen zum kanadischen Unterhaus an. 2007 wurde er vom Premier von Québec, Jean Charest, mit der Co-Leitung einer „Commission de consultation sur les pratiques d’accomodements reliées aux différences culturelles“ (Beratungskommission zu Unterkunftspraktiken im Zusammenhang mit kulturellen Unterschieden) beauftragt, die das soziale Umfeld religiöser und kultureller Minderheiten in der Provinz Québec erforschen sollte.
Sprache und Bewusstsein
In einem späten Hauptwerk, dem 2017 erschienenen The Language Animal (dt. Das sprachbegabte Tier), hat er sich mit der Bedeutung unserer Sprachbildung beschäftigt. Dabei bezog er sich auf die Gedanken der deutschen Romantik, insbesondere Humboldt, Herder und Hamann, deren Ideengewebe er als HHH bezeichnet. Er setzt er ihre romantische Idee von Sprache in Kontrast zur rationalistisch-empiristischen Konzeption von Sprache, wie sie von Hobbes, locke und Condillac formuliert wurde, die er als HLC zusammenfasst. Ein Unterschied zwischen diesen beiden Verständnisformen von Sprache ist, dass HLC davon ausgehen, dass sich zuerst einzelne Wörter bilden, aus der dann Sprachen entstehen. HHH hingegen gehen von einem Holismus der Sprache aus, sie entwickelt ich als Gewebe. Hier ist also das verbundene Ganze der Sprache primär, und nicht die getrennten Teile (Wörter). Taylor schreibt in Das sprachbegabte Tier: „Die HLC-Theorie ist durch und durch monologisch. Anerkannt werden muss hingegen der Primat der Kommunikation, des Dialogischen, Die Vertreter der HHH-Theorie sehen durchweg, dass das Gespräch der vorrangige Ort der Sprache ist. Die Sprache entwickelt sich nicht einfach im Inneren der Individuen, um sich erst anschließend zur Verständigung mit anderen auszuwachsen. Vielmehr entwickelt sie sich stets im Zwischenbereich der gemeinsamen Aufmerksamkeit, der Verbundenheit [communion].“
Auch in Bezug auf das Verständnis von Sprache selbst haben beide Theorien verschiedene Ansätze. Die HHH-Theorie führt uns dahin, „den Ort von Kunst., Literatur, Musik und Tanz im Verhältnis zum Sprachvermögen zu betrachten. Kann man zwischen diesen Dingen und der Sprache in einem engeren und konventionelleren Sinn eine Grenzlinie ziehen?“, fragt Taylor. Mit den HHH-Denkern verfolgt er eine ganzheitliche Sicht der Sprache, die sie in all diese Ausdrucksformen schöpferischen Menschseins einbettet. Als sprachbegabtes Tier sind wir als Menschen also schöpferische Wesen, die nicht anders können als im Gespräch mit der Welt zu sein. Darin begründet sich auch die schöpferische Kraft der Sprache selbst.
Ein Grundgedanke in Taylors Sprachverständnis ist, dass wir durch Sprache nicht einfach die Dinge benennen, die wir in der Welt vorfinden, sondern sie durch Sprache immer auch mitgestalten: „Romantisch ist die Idee von einer Sprache, die aufgrund ihrer Doppelnatur zweierlei vermag: Sie kann die Dinge einfach nur instrumentell benennen, sie kann aber auch Bedeutungen in Worten entdecken und neu hervorbringen. In der höheren, der poetischen Sprache erleben wir den Versuch, etwas auszudrücken, das sich uns entzieht und das uns unwillkürlich nach einem treffenderen Ausdruck suchen lässt, weil wir spüren: Dieses Wort trifft es oder trifft es noch nicht. Die Metaphern, die wir finden, sind in gewisser Weise lebendig, sie entfalten sich. Sie bringen etwas hervor, das sich genau zwischen einer rein subjektiven Projektion und einer völlig unabhängigen objektiven Realität bewegt.“
Wie Taylor anspricht, ist eine Sprachform, die diese schöpferische Dimension unseres sprechenden Menschseins besonders betont und erforscht, die Poesie. Ihr widmet sich Taylor in einem neuen umfangreichen Werk, an dem er in den letzten 30 Jahren arbeitete. Er versteht es als eine „Anwendung“ der Ideen seines Bandes Das sprachbegabte Tier. Dieses Buch mit dem Titel Cosmic Connections: Poetry in the Age of Disenchantment, das im vergangenen Jahr erschienen ist, lässt aufhorchen und wird im deutschen Feuilleton auffallend zurückhaltend rezensiert. Zu ungewöhnlich ist vielleicht der Zugang, den Taylor hier wählt: Er will die poetischen Gedanken der Romantik, insbesondere der Frühromantik, und von Dichtern, die sich in der Folge darauf beziehen, als eine Antwort auf die Krisen unserer Zeit zugänglich machen. Zu diesem Anliegen schreibt er: „Die Philosophie kann uns vielleicht sagen, wie die Dinge zusammenhängen, aber nur die Dichtung, die Poesie, die Poesie (in einem weiten Sinne, der auch andere Künste einschließt) kann die Verbindung wiederherstellen. … Ich möchte tatsächlich mit meiner Arbeit das Programm der Romantik philosophisch fortsetzen. … Für mich ist meine Arbeit aber das Gegenteil des reaktionären politischen Weltbilds, dem sich einige Vertreter der Romantik später zugewandt haben.“
Jenseits der Getrenntheit
Seine Grundthese dabei ist, dass wir Zugänge zu Erfahrungen der Verbundenheit verloren haben. Solche Erfahrungen bringen uns aber erst in eine Beziehung mit der Welt, können uns das Gefühl von Zugehörigkeit und Verantwortlichkeit schenken, aus dem Sinnempfinden und ethisches Verhalten entstehen: „In der Begegnung mit der Natur, ob es die Rocky Mountains sind, der Himalaya, die Saale oder der Pazifik, spüren die Menschen plötzlich, dass sie in einem lebendigen Zusammenhang stehen, der sich über Vernunft allein nicht erschließt.“
In Anknüpfung an seine früheren Werke zum Entstehen des modernen Individuums sieht er in der Romantik eine Form des Denkens und Lebens, in der sich das moderne freie, unabhängige Subjekt herausbildet. „Erst mit der Romantik öffnet sich die Welt der Subjekte“, erklärt Taylor. „Um 1800 hat sich in Europa eine Revolution der Empfindungsfähigkeit vollzogen, die alles verändert hat und bis heute wirksam ist.“ Gleichzeitig wird in der Frühromantik die Getrenntheit und Einengung, die aus einer „Pufferung“ des Selbst entstehen kann, kritisch befragt und es werden Möglichkeiten erforscht, Erfahrungen der kosmischen Verbundenheit zu erleben, zu denken und schöpferisch zum Ausdruck zu bringen. Dabei ist Taylor klar, dass wir heute neue Ausdrucksformen oder Beschreibungen dieser Verbundenheit brauchen: „Kosmos ist ein altes Wort für die Ordnung des Universums, deren Teil wir als Menschen sind. Aber es ist nicht veraltet, die Art der Verbundenheit hat sich nur beständig gewandelt. Heute redet man eher von der natürlichen Umwelt, von der wir uns entfremdet haben, weil wir sie als pures Instrument für unsere Zwecke behandeln. Mir geht es in meiner Arbeit um die Beziehungen des Menschen zur umgebenden lebendigen Natur, die uns etwas bedeutet. Diese kosmische Verbundenheit ist eine Quelle von Kraft und Sinn, aus der sich das moderne Selbst nährt.“
In der Romantik wird versucht, Erfahrungsräume der Verbundenheit zwischen Mensch und Welt, zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Wissenschaft und Kunst offen zu halten und zu erforschen. Taylor beschreibt sein Verständnis des Romantischen so: „Romantisch ist die Idee einer lebendigen Natur, mit der die menschliche Seele kommunizieren kann, weil diese Natur auch in uns wirksam ist. Romantisch ist das unendliche Streben des Menschen nach etwas Kommendem, das unabschließbar ist; Sprache und Gefühl können sich ihm annähern, und erst so kann sich unser Selbst mehr und mehr verwirklichen und sich selbst bestimmen. Romantisch ist die Freiheit, in der Kunst nach einer künftigen Einheit mit der Natur zu suchen, aber nicht, indem man platt auf ideale Vergangenheiten wie das Mittelalter oder die Renaissance zurückgreift. Vielmehr gleicht die Geschichte einer Spirale: Aus dem, was einmal war und verloren ist, kann erst künftig, im Durchgang durch die Vernunft, eine neue Wirklichkeit werden.“ Eine Gedichtpassage von Wordsworth (aus “Lines Composed a Few Miles above Tintern Abbey”), die eine romantische Gestimmtheit der Verbundenheit anspricht, zitiert Taylor mehrfach in seinem Buch:
Und ich spürte
eine Gegenwart, die mich mit der Freude
hoher Gedanken erschüttert; ein erhabenes Gefühl
von einem weitaus tieferen Durchdringen,
dessen Anwesenheit das Licht untergehender Sonnen ist,
und der weite Ozean und die lebendige Luft,
und der blaue Himmel und im Erkennen des Menschen:
Eine Bewegung und ein Geist,
der alle denkenden Dinge, die Inhalte aller Gedanken antreibt,
Und sich durch alle Dinge zieht.
Übersetzung und subtilere Sprache
Um den poetischen Umgang mit Sprache zu verdeutlichen, bezieht sich Taylor unter anderem auf die Idee der Übersetzung, die der Philosoph und Mystiker Johann Georg Hamann geprägt hat. In seinem Denken ist die gesamte Welt, Natur und Schöpfung eine Form von Mittheilung, in diesem Sinne eine Sprache. Darin ist Gott ein Dichtender und die Poesie Gottes zeigt sich in der Natur und Geschichte. Hamann schreibt: „Jede Erscheinung der Natur war ein Wort – das Zeichen, Sinnbild und Unterpfand einer neuen, geheimen, unaussprechlichen, aber desto innigeren Vereinigung, Mittheilung und Gemeinschaft göttlicher Energien und Ideen. Alles, was der Mensch am Anfange hörte, […] war ein lebendiges Wort; denn Gott war das Wort.“ Diese Gedanken Hamanns inspirierten auch die Poeten der Romantik, wie man in der Resonanz von Novalis hört, der schreibt: „Alles, was wir erfahren, ist eine Mittheiluung. So ist die Welt in der Tat eine Mitttheilung – Offenbarung des Geistes.“
Wenn die Schöpfung eine Mitteilung ist, dann ist es unsere Aufgabe, sie zu entschlüsseln. Das gelingt nicht direkt, sondern nur in der Übersetzung durch unser schöpferisches Antworten und Mitgestalten in Bildern und Symbolen eines bildhaften Denkens. In dieser Mitschöpfung des Übersetzens können wir eine „Epiphanie“ erleben, wie es Taylor nennt, die uns mit der Welt verbindet und uns ermutigt und ermächtigt, durch unseren kreativen Ausdruck an ihr teilzuhaben: „Eine Sprache der Epiphanien gibt uns das Empfinden, das wir gerufen werden: wir erhalten einen Ruf. Da ist etwas oder jemand, das uns anruft.“ Eine Form dieses Antwortens ist die Poesie. Im romantischen Denken ist „unsere Sprache eine Antwort auf die Sprache Gottes der Symbole oder Signaturen in der Welt“, schreibt Taylor. Dieses Antworten erfolgt durch eine Übersetzung. Deshalb ist „Sprache ihrem Ursprung nach dialogisch und entfaltet sich im Austausch zwischen Menschen.“ Die Freiheit des Menschen liegt hierbei darin, einen Teil zu einem größeren Gespräch beizutragen.
Dabei entfaltet die Dichtung eine „subtilere Sprache“. Es ist eine Sprache, die die tieferen Kräfte, die „zugrundeliegenden Muster“ des Lebendigen zum Ausdruck bringen will. Hier greift Taylor einen Ausdruck des Literaturwissenschaftlers Earl Wasserman auf, der den Begriff der subtileren Sprache mit Bezug auf die romantische Dichtung geprägt hat. Wasserman charakterisiert damit den Versuch der romantischen Dichtung, in der Sprache selbst die Verbundenheit zur Welt zugänglich zu machen. Aber nicht als die Wiedergabe oder den Verweis auf eine starre, gegebene kosmische Ordnung, sondern als schöpferischen Akt der Mitgestaltung und Verzauberung der Welt. Es gibt in der Moderne keine übergreifenden Mythenwelten, in die sich die Dichter einfügen können, deshalb versuchen einige von ihnen, ihre eigenen mythologischen oder symbolischen Bezüge einer subtileren Sprache zu finden, wie die „Götter“ bei Hölderlin oder „die Engel“ bei Rilke. In diesem Bezug auf ein kosmisches Ganzes, an dem wir teilhaben, erhält diese Dichtung ihre Verbundenheit stiftende Kraft. Gerade die Gedichte von Hölderlin und Rilke tragen diese Ahnung bis in die Gegenwart.
Im Zwischenraum
In seinem Buch nun macht Taylor deutlich, wie diese romantische Lebenshaltung Ausdruck findet bei Dichtern wie Hölderlin und Novalis, bei Shelley, Keats, Rilke, Wordsworth, Hopkins, Baudelaire, Mallarmé, T.S. Elliott oder Czeslaw Milosz. Dabei fasst er die romantische Praxis der Verbundenheit in acht Punkten zusammen. (1) Die Natur ist nicht nur ein totes Gegenüber, das wir benutzen können, sondern ein lebendiger Organismus, mit dem wir verwoben sind. (2) Wir können mit dem Lebendigen kommunizieren, zum Beispiel durch die Kunst. (3) Und diese lebendige Natur entfaltet sich in einen schöpferischen, evolutionären Prozess. (4) So wie wir als Menschen auch, wir entfalten uns ebenfalls und sind nicht statisch. (5) Die Entfaltung der lebendigen Welt und des Menschen sind nicht getrennt. Durch unser schöpferisches Wirken gestalten wir an der Entfaltung der Welt mit. (6) In der Fähigkeit zum Gestalten findet der Mensch zu der Freiheit eines seiner selbst bewussten Ichs. (7) Deshalb ist es möglich, dass im Menschen die schöpferische Freiheit und die Verbundenheit mit dem sich entfaltenden Kosmos sich vereinen. (8) Aber diese Einheit wird nie erreicht werden, bleibt Ideal und Prozess. Hier bezieht sich Taylor auf die romantische Ironie, die sich einem neuen Dogma oder einer Ideologie versagt.
In seinem Buch beschreibt er anhand vieler Gedichtbeispiele, wie verschiedene Dichter diese Ideen umgesetzt haben. Wichtig ist ihm dabei, dass die Poesie Erfahrungen der Verbundenheit eröffnet, die in einem „Interspace“, einem Zwischenraum zwischen dem Menschen und der lebendigen Welt möglich werden. Für Taylor ist dieser Interspace nahezu synonym mit der Resonanz, die der Soziologie Hartmut Rosa erforscht. Kein Wunder, dass Rosa und Taylor einander sehr schätzen und ihr Denken in Resonanz zueinander empfinden. Den Zwischenraum der Resonanz beschreibt Taylor so: „Die Poesie lässt zwischen dem Subjektiven und der physischen Welt offene Spielräume der Erfahrung und der Deutung, und in diesem Dazwischen kann entstehen, was uns verzaubert.“
Für Taylor ist die Poesie, die Musik und allgemein die Kunst oder weiter gefasst ein poetischer Weltzugang eine Form, den Zwischenraum der Resonanz zu bewohnen, darin zu verweilen: „Was aber bleibt, ist die entscheidende Kraft der Poesie, die Bedeutung eines Zwischenraums (Interspace) – die Situation eines Menschen in einer gegebenen Situation, im Verhältnis zur Natur oder noch allgemeiner im Verhältnis zur Zeit und zur Welt – so zu erfassen, dass sie ein starkes Empfinden für ihre Bedeutung für unsere Sinnerfahrung, unsere Erfüllung oder unser Schicksal umfasst und vermittelt. … die offenbarende und verbindende Kraft der Poesie ist der rote Faden, den ich hier verfolgen möchte.“
Sinnbereiche
Sind Erfahrungen der Verbundenheit und Sinnhaftigkeit hierbei lediglich subjektiv oder liegt ihnen auch eine objektive Wirklichkeit zugrunde? Sind sie der Wirklichkeit inhärent? Um diese Fragen zu bewegen und die Relevanz des Poetischen zu betonen, lädt Taylor zu einem Gedankenexperiment ein. Er geht aus von den Sinnbereichen, die wir als Menschen erfahren. Es gibt biologische und psychologische Sinnbereiche, die man wiederum in starke und schwache Sinnerfahrungen unterteilen kann:
Menschlich/Psychologisch | Biologisch/Körperlich | |
Stark | Beethoven, Ärzte ohne Grenzen | Luft, Wasser |
Schwach | Rosen oder Pfingstrosen | Eiscreme |
Schwache körperliche Sinnerfahrungen sind Vorlieben, die wir haben. Ich mag zum Beispiel Pistazieneiscreme. Der Lieblingsgeschmack ist für jeden Menschen unterschiedlich. Starke körperliche Sinnerfahrungen sind die Luft zum Atmen oder das Wasser zum Trinken, ohne die mein Leben nicht möglich wäre. Das ist für uns alle so. Ebenso gibt es im psychologischen Bereich schwache Sinnerfahrungen: mich sprechen Rosen mehr an als Pfingstrosen. Das ist ebenfalls für jeden Menschen unterschiedlich. Aber es gibt, so argumentiert Taylor, auch im menschlich-psychologischen Bereich starke Sinnerfahrungen, die nicht nur dem persönlichen Geschmack entspringen. Als Beispiel gibt der die Musik Beethoven, die in uns ein tiefes existenzielles Erleben von Schönheit eröffnet, oder ein ethisch begründetes Engagement wie bei den „Ärzten ohne Grenzen“. Alle Menschen könnten, so Taylor, wahrnehmen, das sich hier ein Gutes, Wahres und Schönes zeigt, das universell menschlich ist. Ausgehend von diesen Überlegungen fragt Taylor nun: „Liegt das Erkennen und Verbinden mit einer umfassenden Bewegung in der Natur im oberen linken Quadranten, oder fällt es in den unteren Quadranten?“ Ist es also ein Interesse, eine Vorliebe, die manche Menschen haben, oder gehört es innewohnend und notwendig zu einem menschlichen Leben im eigentlichen Sinne? Eine Frage, die eine tiefere Reflexion verdient.
Epistemischer Rückzug
In einem weiteren erkenntnistheoretischen Gedankengang bezeichnet Taylor den sich wandelnden Zugang zum Resonanzraum des Dazwischen der Verbundenheit als einen epistemischen Rückzug, in dem wir nicht nur nach einem vollständigen Verstehen und Wissen suchen, sondern auch Raum lassen für das Staunen, das Geheimnis und das, was wir nicht wissen: „Mir geht es um einen epistemischen Rückzug, und das soll heißen: nicht immer bloß auf wissenschaftliche Erklärung orientiert und fixiert sein, sondern auch die Macht des Unerklärlichen und des Unverfügbaren spüren.“
Mit dem Begriff des epistemischen Rückzuges verdeutlicht Taylor auch eine Haltung, in der wir nicht mehr von gegebenen und unveränderlichen kosmischen Ordnungen ausgehen, wie sie sich beispielswiese in einer „Großen Kette des Seins“ mit hierarchischen Abstufungen zwischen Ebenen der Existenz im Denken und der Spiritualität des Mittelalters oder der Renaissance zeigten: „Frühere Autoren und Denker führten ihre Vorstellungen von kosmischen Ordnungen als grundlegende Wahrheiten an; aber ihre post-romantischen Nachfolger konnten nur noch den Zwischenraum (Interspace) beschreiben.“ Die Romantik war ein erster Schritt in diesem Rückzug, weil die kosmische Verbundenheit nicht mehr in einer vorgegebenen kosmischen Ordnung gesucht wurde, sondern in einer übergreifenden Ordnung, die der Dichter selbst imaginiert, wie die „Götter“ bei Hölderlin oder die Kraft, die alle Dinge durchzieht, bei Wordsworth. „Sie (Wordsworth and Hölderlin) geben uns Bilder für die kosmische Ordnung, die den traditionellen Bildern der Epoche vor der Aufklärung ähneln. Ihr epistemischer Rückzug zeigt sich darin, dass ihre Poesie eine Erfahrung einer Ordnung vermittelt, ohne die Bestätigung ihrer Wahrheit bei einer übergreifenden Geschichte (theistisch oder anders) zu suchen. Die Symbolisten [z. B. Verlaine, Rimbaud, Valéry] gehen in diesem Rückzug einen Schritt weiter, weil ihre Symbole unbestimmter und suggestiver sind; sie rufen bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Reaktionen hervor, … nur die Kraft ihrer emotionalen Wirkung scheint wichtig ….“ Man kann diesen Rückzug also so verstehen, dass die Erfahrung kosmischer Verbundenheit uns weiterhin erfüllt und berührt, aber wir weniger metaphysische Schlüsse daraus ziehen oder daraus Gewissheiten gewinnen wollen. Egal, ob diese Gewissheiten aus religiösen oder wissenschaftlichen Welterklärungen kommen. Der Zwischenraum, der Interspace für Staunen, Geheimnis, Ehrfurcht, Nichtwissen bleibt offen für das forschende Fragen. Dieser Zwischenraum ist auch der Lebensraum des Poetischen.
Der epistemische Rückzug setzt sich laut Taylor fort, vor allem auch mit der Entdeckung der Evolution, in der sich Natur und Kosmos nicht als statisches, sondern als sich entfaltendes Ereignis zeigen. Dabei wird die Wissenschaft, verstanden im Sinne von Alexander von Humboldt und Goethe zu einer Weise, diese sich entfaltende lebendige Welt zu erklären und sich mit ihr zu verbinden: „ … die Ordnungen und Verbindungen, die Humboldt inspirierten, wurden nicht durch Poesie hervorgebracht, sondern durch wissenschaftliche Beobachtung und Experimente: die Entdeckungen können weiterhin die Poesie inspirieren, entstehen aber nicht daraus. Wie Humboldt erklärte, war die wissenschaftliche Vision der Natur, die er entwickelte, von vornherein schon ‚poetisch‘“.
Hier wird eine „poetische Wissenschaft“ in der Tradition Goethes und Humboldts angesprochen, die zu den ökologischen Gedanken und dem Aktivismus von Henry Thoreau und John Muir führte, die sich für die Wiederverbindung mit dem Lebendigen und den Schutz der Wildnis aussprachen. Diese Bewegung setzt sich in der tiefenökologischen Bewegung fort, in der die Dichterin und Aktivistin Joana Macy eine prägende Stimme wurde. Eine ihrer wichtigsten Inspirationen ist die Dichtung Rilkes. Auch die goetheanische Forschung, die aus der Anthroposophie Rudolf Steiners entspringt, verfolgt diesen Impuls. Bis hin zum Nature Writing und der neuen biologischen Forschung über Tiere, Pflanzen, Pilze und Ökosysteme, wie sie sich heute in Schriften von Robin Wall-Kimmerer, Andreas Weber, Merlin Sheldrake und vielen anderen zeigt. In vielen dieser ökologischen Texte wird ausdrücklich von einer poetischen Wahrnehmung der Welt gesprochen und es werden Bezüge zur Poesie gesucht und aufgegriffen. (vgl. evolve 46: „Die Wiederentdeckung des Lebens: Einsichten der neuen Biologie“)
Den Wandel hin zu einem ökologischen Bewusstsein beschreibt Taylor so: „womit wir Verbindung suchen, ist nicht länger ein Kosmos, sondern die Natur: das heißt, die komplexe, verwobene und verletzliche Ordnung der Lebewesen auf unserem Planeten. Viele von uns wollen ein Gefühl der Zugehörigkeit wiedererlangen, ein Gefühl der Teilhabe an dieser größeren Ordnung, um davon genährt zu werden und in Solidarität mit ihr zu leben, angesichts der schrecklichen Zerstörung, die sie heute bedroht.“ Dabei ist heute die Poesie nicht mehr die einzige und vielleicht auch nicht wichtigste Form, diese Verbundenheit hervorzubringen: „Detaillierte Beschreibungen oder wissenschaftliche Erklärungen der tieferliegenden Ursachen können ebenfalls unsere gefühlte Beziehung zur natürlichen Welt verändern; vielleicht sogar effektiver als die Poesie es vermag.“
Poesie und Naturwissenschaft sind dann einander ergänzende, befruchtende Wege, um eine lebendige Verbindung in uns anzusprechen, die auch zu einem Wandel unseres Bezugs und unseres Verhaltens gegenüber der lebendigen Welt führt. Hier könnte man von einer „Pragmatischen Romantik“ sprechen, wie sie von metamodernen Denkern beschrieben wird.
Metamoderne: Eine Kultur des Dazwischen
Mir scheint, man kann mehrere Resonanzen in Taylors Überlegungen mit dem finden, was als metamodernes Denken bezeichnet wird. Mit Metamoderne ist eine plurale Bewegung von Denkern und Aktivisten gemeint, die im weitesten Sinne nach einer Kultur und Denkform über die Postmoderne hinaus suchen. In Abgrenzung zur Moderne, die Taylor mit Individualismus und Säkularisierung charakterisiert hat, und der Postmoderne mit ihrer Kritik an der Herrschaft westlicher Welterklärungen, den Vorstellungen von Fortschritt und der Kolonialisierung, sucht das metamoderne Denken ein Dazwischen, das gleichzeitig über beide hinausgeht. Metamoderne bezieht sich auch in der Bezeichnung auf das griechische Metaxis als das „Zwischen“ und wurde zunächst von Kulturwissenschaftlern geprägt. Sie erkannten in neuen Kunstwerken eine Qualität, die über postmoderne Kunst hinausging. Es wurde nicht nur dekonstruiert, ironisch hinterfragt und nihilistisch gebrochen, sondern die Erfahrung eines größeren Ganzen, eines Sinnes, einer Verbundenheit wurde angesprochen. Nicht als neue Theorie oder Welterklärung, sondern als offener Prozess.
Wie im Denken Taylors ist die Eröffnung von Erfahrungsräumen der Verbundenheit ein Anliegen der Metamoderne, die man als eine Weiterführung des integralen Denkens verstehen kann, wie es in unterschiedlicher Weise von Sri Aurobindo, Jean Gebser oder Ken Wilber formuliert wurde. In der Metamoderne wird in einem integrierenden Sinne der Bereich zwischen den Polen als lebendiger Forschungsraum eröffnet. „Die Metamoderne“, so die Kulturwissenschaftler Timotheus Vermeulen und Robin van den Akker, „oszilliert zwischen modernem Enthusiasmus und postmoderner Ironie, zwischen Hoffnung und Melancholie, zwischen Naivität und Wissen, Empathie und Apathie, Einheit und Pluralität, Totalität und Fragmentierung, Reinheit und Mehrdeutigkeit“. Der metamoderne Vordenker Hanzi Freinacht verwendet Begriffsformen wie pragmatische Romantik, pragmatischer Idealismus, informierte Naivität, magischer Realismus oder ironische Ernsthaftigkeit, um auf eine flexibel verbindende, oszillierende Qualität des metamodernen Denkens hinzuweisen. In der Metamoderne wird Ironie hierbei ganz ähnlich verwendet, wie wir es bei Taylor kennengelernt haben: als einen Verweis darauf, dass all unsere Erklärungen nur vorübergehend und fragmentarisch sind. In der Skepsis gegenüber übergreifenden Welterklärungen bei gleichzeitiger Wertschätzung von Erfahrungen der Verbundenheit und Sinnhaftigkeit sehe ich auch eine Nähe zu Taylors Idee eines epistemischen Rückzugs.
Wie schon erwähnt, hat Hanzi Freinacht den Begriff einer „pragmatischen Romantik“ formuliert und erklärt ihn so: „Pragmatische Romantik ist das Prinzip, eine uneingeschränkt romantische Haltung zum Leben einzunehmen, wie die leidenschaftlichen Maler, Dichter und Philosophen der Romantik im 19. Jahrhundert, und das auf eine möglichst pragmatische Weise“. Denn, so Freinacht, die Zeiten haben sich dramatisch geändert und Krisen wie die Klimakatastrophe werden durch Verzauberung der Welt allein nicht zu lösen sein. Aber wir können einen Ort inmitten der Spannung zwischen romantischer Verzauberung und pragmatischen Notwendigkeiten finden, woraus, so Freinacht, Bewegungen entstehen können, „die aus dem Geist der Romantik heraus arbeiten und auf reale Lösungen abzielen“. In diesem Anliegen finde ich eine starke Resonanz zu den Ideen, die Charles Taylor formuliert.
Für Hanzi Freinacht steht hinter einer solchen pragmatischen Romantik »das Prinzip, eine uneingeschränkt romantische Haltung zum Leben einzunehmen, wie die leidenschaftlichen Maler, Dichter und Philosophen der Romantik im 19. Jahrhundert, und das auf eine möglichst pragmatische Weise.« Denn, so Freinacht, die Zeiten haben sich dramatisch geändert, und Krisen wie die Klimakatastrophe werden durch Verzauberung der Welt allein nicht zu lösen sein. Aber wir können einen Ort inmitten der Spannung zwischen romantischer Verzauberung und pragmatischen Notwendigkeiten finden, woraus, so Freinacht, Bewegungen entstehen können, »die aus dem Geist der Romantik heraus arbeiten und auf reale Lösungen abzielen«.
Ethik der Verbundenheit
Wie in der metamodernen Zusammenführung von romantischer Innerlichkeit und ethischem Handeln geht es auch Taylor als politischen Philosophen und Aktivisten nicht nur um eine individuelle Öffnung für Erfahrungen der „kosmischen Verbundenheit“ und „Wiederverzauberung der Welt“. Taylor sieht in den Erfahrungsräumen unserer Ungetrenntheit von der Welt wichtige ethische Implikationen. Trotz aller Rückschläge geht er von einem moralischen Fortschritt aus: „Ethisches Wachstum kann es nur in deren wechselseitiger Anerkennung und Versöhnung geben, auch wenn wir gegenwärtig Rückschläge erleben. … Die Geschichte hat die Form einer Spirale. Menschen verfügen über eine Offenheit gegenüber der umgebenden Welt, die ihnen etwas zu sagen hat und mit der sie in vielfältiger Weise in Beziehung stehen. Von dieser Offenheit auszugehen, ist auch inmitten von Katastrophen nicht unvernünftig.“
Diese Offenheit versetzt uns als Menschen in eine Haltung des poetischen Staunens, in der wir auf die lebendige Welt lauschen können. Eine solche Empfänglichkeit ist für Taylor auch eine Quelle ethischen Handelns: „Beides ist notwendig: ein politisch wirksames vernünftiges Handeln gegen die ökologische Zerstörung und ebenso ein Denken, das uns Menschen als Winzlinge in einer umfassenden Ordnung wahrnimmt, die durch unser Handeln ihre machtvolle Schönheit verlieren kann und gerade uns etwas zu sagen hat. Der Kampf gegen den Klimawandel muss durch eine Koalition dieser beiden Kräfte erfolgen.“
Die Seele der offenen Gesellschaft
Eine Offenheit für das Unerklärbare, Unverfügbare, das uns übersteigt, ist auch für Gesellschaften unerlässlich. Vielleicht könnte man sagen, dass Taylor mit Bezug auf die Poesie und die Romantik versucht, die Offenheit der offenen Gesellschaft tiefer zu gründen als nur in Gesetzen und Regeln des Zusammenlebens. Was ist das Herz, die Seele einer offenen Gesellschaft, in der das, was uns als Menschen miteinander und mit der Welt verbindet, der schöpferische Lebensraum gemeinsamen Gestaltens wird? Nicht als neues Dogma, sondern als offener Prozess im Zwischenraum des Verstehens und Dialoges.
Als ein Beispiel für die politische Wirkung des Poetischen führt Taylor den polnischen Dichter Czeslaw Milosz an, von dem der Ausspruch stammt: „Was ist Poesie, wenn sie nicht Menschen oder Nationen rettet?“ Die Gedichte von Milosz waren im kommunistischen Polen sowohl bei der Opposition als auch in kirchlichen Kreisen beliebt. So spielte er eine wichtige Rolle dabei, die linken progressiven und religiösen konservativen Kräfte des Widerstands zu vereinen, was dazu beitrug, das Regime zu stürzen.
Weil Poesie einen Zwischenraum des Erlebens eröffnet und sich nicht auf ideologische Positionen bezieht, sieht Taylor darin etwas Verbindendes, über alle Unterschiede hinweg. Darin liegt für ihn auch eine Inspiration dafür, wie eine Gesellschaft trotz unterschiedlicher Sichtweisen und Lebensformen sich um eine gemeinsame Mitte finden kann. Und das scheint heute besonders wichtig. In diesem Sinne gibt Charles Taylor, mittlerweile 94-jährig, einen wichtigen Impuls zum Verstehen und zur Transformation unserer Kultur aus der Kraft einer romantischen Wiederverzauberung der Welt: „Den Zauber im Sinne von Magie und von Geisterglauben haben wir zum Glück durch die Aufklärung überwunden, darin stimmen sicher die meisten überein. Aber den Zauber im Sinne von lebendigen Bedeutungen und einem Gefühl kosmischer Verbundenheit vermissen wir. Dieser Zauber fehlt uns auch als Kraftquelle, um die Probleme unserer Zeit handelnd lösen zu können.“
Zitate von Charles Taylor aus Cosmic Connections und einem ZEIT-Interview.
Charles Taylor im ZEIT-Interview:
https://www.zeit.de/2024/30/charles-taylor-welt-kosmos-verbindung-romantik-cosmos-connections
Charles Taylor bei Sternstunde Philosophie:
https://www.youtube.com/watch?v=4gCCagaNqNY
Video-Interview (Englisch) über Cosmic Connections:
https://www.youtube.com/watch?v=0zbMGG2ylMs