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Dem Leben auf den Grund gehen

Mein journalistisches Schreiben ist eng mit der redaktionellen Arbeit des Magazins evolve verbunden und hat dadurch einen ganz bestimmten Entwicklungsfaden und Erfahrungsraum erhalten. In jeder Ausgabe setzen wir uns mit einem Schwerpunkt-Thema auseinander, das wir intensiv und aus verschiedenen Perspektiven dialogisch bearbeiten. Dialogisch bedeutet für uns, dass wir Zugänge schaffen, die sich einerseits deutlich voneinander unterscheiden, die aber gleichzeitig Schnittmengen und Überlappungen bilden. Das ermöglicht eine Multiperspektivität, die einzigartige Impulse enthält, die etwas Verbindendes aufweisen. Journalismus, der sich daran orientiert, kann sich auf Gestaltungsprozesse und Gestaltungsräume beziehen, das vermeidet konfrontative Grundhaltungen und setzt spannende schöpferische Potenziale frei. Das ist ein transformativer Journalismus, der die Lesenden in neues Denken, Spüren und Erfahren einlädt.

Zu unseren letzten Themen gehörten: Klimawandel, Reife, Geld, Religion oder Heimat. Neben diesem thematischen Fokus greifen wir in jeder Ausgabe uns inspirierende Projekte, Initiativen, Künstler und Biografien auf, denen wir mehr Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit wünschen. Auf dieser Seite finden Sie einige meiner ausgewählten Artikel und Essays.

Für mich ist das journalistische Schreiben ein sich ständig vertiefender und erweiternder Dialog mit einem Thema, dem ich auf den Grund gehen kann. Dabei ist es mir wichitg, möglichst viele Blickwinkel einzubeziehen und etwas anzurühren, das noch nicht gesagt wurde oder gesagt werden will. Gleichzeitig möchte ich im Schreiben auch meine eigenen Prozesse, Fragen und Unsicherheiten offenlegen und nicht so sehr Antworten geben, als beim Lesenden ein weiteres Forschen und Vertiefen anstoßen.

Artikel | Mike Kauschke

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Geheimnisse reden zu uns

Warum die Poetisierung der Welt politisch ist

Tiefe Erfahrungen mit dem unbenennbaren Urgrund unseres Lebens werden oft mit religiösen oder spirituellen Begriffen beschrieben. Aber es gibt noch eine andere, wenn auch eng verwandte Spur, in der solche inneren Erlebnisse als die Quelle und der eigentliche Lebensraum des Poetischen verstanden werden. Und dieses Poetische kann uns vielleicht gerade heute als Lebenspraxis nicht nur persönlich, sondern auch ökologisch, sozial und politisch neue Möglichkeiten des Wahrnehmens und Handelns erschließen.

Als ich für diese Ausgabe von evolve im Rahmen unserer verschiedenen Rubriken mit unseren Interviewpartnern sprach, stellte ich am Ende meist noch die Frage, ob sie sich auch mit unserem Titelthema verbinden können, ob für sie in irgendeiner Weise das Heilige eine Rolle spielt. Ich war überrascht, dass beispielsweise die Tänzerin Kirstie Simson, der Zeichner Rafael Araujo oder der junge Lebenskünstler Pierre Lischke auf ihre eigene Weise sofort wussten, wovon ich spreche. Und mehr noch, als diese Sphäre des Erlebens zur Sprache kam, veränderten sich auch die Gesprächspartner, ihre Augen leuchteten und sie fühlten sich in etwas Essenziellen, Kostbaren angesprochen, das ihre schöpferischsten Momente betraf, in denen sie sich mit etwas Größerem verbunden und davon durchströmt fühlen. Und dadurch bekam auch das Gespräch eine besondere Atmosphäre, als würden wir uns in einem tiefen, intimen Erleben begegnen, das im Innersten aufscheint, aber gleichzeitig etwas ist, das uns alle verbindet.

Ewige Augenblicke

Interessant an diesen Gesprächen war auch, dass meine Interviewpartner sagten, dass sie solche Erfahrungen, in denen sie tiefe Lebendigkeit und einen sie übersteigenden Sinn erfuhren, nicht als »heilig« bezeichnen würden, sie aber sehr wohl so empfinden, dass sie darin eine Dimension des Mysteriums berühren. Und jeder von uns kennt wohl solche Erlebnisse, in denen wir uns von etwas Größerem angesprochen fühlen, wenn wir wie jetzt im Frühling die ersten Blumen sehen und uns im Geheimnis ihres schönen Erscheinens verlieren, oder wenn wir auf andere Weise in der Größe der Natur aufgehen, in der Majestät der Berge oder der Unendlichkeit des Meeres. Oder wenn wir ganz aus dem Inneren etwas in die Welt bringen und nicht so genau wissen, woher es kommt, sei es ein Wort, eine Idee, ein Kunstwerk oder ein nächster Schritt in unserem Leben. Oder wenn uns eine Begegnung mit einem anderen Menschen tief berührt mit der Empfindung, sich ganz tief, wie aus einer Dimension jenseits von Zeit und Raum zu kennen. Oder wenn wir ein Neugeborenes in den Armen halten oder einem Sterbenden die Hand halten und spüren, wie dieses Menschenleben in einem größeren Sein geborgen ist, und wir mit ihm. Oder wenn wir einem Tier in die Augen schauen und intuitiv wissen, dass wir Teil eines großen Lebens sind. Es ließen sich wohl noch unendlich viele solcher Erfahrungen andeuten. Und jedes Gespräch wird von diesem Klang des Geheimnisses berührt, wenn wir uns über solche kostbaren Momente austauschen oder unvermittelt gemeinsam einen solchen ewigen Augenblick erleben.
Solche Erlebnisse bringen uns in eine unmittelbare Begegnung mit dem Mysterium unseres Lebens. Was wir über die Welt zu wissen meinen, verblasst, und es öffnet sich ein unendlicher Raum der Wahrnehmung, des Staunens, der Ehrfurcht und der Verbundenheit. Solche Räume des Erlebens waren immer auch die Quelle der Poesie und einer poetischen Hinwendung zur Welt. An der Wirkung der Poesie hat mich immer fasziniert, dass sie nicht über etwas spricht – und sei es das Heilige –, sondern versucht, aus dem Mysterium selbst zu sprechen. Die Sprache so tief zu verwandeln, dass durch den Glanz der Worte selbst das Licht aufscheinen kann, das in allem wirkt. Und wenn ich ein Gedicht lese, begegne ich nicht nur den Worten und dem Dichter, der sie geschrieben hat, sondern auch dem Geheimnis, aus dem er schöpfen konnte. Das ist die dialogische Magie des Gedichts.
Aber Poesie geht doch auch weit über dieses Berührtsein beim Schreiben oder Lesen eines Gedichts hinaus, man könnte das Poetische vielleicht auch als eine existenzielle Gestimmtheit und Wandlungskraft verstehen, die gerade in unserer heutigen Zeit vielleicht besonders relevant ist.

Romantisieren der Welt

Solch ein umfassendes und transformatives Verständnis von Poesie begegnete mir zum ersten Mal bei den Dichtern und Denkern der Frühromantik, die als Alternative zum beginnenden Rationalismus und Materialismus im Zuge von Aufklärung und Französischer Revolution die Vision der »Romantisierung der Welt« ausrief. Dieses Romantisieren sollte die Erfahrungen des Geheimnisvollen, Unnennbaren und Verbindenden zur Grundlage unseres schöpferischen Umgangs mit der Welt machen: »Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es«, schrieb Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte, »der Neuland Bestellende«. Das Neuland der Poesie, das die Frühromantiker vor Augen hatten, sollte die Lebens- und Erfahrungsbereiche des Menschen, die sich immer mehr zu trennen und auch zu fragmentieren begannen, neu zusammenführen: Fantasie und Verstand, Geist und Natur, Wissenschaft und Kunst, Körper und Seele, inneres Erleben und äußeres Handeln. Die frühen Romantiker waren keine Schwärmer, sie waren auch Denker, Philosophen, Wissenschaftler auf der Höhe ihrer Zeit – und ihr in vielem weit voraus. Sie waren geleitet von der Idee, dass alles Wissen oder rationales Erkennen nie getrennt sein sollte vom Geheimnis, dem Wunder des Lebens, vom Duft der blauen Blume, die Novalis als Symbol der Romantik ausrief. Sie waren auch nicht nur geniale Einzelgänger, für sie war das Ideal ein Sym-poetisieren und Sym-philosophieren, ein gemeinsames, dialogisches Poetisieren, das sie in ihrem Freundeskreis experimentell erprobten.
Dieses Dialogische in der Poesie begegnete mir auch kürzlich bei einem Dichter der Gegenwart. Als ich vor einiger Zeit an der Übersetzung eines Buches von David Whyte arbeitete, beeindruckte mich, wie er in Essays zu alltäglichen Worten im Grunde versucht, unserer ganz menschlichen Erfahrung die Tiefe des geheimnisvollen und universell Bedeutungsvollen zurückzugeben, in dem, was er »the conversational nature of reality« (das dialogische Wesen der Wirklichkeit) nennt. Für ihn ist unser Leben ein einziger, vieldimensionaler Dialog mit dem Mysterium. Und bei ihm ist dieses Geheimnisvolle kein harmlos-beglückendes Gefühl, sondern gerade auch das Erschüttert-werden von den großen, letzten Fragen des Daseins, wie Tod, Verlust, Trauer, Schmerz, Enttäuschung.
Ein poetischer Weltzugang ist auch deshalb heute so zukunftsweisend, weil wir in der Welt mit soviel Gebrochenheit zu tun haben, mit Leiden und Krisen auf unterschiedlichsten Ebenen. Und wir merken, dass eine technische, rationale Weltsicht in vielem die Ursache dieser Krisen ist und dass Lösungen aus der gleichen rationalen Dimension zu kurz greifen. Deshalb könnte eine Neuverzauberung der Welt, die uns am Wunder des Lebens mitfühlend teilhaben und daraus handeln lässt, neue Möglichkeiten aufzeigen. Gerade auch, was einen achtsam-verbundenen Umgang mit der Natur betrifft, wie ihn der Biologe Andreas Weber beschreibt: »Unsere zutiefst empfindende und ausdrucksvolle poetische Existenz entfalten wir als ein fühlender Teil eines organischen Ganzen.«
Natürlich kann das Poetische gerade in einer postmodernen, in vielerlei Hinsicht selbstbezogenen Kultur auch zu einem verdrängenden Schwärmen werden, und selbst Texte von Dichtern, die zutiefst mit der Existenz gerungen haben, wie Rainer Maria Rilke, können zu Poesiealbumtexten gemacht werden, die man mit gutem Gefühl auf Facebook teilt. Auch deshalb haben mich immer die Dichter besonders berührt, die gerade in ihrer Gebrochenheit und ihrem existenziellen Erschüttert-sein die Tiefe des Menschseins berührten und vermochten, sie zum Ausdruck zu bringen, wie Georg Trakl, Else Lasker-Schüler oder Paul Celan. In der Gebrochenheit ihrer Dichtung und ihres Lebens rührten sie immer wieder kraftvoll an das Mysterium, das sich gerade dann zeigen kann, wenn unsere individuellen verstandesmäßigen Antworten ins Leere gehen.

Im Mysterium

Aber was sind eigentlich die Qualitäten des Poetischen, die für uns heute neu relevant sein könnten? Zunächst kann man vielleicht sagen, dass das eigentliche Lebensfeld des Poetischen das Geheimnis, das Mysterium ist. Eine poetische Gestimmtheit gibt unserem eigenen Erleben Unschuld, Tiefe, Ehrfurcht und Staunen, die uns so öffnen, dass wir mit einem neuen Blick uns selbst, die Anderen und die Welt betrachten können. Dem poetischen Blick kann alles zum Mysterium werden, wie es die Dichterin Rose Ausländer in einem Gedicht beschreibt: »Die Seele der Dinge/läßt mich ahnen/die Eigenheiten/unendlicher Welten. Beklommen/such ich das Antlitz/eines jeden Dings/und finde in jedem/ein Mysterium. Geheimnisse reden zu mir/eine lebendige Sprache. Ich höre das Herz des Himmels/pochen/in meinem Herzen.«
Um in Resonanz mit diesem Mysterium gehen zu können, um sich dialogisch der unbekannten, überraschenden Tiefe eines Menschen, eines Lebewesen, eines Ereignisses, der Natur, des Kosmos zu öffnen, ist ein einfühlsames Lauschen, eine Berührtheit und Verletzlichkeit notwendig, die David Whyte als »grundlegende, allgegenwärtige und beständige Unterströmung unseres natürlichen Zustands« bezeichnet.
Diese Empfindungstiefe eröffnet auch eine weitere Qualität des Poetischen, das Schöpferische und Kreative. Denn das Poetische sagt eigentlich, dass wir als Menschen nur dort unser wahres Potenzial leben, wo wir schöpferisch werden und im Verbundensein und Ergriffenwerden von der kreativen Lebendigkeit in uns an der Lebenskraft des Ganzen teilhaben und zu ihrem Ausdruck werden.
Zum Poetischen in einem umfassenden Sinn gehört aber auch, unsere gesellschaftliche, globale und soziale Wirklichkeit in diese Kreativität einzubeziehen. Hier kommt eine Haltung der Verantwortlichkeit hinzu, ganz im Sinne des englischen Wortes response-ability, die Fähigkeit zu antworten. Denn ein wirklich poetisches Gefühl der Verbundenheit mit der Welt wird auch mein Handeln in dieser Welt verändern. In diesem Sinne ist eine Poetisierung der Welt nicht nur eine Veränderung der Gefühlslage oder eine schöne Stimmung, und es ist auch kein Abdriften in eine oberflächliche Sentimentalität, sondern bedeutet auch, mit intellektueller Klarheit die Welt und was in ihr geschieht, zu betrachten und verstehen zu wollen – das Verstandene aber auch gleichzeitig zu spüren.
So kann das Poetische auch die Grundlage eines neuen Aktivismus sein, der sich nicht so sehr an Kampf und Gegnerschaft orientiert, sondern eher aus einem »stillen Aufstand« des verbundenen und berührten Herzens, ein stilles aber entschiedenes Wirken, dort wo wir sind, in der Vernetzung mit anderen. Eine Vernetzung, die oft in das poetische Bild des Myzelliums gebracht wird, das unterirdisch weit verzweigte Pilzgeflecht, das – geheimnisvoll – an einzelnen Stellen auftaucht und neue Ausdrucksformen seiner Selbst hervorbringt.
Auf diese Weise ist das Poetische auch eine Grundlage einer Wir-Kultur, die aus der Verbundenheit, aus der Berührtheit des Lebens und der ko-kreativen Schöpfung neuer Möglichkeiten entsteht. Ein dialogischer Begegnungsraum, in dessen Mitte das Mysterium des Lebens sich zeigen kann und uns Quellen der Intuition, Weisheit und Intelligenz eröffnet, die uns allein im Individuellen und Rationalen nicht zugänglich wären.
Das Poetische in diesem Sinne ist nichts Passives, keine Abkehr von der Welt, sondern eine aktive Hinwendung zum Leben aus der Liebe zum Mysterium, das darin wirkt und uns anspricht. Die Frühromantiker sahen das Romantisieren nicht lediglich als eine Art schwärmerische Verklärung der Welt, sondern auch als einen Impuls, sie aus der Öffnung für dieses Geheimnis zu transformieren. So verstanden, ist die Dimension des Poetischen nicht nur etwas, das wir in der Tiefe der Welt finden, sondern das wir auch in die Welt schöpferisch hineinbringen.

Poetische Politik

Verletzlichkeit, Kreativität, Verantwortlichkeit, ein stiller Aktivismus und eine Offenheit für das Geheimnis des Lebens könnten Aspekte einer poetischen Kultur der Zukunft sein. Und das könnte besonders bedeutsam sein in einer Zeit, in der die Gräben zwischen Mensch und Natur und zwischen den Menschen immer größer zu werden scheinen.
Aber was soll so etwas Undeutliches wie die Poesie hier beizutragen haben? Jeder poetische Impuls beginnt zunächst mit dem Lauschen, mit dem Zuhören, dem verletzlichen Einfühlen, in dem ich mich auf das Andere oder den Anderen zumindest ein Stück weit einlasse, mich für das öffne, was mich anspricht – wozu auch manchmal das Verzweifeln am Anderssein des Anderen gehört. Immer wieder gab es politisch engagierte Menschen, die auch aus solch einer verbindenden Kraft des Poetischen schöpften, wie Václav Havel als Kritiker des Stalinismus, politischer Gefangener und später als tschechischer Staatspräsident oder Dag Hammarskjöld als UN-Generalsekretär.
Ein aktuelles Beispiel ist für mich der Autor Navid Kermani. Mich beeindruckte schon sein Buch »Ungläubiges Staunen«, in dem er sich mit einer poetischen Empathie dem Christentum und dessen Verbindungen zum Islam nähert. In seinem neuen Buch »Entlang der Gräben« schreibt er über eine Reise durch den Osten Europas, die ihn in der Begegnung mit Orten und Menschen viele seiner eigenen Überzeugungen hinterfragen lässt. Darin beschreibt er eine Szene in Schwerin, wo er mit den Mitarbeitern einer Sonntagsschule für Flüchtlinge spricht und eine Veranstaltung der AfD besucht. Und er ist berührt von der Tatsache, dass beide Seiten, mit denen er geredet hat, nicht miteinander sprechen. So werden die Gräben immer tiefer.
Es mag naiv klingen, die Hoffnung auf Brücken über diese Gräben in der Poesie zu suchen, aber ich glaube doch, dass die poetische Offenheit für die Welt und das sie überall durchwirkende Mysterium auch den Raum öffnen kann, indem es zumindest möglich sein könnte, einander zu hören. Und wer weiß, was dann möglich ist. Denn das Poetische ist auch gerade diese Offenheit für das Mögliche, Überraschende, das sich zeigen kann, wenn wir der Welt und dem Anderen neu begegnen. In diesem Zwischenraum der dialogischen Begegnung kann diese poetische Haltung zu einer Kraft der Verbundenheit und Heilung werden.
Beim Schreiben dieses Artikels kam mir die verrückte Idee, wie es denn wäre, wenn der Deutsche Bundestag jedes Jahr die ersten Sitzungen damit verbringen würde, dass jeder Abgeordnete, so wie die Interviewpartner, die ich eingangs erwähnt habe, von den kostbarsten Momenten spricht, wo sie etwas erfahren haben, das sie als geheimnisvoll, erfüllend, schöpferisch und zutiefst lebendig erlebt haben. Vielleicht würde sich überraschend Verbindendes zeigen und die tieferen Motivationen hinter der anderen Meinung klarer werden, und so auch das politische Diskutieren und Handeln poetischer werden.

Und solche poetisch-politischen Momente gibt es tatsächlich. So wie die laute Stille von Emma Gonzales. Die junge Mitorganisatorinnen des großen Marsches für strengere Waffengesetze in den USA im März stand sechs lange Minuten still vor den hunderttausend Protestierenden, präsent, aufrecht, zu Tränen gerührt. Zuvor hatte sie in einer Rede, die eher ein Gedicht war, ihrer 17 Mitschülerinnen und Mitschüler gedacht, die an ihrer Schule bei einem Amoklauf, der diese sechs Minuten gedauert hatte, ihr junges Leben verloren. Sie sprach von den flüchtigen und ganz einzigartigen Gesten, Eigenheiten und Worten, die ihr von ihren Freunden in Erinnerung geblieben sind, und dass sie diese „nie mehr“ erleben werde. Für mich und wahrscheinlich jeden, der sich diese Rede anhörte, waren die anonym gezählten Opfer plötzlich wie lebendig anwesend und gleichzeitig war ihr Verlust so unendlich spürbar. In dieser poetischen Vergegenwärtigung und der lauten Stille, die ihr folgte, lag eine Transparenz, Stärke, Verletzlichkeit und Dringlichkeit, die wohl mehr bewegt hat, als viele Worte und Argumente.

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Erschienen in evolve Ausgabe 18 / 2018: WAS IST HEUTE HEILIG? – DAS MYSTERIUM UND WIR

In jedem Atemzug die Erde

Verbunden im gemeinsamen Haus

Aktivistische Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion sind in gewissem Sinne aktuelle Heimatbewegungen. Sie rufen nach einem Bewusstsein für die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen, aber auch nach neuen Formen demokratischen Gestaltens. Die modernen Weltsicht der Trennung wird dabei häufig für einen Blick der Verbundenheit geöffnet, der uns auch Heimat neu verstehen und erfahren lässt.

“Wohin gehen wir? Immer nach Hause.”
Novalis

Die Bilder gehen um die Welt. Überall auf der Erde finden sich junge Menschen und zunehmend auch alle Generationen zusammen, um ein wirksames Handeln gegen den Klimawandel einzufordern. In europäischen Städten legen Aktivisten den Verkehr lahm, treffen sich an öffentlichen Plätzen zur Meditation oder zum gemeinsamen Singen und zu Bürgerversammlungen. In Berlin ist ein Camp in der Nachbarschaft des Bundeskanzleramts zu einer vorübergehenden Heimat für Aktivsten geworden, dort finden Vorträge, Konzerte, Gesprächsrunden und Workshops statt. Diese weltweiten Initiativen bilden eine globale aktivistische Bewegung. In gewisser Weise könnte man hier auch von einer neuen, globalen Heimatbewegung sprechen, die über den Gegensatz von progressiv und konservativ hinausgeht.
Der Bezug zu Heimat wird oft davon bestimmt, ob wir die Heimat als etwas Gegebenes sehen, das bewahrt werden muss, oder etwas, das wir erst schaffen müssen bzw. können, eine Utopie, eine Zukunftsvision. Die Bewegung der Fridays for Future und Extinction Rebellion und ähnlicher aktivistischer Bewegungen im Zeichen eines »subtilen Aktivismus«, von »Defend the Sacred« bis »Rebell*innen des Friedens«, scheinen diese beiden Orientierungen zu verbinden. Sie weisen auf die Heimaten hin, die bewahrt werden sollten, indem wir unseren Einfluss auf die Biosphäre so verändern, dass das Klima in einem Rahmen gehalten werden kann, der nicht unsere Lebensgrundlagen gefährdet, und der auch unseren Mitlebewesen ein Weiterleben ermöglicht. Dies ist in gewissem Sinne ein konservatives, bewahrendes Anliegen, ganz im Sinne der Bewahrung der Schöpfung. Parteien, die sich eigentlich christlichen Grundwerten verpflichtet fühlen, verbinden hingegen heute eine konservative Haltung aber vor allem damit, die Wirtschaft oder Arbeitsplätze und letztlich Wählerstimmen und den Status quo »zu bewahren«.
Die ökologischen Protest- und Alternativbewegungen sind aber gleichzeitig auch progressiv in dem Sinne, dass sie von einer Utopie einer menschlichen Kultur geprägt sind, die zu einem respektvollen und mitfühlenden Umgang mit der natürlichen Mitwelt findet. Dazu gehören auch andere demokratische Prozesse und Formen des Zusammenlebens, wie sie beispielsweise bei den Bürgerversammlungen von Extinction Rebellion oder in vielen Gemeinschaftsprojekten wie dem Tempelhof oder Sulzbrunn experimentell erprobt werden. Diese Utopie zielt auch auf einen anderen Umgang mit Heimat und vor allem auch auf ein anderes Grundverständnis von Heimat.

Eine neue Geschichte

In den letzten Wochen hatte ich die Gelegenheit, einige Vordenker solch eines neuen Verständnisses von Heimat bei Veranstaltungen zu treffen: den Leiter der Schweisfurth Stiftung Franz-Theo Gottwald, den Biologen Andreas Weber und den ökologischen Vordenker Charles Eisenstein. Sie alle treten auf je eigene Weise für einen anderen Bezug zur lebendigen Welt ein. Vereinfacht zusammengefasst kann man von »einer Kultur der Verbundenheit mit der natürlichen Welt« sprechen, wie unser evolve Live Dialogtag in München mit Franz-Theo Gottwald betitelt war. Damit wird angesprochen, dass die ökologische Krise, in die wir uns manövriert haben, aus einer Bewusstseinsverfassung und einer kollektiven Geschichte der Trennung entstand. Die Wurzeln dieser Trennung liegen in der Moderne mit ihren Errungenschaften eines rationalen, getrennten individuellen Bewusstseins und einer Technik, durch die wir aus dieser Trennung von der Natur unsere Umwelt umgestalten, ausbeuten und uns zu eigen macht. Diese Gestaltungs- und Zerstörungsmacht hat uns den Weg ins Anthropozän geebnet, das Menschenzeitalter, in dem unser Einfluss den Planeten bestimmt.
Der Klimawandel und alle anderen ökologischen Herausforderungen führen uns vor Augen, dass diese Geschichte an ihr Ende kommt, an ihr Ende kommen muss. Wir müssen eine neue Geschichte finden, die uns auch anders mit der Natur umgehen lässt – nach dieser neuen Geschichte rufen die aktivistischen Bewegungen und die genannten ökologischen Ideengeber. Und kurz gefasst kann man sie als eine Geschichte der Verbundenheit bezeichnen. Wie würden wir leben und handeln, wenn wir uns als zutiefst verbunden mit der Erde, dem Lebendigen, unseren Mitlebewesen erfahren würden? Und aus dieser Erfahrung unsere Wirtschaft, unsere Politik, unser individuelles und soziales Leben (inklusive Konsumverhalten) umgestalten würden?

Umdenken, Umfühlen, Umhandeln

Dieser Wandel von der Trennung zur Verbundenheit betrifft auch zutiefst unsere Beziehung zu Heimat. Denn wie wir Heimat verstehen, hängt auch davon ab, in welcher Geschichte, welchem Narrativ wir leben. Wenn wir heute über Heimat sprechen, klingt darin oft die Bewusstseinshaltung der Trennung durch, und das nicht nur bei rechtslastigen Populisten; Heimat als etwas Trennendes, etwas Ausschließendes: ‚Wenn dies meine Heimat ist, dann kann es nicht deine Heimat sein‘ oder ‚Ich muss meine Heimat gegen andere verteidigen, andere daraus abgrenzen. Meine eigene Heimat bewahren, notfalls mit Grenzziehung und im Extremfall mit Schießbefehl.‘ Trumps Mauer zu Mexiko ist für diese Haltung ein beredtes Beispiel.
Der Klimawandel aber zeigt uns, dass diese Trennungen unsere Heimat nicht mehr werden bewahren können. Überall auf der Welt werden Heimaten davon betroffen sein bzw. sind schon betroffen, da hilft keine Mauer. In gewissem Sinne kommt hier der Klimawandel der Geschichte der Verbundenheit zu Hilfe, oder besser gesagt fordert er solch ein Umdenken, Umfühlen, Umhandeln.
Aus einem Blick der Verbundenheit besteht unsere Erde aus Heimaten, jeder Lebensraum dieses Planeten ist Heimat für Lebewesen, und jedes Land dieser Erde auch Heimat für Menschen. Ein Blick aus der Ganzheit der Verbundenheit sieht also die eigene Heimat, den Ort, den man gerade als Heimat empfindet, in Verbindung zu allen Heimaten dieser Erde. Daraus folgt ein Handeln, das nicht nur die eigene Heimat bewahren will, sondern alle Heimaten auf dem Planeten. Denn es ist ja auch offensichtlich, dass unsere Lebensweise anderswo Heimaten zerstört. Unser Konsum verbraucht Rohstoffe, deren Gewinnung Orte dieser Welt unbewohnbar macht, unser Wirtschaftssystem zerstört regionale Ökonomien und entwurzelt so die Menschen oder mit unseren Waffen werden Kriege geführt, die Heimaten zu Schreckensorten machen. Dass die betroffenen Menschen dann zu uns kommen, um neue Heimat zu suchen, ist nicht verwunderlich.
Solch ein Blick der Verbundenheit öffnet sich hinein in eine integrale Sicht einer Koexistenz, einer Ko-kreation von Heimat. Weil es Heimat im Singular in einer globalisierten Welt nicht mehr geben kann. Wir alle leben in Ko-Heimaten, jede Heimat existiert und entfaltet sich oder verdorrt in Wechselwirkung mit anderen Heimaten.

Matrix der Grenzen

In einem Vortrag zum Thema Allmende erklärte Andreas Weber kürzlich, dass unser Umgang mit der Natur auch auf unsere Besitzverhältnisse und unsere Idee von Besitz zurückzuführen ist, die eng mit der Weltsicht der Trennung zusammenhängen. Ein Thema, das ich kürzlich im Zusammenhang mit unserer Ausgabe zum Thema Geld auch mit einem Künstler diskutierte, der an einem Projekt zu einer »Gesellschaft ohne Eigentum« forscht. Wir denken ja oft gar nicht darüber nach, inwieweit unser Leben von der Idee des Privatbesitzes geprägt ist. Unsere Wirtschaft basiert darauf. Und sicher hat diese Besitzform auch immense wirtschaftliche Kreativität, individuellen Wohlstand und kulturelle Entwicklung hervorgebracht. Aber durch diese Besitzaufteilung ziehen wir eine künstliche, instrumentelle Matrix von Grenzen in eine Natur ein, die diese Grenzen nicht kennt. Wir teilen die uns als Schöpfung gegebene Welt auf, errichten Zäune, Grenzen und Mauern und nennen das, was innerhalb der Grenzen ist, »meins«. Uns gehört ein Stück Land. Und im Geiste der Trennung ist alles, was jenseits der Grenze ist, nicht meins, gehört anderen. Nun muss ich also meinen Besitz pflegen, vermehren und verteidigen. Egal, ob das Innere der Grenzen meine (wenn auch nur gemietete) Wohnung, mein eigenes Grundstück, meine Region, mein Bundesland oder meine Nation ist. In diesem Denken kann dort, wo meine Heimat ist, aber nicht die Heimat eines anderen sein. Und ich trage Verantwortung nur für den Bereich innerhalb meiner Grenzen.
Andreas Weber stellt diesem territorialen Denken der besitzenden Trennung die Perspektive der globalen Allmende entgegen. Dies ist ein altes Wort aus dem bäuerlichen Kontext und bezeichnete Land, das die Bewohner eines Dorfes gemeinsam nutzen konnten, ein Gemeindegut; ein Beispiel für gemeinsame Heimat. Heute werden der Begriff Allmende und Worte wie Commons und Gemeingut benutzt, um Möglichkeiten des gemeinsamen Besitzrechts anzusprechen bzw. darauf hinzuweisen, dass Privatbesitz an Boden ein künstliches Konstrukt ist. Weber begann seinen Vortrag beim Atem. Die Luft, die wir atmen, können wir nicht besitzen. Sie wird uns geschenkt, von der Biosphäre. Wenn wir atmen, nehmen wir Elemente der Natur in uns auf, die im Lebensprozess der Bäume entstehen. Die Bäume nehmen unsere Atemluft in sich auf. Diese innerste Wechselwirkung gilt auch für das, was wir trinken und essen. Selbst für das, was wir denken und fühlen. Und wenn Sie und ich nebeneinandersitzen, atmen wir uns gegenseitig. Wir leben ständig in einer wechselwirkenden Verbundenheit, die Grenzen von ich und dem Anderen nicht in ausschließender Form kennt. Ganz real, in diesem Moment bin ich die ganze Welt, bestehe aus Elementen, die schon an vielen Orten und in vielen Zeiten dieser Erde und dieses Kosmos gelebt haben, bis hin zum fernen Sternenstaub aus dem die Moleküle meines Körpers entstanden.
Jeder Ort, jede Heimat ist also immer durchdrungen von ganz vielen anderen Heimaten dieses Planeten. Eine Geschichte der Verbundenheit wird auch unsere Erfahrung von Heimat in dieses Geflecht und Gewebe mit einbeziehen. Dann sehen wir die Heimat, aus der wir kommen oder in der wir leben, als verknüpft mit der ganzen lebendigen Erde an und wissen, dass diese Heimat nicht erblühen kann, wenn nicht auch alle anderen Heimaten erblühen. Wir sehen, dass wir unsere Heimaten nur schöpferisch miteinander gestalten können, ohne ein Gegeneinander, eine Konkurrenz der Heimatorte. Und dass wir jeden kleinen Ort der Heimat nur dann wirklich pflegen, bewahren und entwickeln können, wenn wir ihn im Kontext der umfassenden Heimat erleben, verstehen und gestalten: der Erde, unserem Heimatplaneten.

Unser gemeinsames Haus

Kürzlich kam ich auf einer Wanderung an einer Kirche vorbei, in der man ein »Fest der Schöpfung« feierte, bei der eine Erdkugel als großer Ball in die Kirche gerollt wurde, während in einem szenischen Gottesdienst verschiedene Akteure der Trennung (so würde ich sie bezeichnen) ihren Besitz- und Machtanspruch auf die Erde formulierten: die Wissenschaft, das Militär, die Wirtschaft, die Politik. Bis dann die Erde selbst zu Wort kam. Vielleicht ist das heute unsere wichtigste Heimataufgabe: Die Erde selbst zu Wort und zu Wirkung kommen lassen. Genau das ist es, was Fridays for Future und Extinction Rebellion motiviert; dass sie dabei manchmal vielleicht übers Ziel hinausschießen oder dogmatisch werden, tut der Bedeutung dieses Anliegens keinen Abbruch.
Beim Herausgehen aus der Kirche lag die Enzyklika des Papstes Franziskus aus dem Jahre 2015, »Laudato si: Die Sorge für das gemeinsame Haus«. Ja, die Erde ist unser gemeinsames Haus, unsere Heimat. In der Enzyklika steht: »Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein, praktisch umzusetzen, gehört wesentlich zu einem tugendhaften Leben, sie ist weder etwas Fakultatives noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung.« (Vielleicht hätte den Vertretern der CDU/CSU vor den Verhandlungen über das Klimapaket diese Lektüre gutgetan.) In unserem evolve Live Dialogtag in München kamen wir mit Franz-Theo Gottwald mit Hinblick auf die Kultur der Lebendigkeit auf die Frage: Wie gebe ich und wie geben wir gemeinsam dem Lebendigen eine Stimme?
Ein verbundenes Verständnis von Heimat bezieht sich ja nicht nur auf die natürliche Verbundenheit mit dem Leben, sondern hat auch eine soziale Dimension. Wir als Menschen sind die eine Familie, die im Haus dieser Erde lebt. Ein Heimatverständnis aus der Verbundenheit weiß und fühlt, dass wir selbst uns nicht wirklich heimisch fühlen können, solange irgendjemand auf dieser Welt keine Heimat hat. Wir gemeinsam als Weltbürger und Erdenwesen müssen und können die Heimaten dieser Erde bewahren und gestalten, sodass überall Heimat möglich und wirklich wird.

Revolution der Liebe

Natürlich ist das eine Utopie. Sie beginnt mit dem Bewahren unserer Natur aber auch mit dem Bewahren unserer Menschlichkeit in Zeiten der Digitalisierung und Konfrontation. Gleichzeitig sehen wir, dass sich in einem neuen mitschöpferischen Denken, Fühlen, Leben und Handeln ein neues kulturelles Potenzial zeigt, das mehr sein wird, als die Summe seiner Teile. Was ich damit meine ist, dass wir als Menschen ungeahnte schöpferische Kräfte entdecken können, wenn wir nicht so immens viel psychische Energie damit verbrauchen, uns abzugrenzen und unseren Besitz zu schützen. In der kreativen Wechselbegegnung mit dem Lebendigen in all seinen Formen und mit anderen Menschen können wir uns zusammen neu beheimaten und auch das, was Heimat bedeuten kann, in eine neue Offenheit führen.
Wir verstehen, erfahren und entwickeln uns als Menschen neu, wenn wir dem Lebendigen einen unumstößlichen Wert geben. Davon ist der Ethiker Claus Eurich überzeugt, der gerade eine Initiative begonnen hat, die Lebensrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. In diesem umarmenden Blick von Mensch und Lebendigem wird auch Heimat zu etwas, das wir allen Lebewesen zugestehen: Du darfst dich auf dieser Erde beheimaten, so wie ich mich beheimaten kann. Gemeinsam finden wir Heimat in diesem Haus der Erde. Und wir als Menschen tragen Verantwortung für das ganze Haus, nicht nur für ein Stockwerk, einen Raum oder eine Ecke. Das bedeutet aber auch, dass sich diese Sorge um das Ganze immer im ganz Konkreten unserer tatsächlichen, lokalen Lebensbezüge zeigt.
Am Grunde dieser Bewegung der Verbundenheit liegt … vielleicht die Liebe. Charles Eisenstein sprach bei einem Dialogevent in München von der Notwendigkeit einer »Revolution der Liebe«. Ein ökologisches Umdenken werde nicht (nur) aus rationalen Argumenten oder überwältigenden Fakten und sicher nicht aus angstmachenden Vorwürfen oder Schuldzuweisungen kommen, sondern aus dem gespürten, berührten Mitsein – Interbeing – mit der Schöpfung: Eine in uns als Menschheit immer mehr zu entwickelnde Empfindungskraft.
Im Grunde ist diese Kultur der Verbundenheit die Verwirklichung einer schöpferischen Liebe, einer Liebe zum natürlichen Lebendigen, zu den Menschen und ihrem Entwicklungspotenzial – und zu dem Geheimnis, das uns alle übersteigt, uns trägt und zutiefst meint. In dieser Liebe wird alles zur Heimat, sie wird zur Heimat des Lebens, das sich darin selbst erkennt und ihren wahren Kern offenlegt: dass wir als Menschen Ausdruck und Mitgestalter eines lebendigen Kosmos sind. In solch einem Bewusstsein kann jeder Schritt ein Weg in die Heimat sein, die immer nur einen Atemzug weit entfernt ist. Würde uns dann jemand fragen: »Wo gehen wir hin?« könnten wir mit Novalis, dem »Neuland Bestellenden« sagen: »Immer nach Hause.«

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Erschienen in Ausgabe 24 / 2019: OFFENE HEIMAT – Wie kann sie gelingen?

Ein World Wide Web der Liebe?

Utopie und Realität der Noosphäre

Hier auch als Audio, gelesen vom Schauspieler Stephan Schwartz

Mit dem Begriff Noosphäre beschrieb der Paläontologe und christliche Mystiker Teilhard de Chardin seine Vision einer geistigen Sphäre, die uns als Menschen miteinander verbindet. Vielen sehen im Internet die Verwirklichung dieser Idee. Aber die Realität des Internets ist heute vor allem auch ein Ort der Fragmentierung unseres Lebens und unseres sozialen Gefüges. Welchen Sinn hat diese Vorstellung der Noosphäre in solchen Zeiten? Welche Rolle spielt dabei unsere Sprache? Und gibt es Wege, die uns über Trennung und Polarisierung hinausführen können?

„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“
Ingeborg Bachmann

»Niemals, so möchten man sagen, haben sich die Menschen herzlicher zurückgestoßen und gehasst als heute, da alles sie einander näherbringt. Ist ein derartiges sittliches Chaos wirklich mit der Idee und der Hoffnung vereinbar, dass wir uns durch die Zusammenpressung unserer Körper und unserer Intelligenzen auf eine Einmütigkeit hinbewegen?« Dieser Satz scheint unsere gegenwärtige Erfahrung in Zeiten von Internet, sozialen Medien und der Gefährdung der Demokratie durch Polarisierung und Populismus, die Risse in die soziale Struktur unserer Gesellschaft reißen, sehr treffend zu beschreiben. Durch das Internet sind wir global verbundener denn je, aber gleichzeitig scheinen darin auch die Kräfte der Trennung einen neuen, kaum kontrollierbaren Wirkraum zu finden.
Der zuvor zitierte Satz stammt jedoch aus dem Jahre 1945 und von dem Jesuitenpater und Paläontologen Teilhard de Chardin und steht in einem Essay über die »Planetisation«. Teilhard sah die Evolution des Kosmos und des Menschen in einer Bewegung zu mehr Komplexität und Konvergenz, mehr Differenzierung und Zusammenführung. Im Laufe dieser Entwicklung werde die Menschheit zu einem globalen geistigen Organismus, bewegt von der evolutionären Grundkraft der Liebe. Diese Verbindung der Menschen wäre für ihn aber keine Herabminderung der Individualität, sondern könnte den Menschen erst ganz den Weg in sein Personsein ebnen. Ein Organ dieser Planetisation war für ihn die Noophäre, eine denkende Sphäre, die sich wie die Geosphäre oder Biosphäre um die ganze Erde zieht und die Menschheit geistig miteinander verbindet.
Diese Idee der Noosphäre wurde von Pionieren des Internets aufgegriffen, um ihrer Vision der Verbundenheit durch dieses neue Medium Ausdruck zu verleihen. Auch der Medientheoretiker Marshall McLuhan griff den Begriff auf und beschrieb diese Sphäre als »kosmische Membran, die sich durch die elektrische Erweiterung unserer verschiedenen Sinne rund um den Globus gelegt hat …, ein technisches Gehirn für die Welt«. Teihard meinte mit der Noosphäre aber mehr als diese technische, bewusstseinsmaschinelle Interpretation. Für ihn ging es dabei um eine Steigerung der psychischen, also geistigen Verbundenheit in Liebe und Freiheit. Die Evolution dieser Sphäre bedeutete für ihn eine Intensivierung des Bewusstseins, in der immer mehr Menschen in eine Einheit hineinfinden und sie zu einem sozialen Lebensraum werden lassen. Und letztendlich war für Teilhard als evolutionären Mystiker die Noosphäre die Verwirklichung der göttlichen Einheit in der »menschlichen Materie« auf Erden.

Kampf in der Noosphäre

Die Vision einer globalen menschlichen Verbundenheit, die zu Beginn des Internets lebendig war, ist heute vielfach ganz unter die Wirkung der Marktlogik und der Technik gefallen, die mit Big Data und Algorithmen manipulative Kräfte freisetzt, die wir kaum beherrschen können. Ein eindrückliches Beispiel ist Facebook. Die Mission Statements, die Mark Zuckerberg veröffentlicht, klingen wie der Absicht entsprungen, die zuvor beschriebene Vision der Planetisation zu verwirklichen. »Den Menschen zu unterstützen, Gemeinschaften zu formen und die Welt näher zusammenzubringen.« Viele der Internet-Pioniere haben solche Visionen der Verbundenheit mit der Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg zusammengeführt und dazu die technischen Möglichkeiten des Internets genutzt und gleichzeitig auch die Sehnsucht der Menschen nach neuen Formen der Verbundenheit als Marktressource erkannt.
Die Dynamik zwischen der Idee der Verbundenheit und der Realität der zunehmenden Ökonomisierung und Fragmentierung wird wohl nur verständlich, wenn wir sie vor dem Hintergrund unseres postmodernen Zeitgeistes sehen. Die Postmoderne hat alle übergreifenden kulturellen, politischen und religiösen Geschichten hinterfragt, die ein Monopol auf die Erklärung der Welt beanspruchten. Diese Befreiung geht mit einem immensen Sinnvakuum einher, in dem eine Vielzahl von Erklärungsmodellen um die Deutungshoheit kämpfen. Gleichzeitig sind das Internet und die sozialen Medien postmoderne Medien in dem Sinne, dass sie einen wertfreien Raum bieten, in dem Menschen ungehindert ihre Sicht der Wirklichkeit veröffentlichen können.
Heute sehen wir, dass diese Freiheit natürlich zu vielen globalen Bewegungen geführt hat, die sich an Gerechtigkeit und kulturellem Fortschritt orientieren wie der Arabische Frühlung, Occupy oder MeToo. Aber in diesen Freiraum sind auch viele andere Akteure getreten, deren Wirkraum das Internet exponenziell erweitert hat: profitorientierte Konzerne, Regierungen, Geheimdienste, politische Splittergruppen, terroristische Vereinigungen, radikale Ideologen etc. etc.
Statt einer Bewegung hin zu mehr »Einmütigkeit« ist wohl eher ein Trend zur Entzweiung zu beobachten, ein neuer Kulturkampf zwischen unterschiedlichsten Gruppen, bei dem es um das höchste Gut des Internetzeitalters geht: unsere Aufmerksamkeit. Dieser Kampf wird von den Krisen genährt, die uns in der Postmoderne heimsuchen, wie es Peter Limberg und Conor Barnes in einem Essay beschreiben. Es ist eine Sinnkrise, weil es kaum zentrale Instanzen gibt, die verbindlich Sinn geben. Eine Wahrheitskrise, weil die Manipulationsmöglichkeiten des Internets die Grundlage einer allgemein akzeptierten Wahrheit durchlöchert haben. Eine Zugehörigkeitskrise, weil das Gefühl von Gemeinschaft abhandenkommt. Eine Krise der Nähe, weil wir heute ungeschützt verschiedensten kontroversen Meinungen ausgesetzt sind. Eine Krise der Besonnenheit, weil große Akteure im Internet ihre Angebote so gestalten, dass sie möglichst stark süchtig machen und somit unsere Autonomie untergraben. Und eine Krise der Kriegsführung, weil unsere manipulierte Aufmerksamkeit zur Waffe in verborgenen Kämpfen wird, die von bestimmten Interessengruppen benutzt wird.
Ob wir es wissen oder nicht, immer wenn wir online sind und posten, liken und kommentieren, treten wir potenziell in einen kulturellen Krieg ein. Macht das nicht die Vision von einer Menschheit, die immer mehr ihre Einheit verwirklicht, zu einer kraftlosen, illusionären Idee? Immerhin fand Teilhard seine Vision der Planetisation nicht in der beschützten Umgebung abgeschiedener Kontemplation, sondern im Schützengraben des Ersten Weltkriegs. Können wir, die wir uns heute in den Schützengräben eines Kulturkampfes befinden, dieser Vision Nahrung und Raum geben? Und was könnten Ansatzpunkte dafür sein?

Demokratische Sprache

Im Kampf der vielen Interessengruppen wird zunehmend unsere Sprache zur Waffe. Deshalb sehen wir im digitalen Raum mit der Verrohnung der Sprache auch zunehmend eine Verrohung unseres Menschseins, in der Empathie, Wahrheit und Solidarität durch trennende Ideologien gefährdet werden, die sich dann »offline« in manipulierten Wahlergebnissen zeigen.
Das Internet hat unser Sprechen verändert und uns in nie dagewesenem Maße eine »entkörperlichte« und »entpersönlichte« Kommunikation ermöglicht. Bei Kommentaren in den sozialen Medien kann man leicht vergessen, dass Kommunikation ein Gegenüber, einen Menschen erreicht. Viele trauen sich Dinge zu sagen, die sie in einem Gespräch mit dem Blick in die Augen des anderen nie sagen würden. Im gewissen Sinne übernehmen wir damit die technische oder instrumentelle Haltung, die nicht den anderen Menschen sieht, sondern jemanden, der meiner Meinung zustimmt oder nicht, der auf meiner Seite ist oder nicht. Bezeichnenderweise kommen viele Kommentare schon von SocialBots. Das sind auf Algorithmen basierende Programme, die menschliche Verhaltensmuster simulieren und auf diese Weise vorgeben, echte User zu sein. Im Netz kann man also oft kaum unterscheiden, ob man mit einem Menschen spricht oder einem Roboter, der für eine bestimmte Meinung programmiert wurde. Dieses instrumentelle Denken liegt der Aufmerksamkeitsökonomie zugrunde, in der Medien durch reißerische Schlagzeilen ihre Klickraten erhöhen wollen. In dieser Sichtweise werden die Nutzer selbst zu »Emotionalrobotern«, die man mit den gut gesetzten Anreizen, die meist auf Angst basieren, anzieht.
Dabei ist Sprache das, was unser Bewusstsein formt und umgekehrt. Wenn Sprache instrumentalisert, ökonomisiert, ideologisiert und gewalttätig wird, dann auch unser Bewusstsein und damit unser Umgang mit dem Leben und der Welt. Robert Habeck, der Bundesvorsitzende der Grünen, weist auf diesen Zusammenhang hin und analysiert in seinem neuen Buch was geschieht, wenn bestimmte Worte wie »Gesinnungsdiktatur«, »Asyltourismus«, »Überfremdung« und »Volksverrat« Teil unseres politischen Wortschatzes werden. Dann werden Empathie, Mitgefühl, Vernunft und Respekt untergraben, die für unser Gemeinwesen essenziell sind. Natürlich kann man die neuen Medien nicht allein für diese Entwicklung verantwortlich machen, aber sie bieten doch Räume, in denen solche Grenzüberschreitungen anonym erprobt werden können. Und die ökonomische und politische Logik im Kampf um die Aufmerksamkeit bringt Medien und Parteien dazu, solche grenzüberschreitenden Worte aufzugreifen, weil sie Klickraten bzw. (vermeintlich) Zustimmungswerte erhöhen.
Interessanterweise könnte aber einer der Gründe für die momentanen Wahlerfolge der Grünen die »Überwindung des spaltenden Sprechens, des Schneidenden, des Krakeelens und des Kanzelpredigens« sein, wie die »TAZ« kürzlich bemerkte. Hier wird ein »reparatives Sprechen« versucht, das sich nicht von anderen Sichtweisen abgrenzt, sondern sie zum Anlass nimmt, mit der eigenen Sicht darauf zu antworten. Habeck will deshalb eine »Poetik des demokratischen Sprechens« beleben, die den konstruktiven Streit gegen eine trennende und entmenschlichende Sprache abgrenzt. Eine offene Sprache, die Raum lässt für den respektvollen Dialog unterschiedlicher Meinungen und die vor allem im anderen immer den Menschen sieht – das Menschsein, das uns trotz aller Unterschiede verbindet. Und, so Habeck, »eine lebendige Sprache ringt immer wieder neu um Verständnis und Verstehen.«

Das Netz zum Leuchten bringen

Eine besonders kraftvolle Form des lebendigen, menschlich verbindenden Sprechens ist für mich die Poesie. Poetische Sprache lebt aus der Verbundenheit und dem Offenlassen des anderen, dem ich begegne, sei es ein Mensch, ein Baum oder ein Ereignis. Wenn ich poetisch spreche, will ich das Angesprochene nicht dinglich fassen und feststellen, sondern das Geheimnis des Lebens, das darin atmet, erspüren und ansprechen. Es ist ein vorsichtiger Umgang mit Worten, der mein Sprechen einer technischen und instrumentellen Verfügbarkeit entzieht. Poetisches Sprechen entspringt letztlich unserer gemeinsamen menschlichen Erfahrung und versucht, sie uns zu vergegenwärtigen. Wenn wir poetische Worte nachempfinden, begeben wir uns in den Sprachraum unserer Verbundenheit mit den Menschen und unserer Welt.
In ihrem Buch »Alles, was leuchtet« schreiben Hubert Dreyfuss und Sean Kelly, die angemessene Reaktion auf die Gefahren des Technischen sei nicht, »die Ablehnung der Technik als solcher, sondern die Akzeptanz des technischen Fortschritts unter der gleichzeitigen Wahrung aller poietischen Sitten und Gebräuche, die sich einer ausschließlich von Technik bestimmten Lebensweise in den Weg stellen.« Mit dieser poietischen Lebenshaltung meinen sie auch »das Gefühl, die Welt kultivieren und die notwendigen Kunstfertigkeiten entwickeln zu können, um sie leuchten zu lassen.« Damit sprechen sie vor allem auch unsere menschlichen schöpferischen Fähigkeiten an, die im Kern des Poetischen wirken. Poesie kann die Welt verwandeln. Kann sie auch die Welt der digitalen Medien verwandeln, gar zum Leuchten bringen? Oder das in ihnen enthaltene Leuchten freilegen und stärken? Aber was ist dieses Leuchten? Hinter der Trennung, dem Hass und der Unwahrheit, zu denen diese Medien heute vielfach genutzt werden, liegt vielleicht immer noch das Leuchten der Verbundenheit.
Teilhard de Chardin nannte drei Merkmale der Planetisation: die Formung eines kollektiven Gedächtnisses, die Entwicklung eines die Erde einhüllenden Nervennetzes, in dem sich unser Denken überträgt und die »Emergenz einer Fähigkeit des gemeinsamen Sehens«, das uns neue Potenziale unseres Seins eröffnet. Bei den News über die Schattenseiten des Internets sollten wir nicht vergessen, in welcher Weise die digitale Sphäre der nonlokale Ort ist, wo sich diese Ausdrucksformen heute schon verwirklichen. Seien es die vielen Projekte des Online-Learnings wie MOOCs (Massive Open Online Courses), die Nutzung der Zoom-Technologie für Online-Kongresse, die gerade Hochkonjunktur haben, Online-Experimente mit Wir-Erfahrungen oder die weltweiten U-Labs. Oder auch die Projekte mit einem subtilen Aktivismus, in dem Menschen gemeinsam ihre Aufmerksamkeit – oft vermittelt über das Internet – auf ein bestimmtes politisches oder soziales Thema richten. Oder Bewegungen wie Occupy und die vielen Portale für Online-Petitionen. Ganz zu schweigen von zahllosen Podcasts und YouTube-Videos. Wir nutzen solche und andere Mittel der Gemeinschaftsbildung so oft, dass sie schon selbstverständlich geworden sind.
Letztlich geht es hier zunächst auch um unsere bewusste Nutzung dieser Medien für eine Kultur der Verbundenheit, in der eine lebendige und manchmal gar poetische Sprache den technischen Raum lebendiger werden lässt und vielleicht gar poetisiert und darin das »Leuchten« sucht. Daneben wird es, wie von Dreyfus und Kelly angesprochen, die Verbindung dieser Online-Begegnungen mit verkörperter Erfahrung sein, die dem Technischen seinen Platz im Menschlichen gibt, und nicht umgekehrt.
Ein aktuelles Beispiel dazu sind vielleicht die Proteste gegen die Rodung im Hambacher Forst. Aktivisten vor Ort, die uns wieder an den Wert und die Würde eines Waldes erinnern, hinter denen online immer mehr Menschen standen, die sich vernetzten, und dann in verkörperten Waldspaziergängen einer letztlich poetischen Vision eines anderen Umgangs mit dem Leben der Natur Ausdruck gaben. Es ging nicht mehr nur um den »Hambi«, sondern um die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen.

Gemeinsames Sehen

Teilhard sah die Entwicklung der Noosphäre und damit des kollektiven Bewusstseins der Menschheit in einem Prozess der Intensivierung und »Erhitzung«. Die Intensität des Kulturkampfes, den wir gerade erleben, scheint ihm Recht zu geben. Für ihn war eine Folge dieser Erhitzung, dass Grenzen zwischen den Menschen zerschmelzen und wir einander näher kommen, was auch zu Konflikten führen wird. Limberg und Barnes ordnen den Stand unserer Noosphäre mit dem Phasenmodell für Gruppendynamiken des Psychologen Bruce Tuckman ein. Er erklärt, dass Gruppen mit einer Phase der Formierung (Forming) beginnen, gefolgt vom Stürmen (Storming), wonach eine Phase der Normierung (Norming) und schließlich der Ausführung (Performing) wirkt. Sie sehen das Internet und die neuen Medien heute in der Phase des Sturmes, aus der wir den Weg in die Normierung finden müssen. Hierbei wird eine offene, menschliche, dialogische Sprache eine entscheidende Rolle spielen.
Der nächste Schritt in der Evolution der Noosphäre wird von schöpferischen Gestaltern – also uns allen – abhängen, die der Polarisierung den Dialog entgegensetzen, die lernen, Mediatoren zwischen verschiedenen Sichtweisen zu sein, die Räume der poetischen Verbundenheit eröffnen, die online und offline Biotope schaffen, in denen wir das »gemeinsame Sehen« praktizieren, damit neue Lösungshorizonte emergieren können. In solch einer Dynamik könnte sich mehr und mehr das Erwachen der Noosphäre vollziehen, das Teilhard als unsere evolutionäre Möglichkeit und Aufgabe sah. Es war seine poetische Vision eines von Liebe durchdrungenen Kosmos. Denn Teilhard betont, dass die Planetisation nicht nur eine äußere Gegebenheit oder Notwendigkeit ist, weil die Globalisierung sie fordert, sondern vielmehr, dass hierin eine vom »’Geist der Evolution’ beseelte menschliche Masse« wirkt: Eine »(fast anbetende) Sympathie aller Elemente … für die Bewegung, die sie mitreißt« und »eine (ganz brüderliche) Sympathie jedes Elementes … für das, was sich an Ursprünglichstem und Unmittelbarsten in jedem der Ko-Elemente verbirgt.«

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Erschienen in Ausgabe 20 / 2018: DIE BEWUSSTSEINSMASCHINE – Die neuen Medien und wir

Goethe in Buchenwald

Über einen Besuch in Weimar

Weimar – ein Ort, an dem die Abgründe und Aufbrüche unserer Geschichte wie verdichtet spürbar werden. Was braucht es von uns, um uns der Vergangenheit zu stellen, uns ihr zu öffnen und so den Weg in die Zukunft zu finden? Ein Reisebericht in das Herz unserer menschlichen Gebrochenheit und zu der Frage nach einer schöpferischen Antwort.

Unser Leben entfaltet sich immer in einem kulturellen und geschichtlichen Kontext. Damit gehören auch die Brüche und Wunden in Kultur und Geschichte zu uns und bestimmen unser Leben. Je mehr wir uns dieses Eingebundenseins bewusst werden, bemerken wir, wie diese kulturelle Dimension unseres Seins in uns hineinwirkt, uns beeinflusst, uns formt. Sie wird zu der Voraussetzung, von der aus wir mehr oder weniger schöpferisch unser eigenes Leben gestalten, sowohl die Potenziale und Sternstunden als auch die Wunden und Tiefpunkte unserer Kultur – die immer auch mit unseren universellen menschlichen Möglichkeiten in Beziehung stehen – wirken in uns und unser Umgang mit ihnen wirkt in die Kultur zurück.
Es gibt Orte, dort verdichtet sich die Vielschichtigkeit dieser kulturellen Durchdringung unseres Menschseins besonders intensiv, sodass die Aufbrüche und Zusammenbrüche auf eine Weise spürbar werden, dass sie uns zu einer Antwort herausfordern. Eine Antwort, die weniger in Erklärungen liegt, als in einem Wandel unseres Seins in der Welt, das aus dem Spüren der Wunder und Wunden der Geschichte die schöpferischen Impulse für die Zukunft finden kann.

Kultur und Grauen

Weimar ist ein solcher Ort. Vor einigen Wochen reiste ich anlässlich der Ausstellungseröffnung eines Freundes in die Stadt und war gespannt auf diesen Besuch. Vor nunmehr 30 Jahren war ich schon einmal dort, und dieser kurze Aufenthalt blieb mir stark in Erinnerung. Ich war damals mit Mitschülern aus meiner Heimatstadt in Brandenburg nach Weimar gekommen. Wir sahen eine Ballettaufführung im Nationaltheater und besuchten natürlich die »heiligen« Stätten deutscher Literatur, die Orte, an denen Goethe und Schiller wirkten. Wir besuchten damals auch die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, das unweit von Weimar auf dem Ettersberg liegt. Diese Nähe von Stätten höchsten geistigen und kulturellen Ausdrucks des Menschen und einem Ort unaussprechbaren Grauens hatte mich damals tief berührt, verunsichert, überfordert und viele Fragen aufgeworfen, für die ich keine Antworten fand. Auch dieses Mal berührte mich diese Nähe von kulturellen Aufbrüchen und Abgründen. Mir schien, dass in Weimar – der janusköpfigen Stadt, wie sie genannt wurde – die Höhen und Tiefen deutscher Geschichte – und des menschlichen Geistes – wie zum Äußersten gesteigert spürbar werden.
Schon der erste Gang vom Bahnhof in die Stadt war ein geschichtliches Wechselbad. Ich war erstaunt, als ich auf diesem Weg plötzlich ein Denkmal sah, das mich an meine Jugend in der DDR erinnerte. Dort stand Ernst Thälmann, mit geballten Fäusten bei einer Rede dargestellt – von 1925 bis zu seiner Verhaftung 1933 war er Vorsitzender der KPD und wurde nach elf Jahren Einzelhaft 1944 auf Befehl Hitlers in Buchenwald ermordet. Auf einer langen Steinmauer daneben steht: »Aus eurem Opfertod wächst unsere sozialistische Tat«. Später fand ich heraus, dass dieser Platz »Buchenwald-Platz« heißt und das 1958 eingeweihte Monument der 56.000 in Buchenwald ermordeten Häftlinge, insbesondere der politischen Gefangenen gedenkt.
Nur einige hundert Meter weiter kam ich an einem großen Gebäudekomplex vorbei und sah auf einem Schild, dass diese mächtigen Bauten ab 1937 ursprünglich als Gauforum der Nationalsozialisten errichtet wurden. Der Architekt Hermann Giesler, der es entworfen hatte, schrieb: »In den Bauten des Dritten Reiches will der Nationalsozialismus zur deutschen Seele sprechen und in alle Zukunft künden von dem Durchbruch des großen heroischen Geistes, der unsere Zeit beseelt …«. Die Nationalsozialisten hatten in Weimar schon früh großen Einfluss – 1926 hielten sie hier ihren ersten Parteitag ab (als Hitler in anderen Teilen Deutschlands noch Redeverbot hatte) und schon 1932 war die NSDAP stärkste Partei. Einige Jahre zuvor hatte die rechtsgerichtete Landesregierung Thüringens, die in Weimar ihren Sitz hatte, die progressiven Künstler des Bauhaus aus der Stadt vertrieben. Die Historikerin Karina Loos beschreibt Weimar als »Sprungbrett« und »Experimentierfeld« der NSDAP auf dem Weg von München nach Berlin.
Nach diesen Relikten zweier Diktaturen, die auf je ihre eigene Weise Weimar für sich »entdeckt« hatten, kam ich in die Innenstadt, die von einem ganz anderen Deutschland erzählt. Von der Stadt Goethes, Schillers, Herders, Wielands, wo die Weimarer Klassik mit ihren Leitgedanken des Humanismus und der ästhetischen Bildung geboren wurde. Dass hier an diesem Ort geistiger Blüte das deutsche Desaster solch eine gewaltige Ausprägung fand, erzeugte für mich eine ganz eigene Konfrontation mit dem Vergangenen, das in uns gegenwärtig ist.

Einfühlendes Schauen

Aber natürlich führen in Weimar alle Wege zu Goethe. Damals, bei unserem Besuch mit der »Arbeitsgemeinschaft Literatur«, wurde uns Goethe als der Vertreter eines aufstrebenden Bürgertums präsentiert (dem dann bald die Proletarier folgten). Quasi so etwas wie ein Vorläufer des Sozialismus. Auch die Nazis fanden ihren Weg, um den großen deutschen Dichter für sich zu vereinnahmen, indem sie den Glanz des überlegenen deutschen Geistes beschwörten, für den er ihrer Meinung nach stand. Da hat es einen besonders bitteren Beigeschmack, wenn heute auch ein Alexander Gauland von der AfD Goethe herbeizitiert, um die spezifisch deutsche Kultur zu benennen, die es wiederzubeleben gelte.
Begegnet man aber dem Dichter und Denker selbst, bekommt man schnell ein anderes Bild. Beim Besuch seines Weimarer Wohnhauses haben sich für mich neue, überraschende Seiten des Universalgenies erschlossen. Denn ich wusste nicht, dass sein Wohnhaus vor allem auch ein großes Depot für Kunstwerke wie Zeichnungen, Plastiken und Vasen sowie Fundstücke aus der Natur wie Steine und Fossilien war. Goethe näherte sich der Kunst- und Naturgeschichte nicht nur über das Lesen von Büchern, sondern indem er zum Beispiel Zeichnungen verschiedener Epochen in wechselnden Abfolgen nebeneinanderlegte und sie in unterscheidender Betrachtung studierte. Mich faszinierte diese Verfeinerung des Sehens und Spürens, des sehenden Verstehens, die er hier offensichtlich übte und sich so die Welt durch eigenes Fragen und Erfahren erschloss. Auch anderen Kulturen wendete er sich mit einer solchen empathischen Offenheit zu. Mein Freund, der Künstler Axel Malik, griff in seiner Ausstellung »Die Bibliothek der unlesbaren Zeichen« einen solchen kulturellen Verständigungsversuch Goethes auf. Dabei hatte der Dichter in arabischen Schreibübungen durch das Schreiben arabischer Schriftzeichen und Worte, die er nicht verstand, versucht, sich dem Geist dieser fremden Kultur zu nähern, sich innerlich dazu in Resonanz zu bringen. Goethes einfühlendes Schauen scheint heute aktueller denn je, in einer Zeit, in der sich die Kulturen der Welt mit ihren Licht- und Schattenseiten begegnen. Wie wäre es, wenn sie – und damit wir – das in dieser behutsamen, respektvollen Weise tun würden, die uns unser deutscher Dichter vorlebte?

Erstickte Wut

In Weimar hatte ich eine weitere Gelegenheit, ein solches einfühlendes Schauen zu üben. Im Rahmen des Kunstfestes Weimar, das unter dem Motto »100 Jahre Kommunismus« stand und die Auswirkungen und heutige Relevanz dieser politischen Vision untersuchte, wurde das Stück »Allee der Kosmonauten« von Sasha Waltz aufgeführt. Die bekannte Choreografin hatte es 1996 zum ersten Mal aufgeführt und es wurde ihr internationaler Durchbruch. Es erzählt mit den Mitteln des Ausdruckstanzes und auch mit Humor und Akrobatik die Geschichte einer Familie in Ost-Berlin nach dem Mauerfall. Wie Sasha Waltz in der Einführung erklärte, war sie dafür nach Berlin-Marzahn in eine Plattenbausiedlung gefahren – in die dortige Allee der Kosmonauten – und befragte die Bewohner, die ihr Zutritt zu ihrer Wohnung gewährten. Mit den Aussagen dieser Interviews begann sie mit ihrem Ensemble zu improvisieren, bis sich um die Gefühle der Apathie, des Aufbruchs, der Nostalgie, der Langeweile, Verzweiflung, Gewalt und Komik eine Choreografie mit unglaublicher Intensität entfaltete, die einen auch heute noch berührt. In der Reflexion über die seit der Erstaufführung des Stückes vergangenen Zeit erklärte Waltz, dass die Desillusionierung, die Verunsicherung, die Frustration und Gewaltbereitschaft, die sie damals in den Interviews wahrnahm und die auch Eingang in das Stück fanden, in den letzten Jahren aus dem privaten Raum und den Körpern der Menschen in die Politik gelangt seien, wie der Aufstieg der AfD vor allem auch im Osten Deutschlands zeige. Und wirklich, die in Sasha Waltz‘ Stück noch stumme und ungelenkte Wut und Frustration scheinen heute in den politischen Debatten zu Wort zu kommen. Die Ursprünge dieser Gefühle, die Waltz in diesem Stück spürbar werden lässt, erhalten in der Tagespolitik nicht besonders viel Raum. Die Bundestagswahl hat gezeigt, wie viele Menschen sich von den etablierten Parteien nicht mehr verstanden fühlen, was die Populisten der AfD auszunutzen wussten. Eigentlich ergeht an unsere ganze Gesellschaft, und besonders diejenigen, die sich als progressiv verstehen, der Auftrag, wieder das Zuhören zu lernen. Und auch zu verstehen, dass Integration – egal ob von Flüchtlingen oder AfD-Wählern – zuerst einmal darin liegt, einander zuzuhören. Inspiriert von unserem Goethe stelle ich mir einen Flashmob vor, bei dem sich Flüchtlinge und AfD-Wähler gegenübersetzen und still die Schrift des anderen zu schreiben üben, sich Fotos ihres Lebens zeigen und ihre Lebensgeschichten erzählen, und dann ins Gespräch kommen. Sicher etwas idealistisch, aber unsere Zukunft könnte von einer solchen Haltung interessierter Offenheit mehr abhängen, als wir denken.

Die brennende Goethe-Eiche

Am Abend nach der Aufführung der »Allee der Kosmonauten« suchte ich mit Freunden noch nach einem Ort, um gemeinsam etwas zu trinken. So kamen wir in die Bar des Hotel Elephant, in dem sich, wie ich später herausfand, auch Goethe und Schiller, Wagner und Liszt und die progressiven Künstler des Bauhaus gern trafen – und in dem auch Adolf Hitler wohnte. Das Hotel Elephant und Hitler auf dessen Balkon sah ich schon bald in einem Dokumentarfilm in der Gedenkstätte Buchenwald wieder. Einige Zeit hatte ich überlegt, ob ich am letzten Tag meines Aufenthalts noch nach Buchenwald fahren oder vielleicht doch lieber einen Bummel durch die schöne Stadt oder einen Museumsbesuch machen sollte. Meine Freundin, die aus Prag stammt, wollte gern mehr über den Ort erfahren, von dem sie nun bei unserem Aufenthalt schon so viel gehört hatte. Denn in Weimar ist Buchenwald auf merkwürdige Weise überall präsent. Wie eine Wolke, die einen dunklen Schatten auf den Glanz der Klassikstadt wirft.
Der Ettersberg, auf dem das Konzentrationslager errichtet wurde, war ein beliebtes Ausflugsziel für die großen Geister Weimars. Goethe sagte über den Ort: »Hier fühlt man sich groß und frei, wie die große Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein soll.« Und man sagt, er soll sich dort an einer alten Eiche mit Charlotte von Stein getroffen haben, mit der ihn eine tiefe geistige Freundschaft verband, und dort auch Texte verfasst haben. Dieser als Goethe-Eiche bezeichnete Baum war der einzige Baum, den die SS beim Bau des KZ’s stehen ließ. Wie eine ferne Erinnerung an die Größe des menschlichen Geistes und den deutschen Humanisten muss er den Häftlingen im Schrecken des Lagers erschienen sein. Es heißt, er war für einige ein Hoffnungszeichen dafür, dass es ein Leben jenseits des Lagers gibt. Andere empfanden den Baum als zynisches Zeichen der Qual, wurden doch daran auch Häftlinge erhängt oder gefoltert. Es gab unter den Häftlingen die Sage, dass das Deutsche Reich fallen würde, wenn die Eiche stirbt. Im August 1944 bombardierten die Alliierten die Rüstungsfabrik in der Nähe des KZ’s, eine Brandbombe fiel ins Lager und setzte auch die Eiche in Brand. Es blieb nur der Stamm, der heute noch zu sehen ist. Das Deutsche Reich lebte noch neun Monate länger. Die befreiten Häftlinge schworen sich: »Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.«
In Buchenwald traf ich auch Ernst Thälmann wieder, bzw. den Ort, an dem er hinterrücks ermordet worden sein soll. Ich erinnerte mich daran, wie oft ich in unserem Unterricht in der DDR die Geschichten von der Standhaftigkeit Thälmanns bis zum Tod gehört hatte. Das Selbstverständnis der DDR hing tief mit Buchenwald zusammen, verstand man sich doch als gelebtes Vermächtnis der Widerstandskämpfer, die in Buchenwald inhaftiert waren und starben. Aber ich erfuhr damals nichts vom sogenannten »kleinen Lager«, in dem in Pferdeställen vor allem Juden eingepfercht waren und die Bedingungen noch elender waren. Ich wusste auch nicht, dass das Lager von der sowjetischen Besatzungsmacht nach dem Krieg noch fünf Jahre weitergeführt wurde. In der Geschichte sehen wir gern nur das, was wir sehen wollen oder was zu unseren Überzeugungen passt.

Ein waches Leben

Meine Zeit in Weimar, der janusköpfigen Stadt, war wie ein Weg durch die Gipfel und Abgründe der Geschichte, unserer Geschichte. Licht und Schatten unserer menschlichen Möglichkeit kommen hier in solcher Intensität und Nähe zusammen, dass es schwer ist, diese Spannung auszuhalten. So erging es mir jedenfalls. Ich merkte, welche innere Kraft es braucht, um den Schecken ganz an sich heranzulassen, sich auch ihm in einfühlendem Anschauen auszusetzen. Schon aus Respekt vor den Opfern. Aber auch, um das ganze Spektrum unserer Wirklichkeit zu fühlen. Aber es braucht auch Kraft, die höchste Möglichkeit als dies stehen zu lassen und anzuschauen. Nur zu leicht schleicht sich sonst ein Zynismus ein, der die Echtheit und Möglichkeit des Guten, Schönen und Wahren anzweifeln kann.
Weimar ist ein Ort, an dem die Vergangenheit lebendig ist, und damit ist es auch ein Ort der Gegenwart und Zukunft. Denn auch heute sehen wir in der Welt hoffnungsvolle Zeichen der Menschlichkeit und Taten der Grausamkeit oder Gleichgültigkeit. Aber wie viel davon wollen wir fühlen, einfühlend anschauen? Gerade zu einem Zeitpunkt, wo jemand wie Donald Trump gewählt werden konnte und die Welt an den Rand eines Atomkriegs bringt, oder die AfD als drittstärkste Partei in den Bundestag einzieht und im Osten Deutschlands stellenweise sogar die meisten Stimmen holen konnte, wird klar, dass wir einen neuen Weg finden müssen, um Menschen nicht an die Verzweiflung zu verlieren. Unsere Geschichte und ihre Wirkung in uns kann uns dabei helfen. Und Goethe. Sein einfühlendes Anschauen, die „zarte Empirie“, wie er sie nannte, war sein Versuch, die Trennung von Mensch und Welt, von Subjekt und Objekt zu überwinden. Es ist sicher etwas vereinfacht, aber mir scheint, dass die Blüten, die großen Momente einer Kultur damit zu tun haben, dass diese Trennung und damit auch die Trennung zwischen uns Menschen durchlässig wird und eine Ganzheit und Verbundenheit der Wirklichkeit spürbar wird. Und die Desaster, die Kriege, Genozide, unterdrückenden Systeme aber auch der alltägliche Hass haben ihre Wurzel in der Trennung von der Welt und dem anderen. Wenn wir uns auch dem Licht und Schatten unserer eigenen Geschichte – und unseres Menschseins – aus einer solchen ungetrennten Haltung zuwenden, uns bewusst werden, wie sehr sie uns durchdringt, kann es uns nicht nur berührbarer machen, sondern unsere tiefste menschliche Möglichkeit erwecken, in dieser gebrochenen Welt zu einer Kraft der Ganzheit und Heilung zu werden.
Ein Ort wie Weimar hat die Kraft, uns im Innersten herauszufordern: Wo stehst du? Was ist deine gelebte Antwort? Diese Fragen haben mich nach diesem Besuch in Weimar noch lange beschäftigt und mir gezeigt, wie wichtig es ist, aus einer existenziellen Wachheit in jedem Moment die Entscheidungen zu treffen, die aus dem Geist der Ganzheit und Verbundenheit kommen. Womit wir wieder bei Goethe wären, an dem in Weimar einfach kein Weg vorbeiführt. Das Wort »Wachheit« kennzeichnet für den Goethe-Biografen Rüdiger Safranski am besten dessen Haltung dem Leben gegenüber: »Ein waches Leben zu führen, das ist das Ideal, mit allem, was dazugehört.«

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Erschienen in Ausgabe 16 / 2017: LICHTBLICKE FÜR EINE VERWUNDETE WELT – Die kulturelle Dimension von Heilung

Unsere Glaubensreise

Religion, Evolution und der Poet der Welt

Seit dem Beginn des Menschseins scheint uns ein religiöser Sinn innezuwohnen, der sich im Laufe unserer Menschheitsentwicklung zu immer neuen Ausdrucksformen gewandelt hat. Was kann uns dieser Prozess der Entfaltung unserer Beziehung zum Geheimnis unserer Existenz über die Relevanz und die Zukunft des Religiösen in unseren stürmischen Zeiten sagen?

Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug.
Hilde Domin

Die Geschichte der Religion ist, so könnte man sagen, auch die Geschichte einer Beziehung – der Beziehung zum Geheimnis unserer Existenz. Mit der Geburt des Menschseins scheint auch dieser Beziehungssinn geboren zu werden und ein Hinausspüren in den Kosmos, das auch ein Hineinspüren ins Innere ist: In welcher Wirklichkeit leben wir? Was ist der Grund unseres Seins? Und was begegnet uns darin an den Grenzen unseres Wissens, Könnens und Sterbens?
Für den Religionswissenschaftler Reza Aslan ist dieser religiöse Sinn etwas, das unser Menschsein von Anfang an begleitet: »Religiöser Glaube ist ohne Zweifel so weit verbreitet, dass man ihn als Grundelement der Welterfahrung des Menschen betrachten muss. Der Mensch ist ein Homo religiosus, und zwar nicht, weil wir Glaubensbekenntnisse brauchen oder uns religiöse Institutionen wünschen, bestimmten Göttern anhängen oder konkrete theologische Konzepte vertreten, sondern weil uns ein existenzielles Streben nach Transzendenz eigen ist, ein Sich-Ausstrecken nach dem, was wir als jenseits der manifesten Welt erfahren.«
Dieses Sich-Ausstrecken hat sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder zu neuen Formen gewandelt. Welche Formen das sind, hat der Theologe James Fowler untersucht und die Stufen des Glaubens erforscht, die der integrale Philosoph Ken Wilber mit seinem Modell der Bewusstseinsentwicklung verbunden hat. Was sind diese Stufen unserer Beziehung zum Göttlichen oder zu dem, was wir als göttlich empfinden und erfahren? Und was kann uns die Tatsache, dass sich religiöser Sinn durch verschiedene Ausdrucksformen entfaltet über die Zukunft der Religion sagen?

Eine kurze Geschichte des Glaubens

Die erste Stufe des Glaubens nennt Fowler intuitiv-projektiv, Wilber bezeichnet sie als magisch. Dieser Glaube in der Morgendämmerung unseres Bewusstseins schöpft aus der Intuition unseres eigenen Beseeltseins und der Beseeltheit der Natur und ihrer Wesen und Kräfte, mit denen wir uns verbunden fühlen, die wir fürchten und die wir um etwas bitten. Wir projizieren eine Absicht in die Gegebenheiten der Natur: Es donnert, weil der Himmel böse auf uns ist. Es ist eine magische Verschmelzung von Ich und Welt. Es ist eine Religiosität, die sich bei Kindern und auch bei Naturvölkern findet.
Aus dieser intuitiven Verschmelzung bildet sich nach und nach unser Ich-Sein, in dem wir lernen, zwischen innen und außen, uns selbst und der Natur und anderen Wesen zu unterscheiden. Jetzt erscheint das Göttliche oder die Götterwelt immer mehr als ein machtvolles und unberechenbares Gegenüber, das die Welt regelt und ordnet und dem wir uns unterordnen. Diese Regeln werden wörtlich genommen und müssen befolgt werden. In diesem mythisch-wörtlichen Glauben (bei Wilber magisch-mythisch) entstehen die Mythen, die die Dynamik der Götterwelt beschreiben. Mit Ritualen versuchen wir, die mächtigen Götter oder den machtvollen Gott zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Es ist der Glaube antiker Kulturen, der im Lebenslauf dem Grundschulalter entspricht.
Mit der nächsten Stufe, dem synthetisch-konventionellen Glauben (bei Wilber mythisch) sehen wir uns selbst als Teil einer Gruppe, eines Volkes oder einer Kirche. Es ist ein ethnozentrischer Glaube, in dem wir uns mit unserer Religion identifizieren und Gläubige anderer Religionen und Ungläubige als Gefahr wahrnehmen. In diesem Glauben, der die Grundlage vieler Weltreligionen bildet, gibt es einen festen Verhaltenskodex, klare Hierarchien und die heiligen Schriften und Symbole werden wortwörtlich verstanden. Diesen Glauben können wir in der Jugend ausprägen, für viele bleibt es der Glaube, der das ganze Leben bestimmt. Wir sehen ihn in Menschen, die blind ihrer Kirche oder Glaubensgemeinschaft und ihren Autoritäten folgen. Jede Kritik an ihnen oder den zugrundeliegenden Wahrheiten wird als Bedrohung erlebt, die entsprechende gewaltvolle Reaktionen hervorrufen kann.
Mit dem Schritt zu einem individuierend-reflektierenden Glauben (bei Wilber modern-rational) treten wir aus dem Umkreis einer als unfehlbar wahrgenommenen Tradition heraus und beginnen, selbst über Glaubensinhalte und das religiöse Leben zu reflektieren und können eine individuelle Beziehung zum Göttlichen ausbilden. Wir hinterfragen die überlieferten Dogmen und entdecken Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei den religiösen Institutionen und Autoritäten, was bei manchem zum Bruch mit der Tradition oder dem Glauben überhaupt führt. Der Glaube gerät hier auch ins prüfende Blickfeld der Wissenschaft und hieraus kommen die theologischen Versuche, ihn rational zu begründen. Auch viele Reformbestrebungen an der Basis der Kirchen kommen aus diesem neuen Glaubenshorizont. Man könnte sagen, hier beginnt der Glaube erwachsen zu werden.
Die nächste Stufe bezeichnet Fowler als verbindenden Glauben (bei Wilber pluralistisch). Hier sind wir nicht nur gegenüber anderen Glaubensformen tolerant, sondern wir wollen sie verstehen und möglicherweise in unsere Glaubenspraxis integrieren. Hier wird der interreligiöse Dialog lebendig, psychologische Innenschau wird Teil des religiösen Lebens und die direkte spirituelle Erfahrung wichtiger als Glaubensinhalte. Diese Form des Glaubens bezeichnen viele von uns so, dass wir »spirituell, aber nicht religiös« sind und vieles in der heutigen alternativen Spiritualität kann als Ausdruck dieser Form des Glaubens verstanden werden. Diese postmoderne Spiritualität ist oft ökologisch und sozial engagiert, setzt sich für Benachteiligte, für die Gleichberechtigung der Geschlechter und eine ökologische Haltung gegenüber der Schöpfung ein. Ein Schattenaspekt dieses Glaubens liegt darin, dass uns die Vielzahl der religiösen Optionen manchmal den Weg in die Tiefe verstellt. Und obwohl wir hier die vielen Ausdrucksformen des Glaubens wertschätzen können, finden wir noch nicht zu einer sinnvollen Integration. Auch wir selbst bleiben trotz der Fähigkeit, verschiedene Perspektiven auf das Leben einzunehmen, im Grunde von diesem Lebensstrom getrennt. Die Fixierung im Persönlichen kann zum Narzissmus werden, in dem wir uns um uns selbst drehen.
Fowler sah Anzeichen für eine weitere, umfassendere Stufe des Glaubens, die diesen Selbstbezug durchbricht. In diesem universellen Glauben (bei Wilber integral) wird die Erfahrung des Eingebettetseins in ein kosmisches Mysterium zur Grundstimmung und Motivation unseres religiösen Impulses, die sich in einem umfassenden Mitgefühl zeigt. »Die integrale Perspektive sieht sich selbst als zutiefst verwoben mit dem gesamten Universum, einem all-verbundenen, nahtlosen, lebendigen, kreativen und bewussten Kosmos«, schreibt Wilber. Auch Fowler sah diese Stufe einhergehend mit einer radikalen Selbsttranszendenz, in der der Mensch die Einheit mit dem Kosmos in seinem Leben verwirklicht.

Gott und Mensch

Wie dieser kurze Abriss der Stufen des Glaubens zeigt, scheint unser »Sich-Ausstrecken zur Transzendenz« gleichzeitig immer individueller und universeller zu werden. Die Entscheidung darüber, was wir glauben, wird zunehmend zu unserer freien Wahl. Und der Umfang der Wesen, der Welt und Wirklichkeit, denen wir eine Teilhabe an der Gegenwart des Göttlichen zugestehen, wird immer weiter und umfassender.
Reza Aslan beschreibt in seinem Buch »Gott – eine menschliche Geschichte« ähnliche Stufen des Glaubens, die er auch in seiner eigenen »Glaubensreise« wiederfindet – »von einem spirituell interessierten Kind, das sich Gott als alten Mann mit Zauberkräften vorstellte, zu einem gläubigen Christen, der sich Gott als vollkommenes menschliches Wesen vorstellte; von einem akademischen Muslim, der das Christentum um des reineren Monotheismus des Islam willen aufgab, zu einem Sufi, der erkennen musste, dass es nur einen Weg gab, die Einzigkeit, Ewigkeit und Unteilbarkeit Gottes zu erfassen, nämlich den, jede Unterscheidung zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung auszulöschen.“
In seinem Buch zeigt er auf, dass diese Geschichte unserer Beziehung zum Göttlichen auch die Erzählung einer Abfolge von Projektionen ist, in denen wir dem unergründlichen Geheimnis unserer Existenz menschliche Eigenschaften und Emotionen zuschreiben. Diese verständliche Projektion führt dazu, dass wir Gottesbilder schaffen, die vor allem dadurch Kraft erhalten, dass sie sich gegen andere Bilder abgrenzen – mit allen gewalttätigen Folgen, die wir in der Geschichte der Religionskriege und des religiös motivierten Terrorismus sehen können.
Bei der Suche nach einer Zukunft der Religion kam Aslan zu einem pantheistischen Glauben, in dem er versucht, diese Projektionen zurückzunehmen und sich einem »nicht-menschlichen Gott« zuzuwenden, der mit dem Universum eins ist. Solch ein Verständnis des Göttlichen würde seiner Ansicht nach die Religionen friedlicher, menschlicher und verantwortungsvoller machen. Denn wenn Gott alles ist, dann müssen wir mit allem so umgehen, als wäre es Gott.

Wir sind Werdende

Auch Fowler beschreibt in seinen Stufen des Glaubens im Grunde unsere Projektionen des Göttlichen. Er bezog sich in seiner Forschung auf Entwicklungsmodelle für unser Denken (von Jean Piaget) oder unsere Moral (von Lawrence Kohlberg), die ähnlichen Sequenzen und Entwicklungsrichtungen folgen. Das verdeutlicht, wie sehr die Entfaltung des Glaubens von der Entwicklung unseres Bewusstseins bestimmt wird. Das heißt, das Bild Gottes und die Qualitäten, die wir ihm zuschreiben, hängen von der Weite und Tiefe dessen ab, was wir in unserem Bewusstseinshorizont fassen können. Aber worauf richtet sich dann eigentlich unser Glaube? Auf eine tatsächlich präsente Wirklichkeit, die wir nur in zunehmender Öffnung wahrnehmen, so wie das Licht durch ein immer größeres, differenzierteres Fenster? Oder richtet sich unser Glaube einfach auf unsere menschlichen Projektionen, wie es Atheisten behaupten? Oder gibt es auch hier noch eine Perspektive, die diese Möglichkeiten übersteigt?
Vielleicht liegt eine Antwort darauf im Blick auf das grundlegendste Ergebnis von Fowlers Forschungen: die Erkenntnis, dass sich unser Glaube wandelt und entfaltet. Denn was wir daraus entnehmen können ist, dass wir als Menschen werdende Wesen sind. Damit wandelt sich auch unser Glaube, unsere Beziehung zu Gott, wobei jede der skizzierten Stufen ihre eigene Würde und Berechtigung sowie ihre eigenen Schattenseiten hat und auch weiter in uns wirksam bleibt. Diese Entfaltung unseres Bewusstseins und unseres Glaubens ereignet sich im Kontext eines Universums, das ebenfalls ein werdendes ist und sich über Materie, Leben und Bewusstsein entfaltet hat.
Wenn wir nun aber die gegenseitige Durchdringung Gottes und seiner Schöpfung ernstnehmen, dann ist, so könnte man sagen, auch Gott ein Werdender. Und indem wir Gott immer neu erkennen, erfahren und berühren, wirken wir an seinem Werden mit. Da das Universum ein schöpferischer Prozess ist, kann auch der Ursprung und Urgrund dieses Universums nicht »abgeschlossen« oder »fertig« sein, sondern nur eine offene, kreative, in immer neue Möglichkeiten ausgestreckte Wirklichkeit. So wird der Welt und dem Menschen eine eigene kreative Potenz zugestanden, die unserem Leben eine neue Würde, Kreativität und Verantwortlichkeit schenkt: Unser Leben und Handeln wandeln die Welt und letztendlich auch Gott. Unser Leben liegt in Gottes Hand, aber Gottes Leben auch in unserer.
Dies ist ein evolutionäres Verständnis von Religion, wie es von Pionieren wie Sri Aurobindo, Jean Gebser, Alfred North Whitehead, Teilhard de Chardin oder Ken Wilber erforscht wurde. Whitehead fand für dieses Gottesverständnis eine treffende Metapher: Gott ist nicht der allmächtige Schöpfer, sondern vielmehr der berührende und berührbare »Poet der Welt«, dessen Dichtung die Schöpfung ist, ein Prozess, den wir mit unserem Sein und Werden mitgestalten können. Vielleicht erkennen und verstehen wir dann uns selbst und einander als »Ko-Poeten« dieses Lebensstromes, der wir sind.

Auf offener See

Wenn wir so am Gedicht der werdenden Welt mitweben wollen, scheint eine Haltung des poetischen Ahnens angemessener als ein definierendes Wissen. Denn schließlich müssen wir uns bei allem, was wir über Entwicklungstheorien und die Geschichte des Glaubens und seiner möglichen Zukunft sagen können, auf ein lineares, rationales Denken und eine Sprache stützen, die wohl diesem Neuen noch nicht gewachsen sind.
Der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt in seinem Essayband »Nach Gott« diese Ausgangslage des Aufbrechenden in religiöses Neuland so: »Sucht jemand aus solcher Lage nach etwas Haltgebendem, so muss er vom Bodenlosen aus selber das Tragende konstruieren. Um ein Denkbild des japanischen Philosophen Nishida zu benutzen: er ist gezwungen, auf offener See das Floß zu bauen, mit dem er sie befahren will.«
Was kann dieses Tragende sein? Vielleicht ist es genau dieses poetischen Ahnen, das uns im Bodenlosen unseres Daseins gründet und uns auf der offenen See des Werdens hält, empfänglich und wach für einen nächsten Horizont des Möglichen. Solch ein Leben schöpft aus der Erkenntnis, dass wir immer schon mit dem Gedicht der Schöpfung verwoben sind und mit unserem Sein daran teilhaben. Und aus der Demut, dass wir diese Dichtung nie ganz verstehen und erfassen werden. Sie schützt uns davor, uns erneut in Modellen und Begriffen abzusichern, auch wenn es universelle oder integrale Modelle und Begriffe sind. Unsere religiöse Intuition und Sehnsucht richten sich dann vielleicht eher darauf, immer tiefer, umfassender, kreativer und liebevoller dem Gedicht der Schöpfung zu lauschen und an der Entfaltung des Lebens mitzuwirken.

Staunende Fürsorge

Die Zeit, in der sich die Frage nach einem neuen Ausdruck unserer religiösen Grundintuition stellt, ist aber eine Zeit, in der die Grundfesten unseres Menschseins durch die Folgen unseres kollektiven Handelns erschüttert werden. Klimawandel, Artensterben, Digitalisierung, individuelle Vereinzelung, gesellschaftliche Polarisierung fragen nach einer Religion, die dieser stürmischen See gewachsen ist. Es scheint auch eine Zeit zu sein, die unser bewusstes, mitfühlendes, schöpferisches Mitwirken besonders dringend braucht. Dazu ist es auch wichtig, Wege zu finden, um uns in einer staunenden Fürsorge für unsere Welt schöpferisch zu begegnen, über alle ideologischen, religiösen und gesellschaftlichen Grenzen hinweg.
In unserer säkularen Gesellschaft gilt Religion aus gutem Grunde als Privatsache, es ist die Freiheit des Einzelnen, zu glauben, was er oder sie will, so lange es die Grundsätze unseres Zusammenlebens nicht verletzt. Aber die menschlichen Fragen, aus denen der religiöse Impuls erwächst, sind nichts Privates, sie sind universell. Religion, Kunst, Philosophie, Poesie, Wissenschaft können in diesem Sinne als Versuche verstanden werden, Antworten auf die Fragen unserer Existenz, unserer Herkunft und Zukunft zu geben. Und auch die Herausforderungen, vor denen wir als Menschheit stehen, sind universell und betreffen uns alle.
Eine Religion der Zukunft könnte dazu beitragen, einen Bewusstseins- und Begegnungsraum zu eröffnen, in dem eine Sprache und innere Verfasstheit des Staunens uns an das schöpferische Geheimnis unserer Existenz erinnern. Dies ermöglicht auch Dialog und Ko-Kreation, in denen das Verbindende und Universelle unserer menschlichen Erfahrung einen wirksamen Impuls formt, der uns und unsere Gesellschaft verwandeln kann. Denn wie würden Ethik, Politik, Ökologie, Medizin, Wirtschaft, Bildung – und Religion – aussehen, in denen das Staunen vor dem Mysterium unseres Menschseins eine lebendige Resonanz findet und unser gemeinsames kreatives Handeln inspiriert? Wie könnten Beziehungsfelder oder gar eine Gesellschaft aussehen, in der wir als Ko-Poeten miteinander und mit dem unergründlichen Geheimnis unserer Existenz die Dichtung des Kosmos weiterweben?

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Erschienen in Ausgabe 21 / 2019: DIE ZUKUNFT DER RELIGION

„Zeugen im Schönen“

Facebook, Resonanz und das Konzert der Welt

Was bedeutet Intimität in Zeiten digitaler Vernetzung? Nimmt durch soziale Medien unsere Verbundenheit oder Entfremdung zu? Und wo gibt es Erfahrungsräume für eine tiefere Intimität mit uns selbst, miteinander und der Welt?

 

Vor einiger Zeit besuchte ich eine Veranstaltung zum Thema „Mensch und Smartphone“ im Schloss Freudenberg, einem Ort, der sich als Erfahrungsfeld der Sinne und des Denkens versteht. Unter dem Motto „iSinn“ untersuchten und diskutierten wir in verschiedenen Kontexten, ob das Internet, soziale Medien und Smartphones unsere Sicht der Welt erweitern oder vielleicht auch einschränken. Öffnen sie uns einen neuen Blick auf die Wirklichkeit, verbinden sie uns, machen sie uns mehr Informationen und Erfahrungen zugänglich, oder verdecken sie eher unsere direkte, unmittelbare Begegnung mit der Welt, der Natur, unseren Mitmenschen? Oder anders gefragt: Gibt es eine Intimität, die sich uns insbesondere durch unsere digitale Vernetzung erschließt? Und gibt es zugleich im Internetzeitalter eine neue Entfremdung, die uns so im abstrakten Raum digitaler Vernetzung hält, dass wir unsere eigene Stimme nicht mehr hören, den anderen nicht mehr sehen und die Welt nicht mehr spüren?
Der Tag, an dem ich dieses Seminar besuchte, war der 14. November, der Tag nach den Terroranschlägen in Paris. Am Abend, als ich nach Hause kam, setzte ich mich vor mein Laptop und ging auf Facebook. Viele bewegende Posts und Videos zeugten von Trauer und Verunsicherung, aber auch von Mut und Widerstand. Meine eigene Trauer und meine Fragen verbanden sich mit den Emotionen, die mich digital vermittelt erreichten. Ich bekam keine Antworten, meine Gefühle fanden keine Erleichterung, aber ich fühlte mich verbunden. Die Reaktionen auf das Ereignis hatten ein spürbares Netz des Mitgefühls über die Erde gespannt, in das ich eingebunden war.
Gerade auf Facebook beobachte ich aber auch ein Phänomen, das eher in die andere Richtung geht. Immer wieder sehe ich, dass sich Menschen in Kommentarspalten und Diskussions-Threads in einer Vehemenz angreifen und beleidigen, wie sie es wohl nie tun würden, wenn sie dem Menschen gegenüberstünden und in die Augen schauen würden. (Ganz abgesehen von den unsäglichen Hasskommentaren, die hier auch grassieren.) Dieser zwiespältige Eindruck hat mich dazu gebracht, mir immer wieder bewusst „facebookfreie Zeiten“ zu nehmen, auch weil das einfache Abscrollen der Posts und Nachrichten, die oft nur an der Oberfläche bleiben, mich selbst in eine „oberflächende“ Stimmung bringt – die Masse zählt, nicht die Tiefe.
Ich habe knapp über 900 Facebook-„Freunde“, davon kenne ich etwa die Hälfte persönlich, mit vielleicht 100 habe ich eine Beziehung, die man Freundschaft nennen kann, und wenn es zu wirklich engen Freunden kommt, bleiben vielleicht 25. Auf diese Weise wird ein Begriff wie „Freund/in“ neu definiert oder eben auch verflacht, ausgehöhlt. Gleichzeitig habe ich über dieses soziale Netzwerk alte Freunde wiedergefunden, wodurch sich Freundschaften weiter entfalten konnten, und der Online-Austausch hat auch zu wertvollen neuen Freundschaften geführt, die ich nicht missen möchte.
Während des Freudenberger Seminars kamen wir letztlich zu dem Schluss, das es an jedem selbst liegt, ob Internet, soziale Medien und Smartphone unsere Verbundenheit oder Entfremdung verstärken. Der entscheidende Punkt, so folgerten wir, ist die Verbindung zu unserer eigenen Kreativität, ist unsere Freiheit im Umgang mit diesen digitalen Möglichkeiten. Für mich war dies der Auslöser, weiter über die Beziehung zwischen der Erfahrung einer Verbundenheit mit der Welt und unseren neuen medialen Welten nachzudenken. Dabei fand ich als Dialogpartner einige spannende Denker, die sich dem Thema Intimität im weitesten (und tiefsten) Sinne angenommen haben.

Eine Kultur des Glatten

Eine besonders herausfordernde Entdeckung ist für mich das Buch „Die Errettung des Schönen“ von Byung-Chul Han. Natürlich entscheiden wir selbst, wie wir mit digitalen Medien umgehen, aber für Han liegt das Problem tiefer und ist grundsätzlicher.
Han bezeichnet unsere Gegenwart als eine „Kultur des Glatten“. iPhone, Brazilian Waxing und die Skulpturen von Jeff Koons nennt er als Symptome einer Kultur, die den Blick auf die Oberfläche der Dinge lenkt. Es ist eine Kultur der Gefälligkeit, eine Kultur des „Like“. Han nennt es „Positivgesellschaft“, weil wir die Oberfläche der Dinge verehren, positive, glatte Touchscreen-Erfahrungen machen wollen, aber verlernt haben, uns erschüttern zu lassen. Erschüttern zu lassen vom Anderssein des anderen, von der Wirklichkeit, das jeder von uns ein Universum ist, das nicht in ein Facebook-Profil passt. Für Han entsteht wirkliche Nähe mit einem anderen oder mit der Welt immer auch in der Erfahrung eines Widerstands. Tiefe Intimität ist nicht glatt, sie entwickelt sich, erprobt sich, differenziert sich in einem Prozess, in dem sich Widerstände, Erschütterungen, Brüche zeigen. Es ist eine Nähe, in der auch ihr scheinbares Gegenteil, die Ferne, Einzug halten kann: „Ohne Distanz ist keine Mystik möglich. Die Entmystifizierung macht alles genieß- und konsumierbar.“ Der Fokus auf das Sichtbare, Geheimnislose, Konsumierbare macht für Han unsere Kultur auch zu einer pornografischen Kultur. Alles muss sofort sichtbar sein. Selbst Information wird für Han pornografisch: „Die Information ist eine pornografische Form des Wissens. Ihr fehlt die Innerlichkeit, die das Wissen auszeichnet. Dem Wissen wohnt insofern eine Negativität inne, als es nicht selten gegen einen Widerstand zu erringen ist.“
Für Han sind all dies Symptome einer „Krise des Schönen“: Wir haben dem Schönen die Tiefe und Verbindlichkeit genommen. Er schreibt: „Die Sexyness ist der moralischen Schönheit oder der Charakterschönheit entgegengesetzt. Moral, Tugend oder Charakter haben eine besondere Zeitlichkeit. Sie beruhen auf der Dauer, Festigkeit und Beständigkeit.“ Und weiter: „Je charakter- und gestaltloser, je glatter, je aalglatter man ist, desto mehr Friends hat man. Facebook ist ein Markt der Charakterlosigkeit.“ Diese Krise des Schönen diagnostiziert Han in unserem Umgang mit Kunst, Politik, Moral, Wahrheit. Für ihn kann uns nur eine „Errettung des Schönen“ weiterführen. Und wie sieht die aus?
In gewissem Sinne kommt auch Han zu unserer innewohnenden Kreativität und Schöpferkraft zurück, er nennt es „Zeugen im Schönen“. Denn eine Gefahr unserer digitalen Kultur ist, dass sie uns passiv macht, steuerbar, konsumfreudig, durchsichtig. So ist auch das Schöne nach den Vorgaben des Konsums geglättet, verflacht, beliebig, bequem und behaglich geworden. Das „Zeugen im Schönen“ ist für Han auch eine Wiederentdeckung des Verbindlichen. Ein schönes Wort, finde ich, weil es Verantwortungsgefühl oder Treue mit Verbundenheit zusammenführt.

Resonanzraum

Verantwortungsgefühl und Verbundenheit berühren auch eine andere Erfahrung, die mir beim Nachdenken und -spüren zum Thema Intimität immer wieder begegnet ist: Resonanz. Denn was Han kritisiert, ist auch eine Unfähigkeit zur Resonanz. Der Soziologe Hartmut Rosa, der den Begriff der Resonanz momentan stark in den Diskurs bringt, meint mit Resonanz, „dass einem Menschen die Welt als antwortend, atmend, tragend, wohlwollend oder sogar gütig erscheint.“ Es ist eine Erfahrung der Verbundenheit, die viele von uns in menschlicher Begegnung, ästhetischen Erfahrungen, in der Natur oder auch in Gebet, Meditation und spiritueller Praxis finden. Für Rosa kann aber auch Politik mehr oder weniger Resonanz erzeugen, nämlich je nachdem, wie sehr sich die Menschen wirklich gemeint fühlen, ob ihre Anliegen bei politischen Entscheidungsträgern eine Stimme finden. Politikverdrossenheit ist also vielleicht auch ein Symptom mangelnder sozialer Resonanz.
Interessant finde ich, dass Resonanz diesen Pol der Verbundenheit hat, aber auch den Pol der eigenen Verantwortung, vielleicht auch im Sinne einer Fähigkeit zum Antworten. Aber dazu muss ich mich selbst kennen, muss mit mir selbst innig verbunden sein, meine eigene Stimme hören, meine kreativen Impulse spüren. Das ist in unserer lauten Kultur gar nicht so einfach. Der Philosoph Peter Bieri bringt es auf den Punkt: „Ich möchte in einer Kultur der Stille leben, in der es vor allem darum ginge, die eigene Stimme zu finden.“
Erst auf dieser Grundlage habe ich überhaupt die Charakterstärke und den inneren Raum, um in Resonanz zu gehen. Deshalb ist für Rosa auch unsere Beschleunigungs- und Reizüberflutungskultur ein Resonanzverhinderer.

In der Atmosphäre

In einer kreativen Spannung zwischen Zutiefst-bei-mir-sein und dem berührungsfähigen Antworten auf die Welt lebt auch die Erfahrung der Atmosphären. Wir alle kennen die Erfahrung einer heiteren, traurigen, aufgeladenen, angespannten oder entspannten Atmosphäre in Räumen, in Landschaften, im Erleben mit anderen Menschen. Wenn man diese Erfahrungen genauer betrachtet, sind sie ein Geheimnis, weil sie weder ganz in einem selbst zu leben scheinen, noch in den Gegenständen oder Räumen. Der Philosoph Gernot Böhme, der „Atmosphäre“ als Grundlage einer ästhetischen Theorie aufgegriffen hat, schreibt: „Unbestimmt sind Atmosphären vor allem in Bezug auf ihren ontologischen Status. Man weiß nicht recht, soll man sie den Objekten oder Umgebungen, von denen sie ausgehen, zuschreiben oder den Subjekten, die sie erfahren.“
Vor einiger Zeit sah ich in einer Ausstellung „Die Straßenbahnhaltestelle“ von Joseph Beuys. Eine Installation mit einer Straßenbahnschiene und einer Stele mit einem Kopf darauf. Als ich sie betrachtete, war mir das, was ich da sah, zunächst sehr fremd. Aber ich spürte eine Atmosphäre. Und in den folgenden Minuten hatte ich das Gefühl, in die Atmosphäre dieses Kunstwerkes einzutauchen, in Resonanz zu gehen. In mir stieg ein Strom von Assoziationen auf, die mit Weichenstellung im Leben, dem Treffen von Entscheidungen, mit Ankunft und Abschied, mit Auf-dem-Weg-sein zu tun hatten. Fragen, die für mich eine Bedeutung hatten. Das Kunstwerk antwortete mir. Aber was in mir angeregt wurde, war nicht nur in mir, es war auch nicht objektiv im Kunstwerk, es entstand, emergierte im Dazwischen, in dem merkwürdigen Raum, in dem Fremdheit und Nähe zusammenfließen zu der Erfahrung einer bedeutsamen, einer sprechenden Welt. Ähnliche Erfahrungen kennen viele von uns in den Atmosphären der Natur, einem dichten Wald, am Meer, im Gebirge. In solchen Erfahrungen brechen wir den Panzer eines von der Welt getrennten Ichs auf, für Böhme werden wir aber gleichzeitig einer tieferen Natur der Dinge gewahr. Er nennt es die „Ekstase der Dinge“. Die Dinge der Welt sind nicht einfach nur da, sie sind ekstatisch, sie treten aus sich heraus, sie schwingen, sie resonieren, sie antworten.
Vielleicht kann man sagen, dass Erfahrungen wie Resonanz und Atmosphäre auf das Offene hindeuten: Ein offenes Selbst und eine offene Welt. Ich öffne mich der Welt, ihrer Schönheit und ihrem Grauen, lasse mich berühren, erschüttern, verunsichern, erfüllen und ich antworte mit meiner eigenen Stimme, meinem „Zeugen im Schönen“. Ich antworte einer Welt, die nicht mehr ein verschlossenes Gegen-über ist, voller Gegen-stände. Die Welt öffnet sich, sie lässt sich sehen, erkennen, spüren, gestalten, verändern. Und unsere (Ant-)Wort kann wie ein Schlüssel sein, wie es Joseph von Eichendorff in seine bekannten Verse gebracht hat:

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Das Konzert der Welt

Gernot Böhme führt als einen frühen Vertreter einer „Resonanzphilosophie“ seinen Namensvetter, den Mystiker Jakob Böhme an. Er lebte im 16. Jahrhundert und galt Hegel als „der erste deutsche Philosoph“. Aber Böhme war eben auch und vor allem Mystiker, der in seiner Schrift „De Signatura Rerum“ die Wirklichkeit als ein großes Konzert beschreibt. Jeder Gegenstand und jedes Wesen sind für ihn ein Resonanzkörper, der einen spezifischen Klang hervorbringen kann. „Ein jedes Ding hat seinen Mund zur Offenbarung. Und das ist die Natur-Sprache, daraus jedes Ding aus seiner Eigenschaft redet, und sich immer selber offenbaret, und darstellet, wozu es gut und nütz sey.“ Was wir Welt nennen, ist also in dieser Vision eine Wechselwirkung zwischen klingenden Körpern, die erst im Zusammenklang ihre Bestimmung, ihren Ausdruck finden. Für Böhme ist dieser große Klang vom „Hall“ Gottes durchdrungen, der dieses kosmische Konzert erst möglich macht. Für den Menschen als bewusstes Wesen besteht die Aufgabe und Möglichkeit darin, mit diesem Klang der Dinge in Beziehung zutreten, ihn in den Dingen zu erwecken, das „Zauberwort“ zu finden.
In diesem Sinne ist Intimität mit dieser klingenden Welt etwas von Grund auf Aktives, Schöpferisches, ein „Zeugen im Schönen“. Es ist der Gegenentwurf zu einer Kultur des Konsumierens, des Glatten und des Gefallens. Für Jakob Böhme ist die Voraussetzung für diese schöpferische Nähe mit allem die „Gelassenheit“, womit er meinte, dass wir unserer „Ichheit absterben“ und uns Gott „einergeben“. Für ihn ist aber Gott nicht getrennt von dieser Welt, sondern das Konzert der Welt ist der „Hall“, in dem sich Gott ausdrückt und schafft. Der ganze Kosmos ein heiliger Resonanzraum, in dem die Schöpfung schwingt, und jede konkrete Begegnung ein Ton in der Symphonie des Seins. In ihr erfüllt sich die Innigkeit zwischen uns und der Welt – oder eben nicht.

Klingende Nähe

Damit sich diese Innigkeit erfüllen kann, brauchen wir Raum. Eine innere Freiheit, die uns aus einer gewissen „Tyrannei der Nähe“ befreit, die uns durch digitale Medien, ständige Verfügbarkeit, psychologische Selbsthilfemethoden und schnelllebige Informationen oft in kommerzieller Absicht „nahegebracht“ wird. Nähe, schöpferische, lebendige, klingende Nähe braucht einen Raum, in dem sich unsere Verbundenheit zeigen, erkennen und entwickeln kann. Dia-log, das „Zwie-gespräch“, ist eine Erfahrung, in der das tiefe Ich-selbst-sein mit dem Anders-sein in einem Raum der Freiheit zu schöpfersicher Verbundenheit findet. Deshalb sagt es viel über unsere Kultur, dass Dialog so selten geworden ist. Byung-Chul Han beobachtet: „Die Fähigkeit zum Dialog, die Fähigkeit zum Anderen, ja zum Zuhören verschwindet heute auf allen Ebenen.“
Bei der Arbeit an dieser Ausgabe hatte ich eine eindrückliche Erfahrung der Möglichkeit des Dialogischen. Ich rief Stephan Guber an, den Künstler, dessen Arbeiten wir in dieser Ausgabe für die Gestaltung nutzen dürfen. Ich wollte einen Telefontermin für ein Interview mit ihm verabreden. Er aber bestand darauf, dass wir uns persönlich treffen, das Thema sei doch schließlich „Intimität.“ Als wir uns dann gegenübersaßen, verstand ich, was er meinte. Seine Kunst hatte mich immer beeindruckt, und doch waren sie und auch er selbst als Künstler und Mensch immer auch etwas fremdgeblieben. Als wir uns aber in diesem Gespräch aufeinander einließen, auf die Andersheit des Anderen, in wachem Interesse, im offenen Zuhören, berührten wir immer wieder diese Punkte, wo wir aus verschiedenen Blickwinkeln auf eine existenziell bedeutsame Erfahrung blickten, sie gemeinsam spürten, nachhallen ließen, zusammen ahnend die Wahrheit des Kosmos berührten. Es war ein „Zeugen im Schönen“, im Konzert der Welt, als wären wir zwei Instrumente, deren Klang einander und dem Ganzen antwortete. Einfach. Menschlich. Intim.

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Erschienen in Ausgabe 09 / 2016: GANZ NAH – Intimität als Herz des Lebens

Der Kosmos in uns

Die Geschichte des Lebens in unserem Körper

Die Entwicklung, die den Kosmos, das Leben und unseren Körper hervorgebracht hat, lebt in uns weiter. Eine Reise durch unsere Entstehungsgeschichte, die heute in uns über sich nachdenkt.

„Wir alle sind aus Sternenstaub“, singt die Band „Ich+Ich in ihrem Song „Vom selben Stern“. Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Elemente unseres Körpers in einer Supernova entstanden sind, hat Einzug in die Popkultur gehalten. Die Wissenschaft zeigt aber auch, dass alle biologischen Prozesse, die in uns wirken, im unvorstellbar langen Lauf der Evolution entstanden sind. Die Frage ist berechtigt: Was bedeutet das eigentlich für uns – abgesehen von einer poetischen Verwandtschaft von Mensch und Stern oder Mensch und Natur? Vielleicht verstehen wir ja unser Menschsein und damit auch unser Körpersein erst wirklich, wenn wir uns als eingebettet in einen Prozess sehen, der weit über uns hinausgeht und durch uns hindurchläuft – und sich in uns seiner selbst bewusst wird.

Im All geboren

Also, wie ist das nun mit dem Sternenstaub? Um eine sehr sehr lange Gesichte sehr sehr kurz zu machen: In der gigantischen Explosion des Urknalls vor 13,7 Milliarden Jahren entstanden nur zwei Elemente, Wasserstoff und Helium. Diese Elemente verbanden sich etwa 200 Millionen Jahre später unter dem Einfluss der Schwerkraft zu Sternen und in der Folge entstanden Galaxien. In den Sternen, die vor allem aus Wasserstoff bestehen, wird durch Druck uns Hitze mehr Helium produziert. Dabei entsteht Energie, die den Stern leuchten lässt. Wenn der gesamte Wasserstoff zu Helium umgewandelt wurde, verringert sich der Druck in seinem Inneren. Der Stern kann der Schwerkraft nicht mehr standhalten, wird zusammengedrückt und dichter und heißer. Nur unter diesem Druck und dieser Hitze können die schweren Elemente entstehen, aus denen unser Körper und die gesamte materielle Welt besteht. Der sterbende Stern explodiert als Supernova und schleudert die Elemente ins All, aus denen viele Milliarden Jahr später Planeten wie unsere Erde entstehen.
Jetzt, wenn Sie diese Zeilen lesen, tun Sie es in einem Körper und einer Welt, deren Ursprung in diesen kosmischen Explosionen liegt. Der Kosmologe Brian Swimme schreibt: „Das Wasser, das wir trinken, die Luft, die wir atmen, die Nahrung, die wir essen, die Moleküle, aus denen unser Körper besteht – sie alle gehen auf eine Sternenexplosion zurück. … Schau dir deine Hand an. Jedes Element wurde in Temperaturen geschmiedet, die millionenfach heißer sind als geschmolzenes Gestein, jedes Atom wurde in lodernder Sternenhitze geformt, deine Augen, dein Gehirn, deine Knochen – alles an dir ist aus Schöpfungen eines Sterns zusammengefügt. Du bist dieser Stern, in eine Lebensform gebracht, die es dem Leben ermöglicht, sich selbst zu erkennen.“
Aber bis dahin war es noch ein langer Weg.

Wir sind Natur

Vor 4,5 Milliarden Jahre war die Bildung unserer Erde abgeschlossen, ein fester Planet mit einer Temperatur, in der Wasser flüssig bleibt. In den Ozeanen dieses Planeten tat das Univerum einen weiteren unergründlichen Schritt, dem wir unser Leben verdanken und wohl nie ergründen werden. Nicht umsonst nennt ihn der Ökologe Holmes Rolston III den zweiten Urknall: Das Leben kommt in die Welt. Erst sind es Einzeller, dann mehrzellige Organismen. Vor 2,5 Milliarden Jahren entstanden Bakterien, die die Erdatmosphäre umbauten, um die Luft zu ermöglichen, die wir heute atmen: durch Photosynthese konnten sie Sauerstoff bilden. In der nun folgenden Evolution bildete das Leben eine Innovation nach der anderen, denen wir heute unser Leben verdanken: genetischer Code, Sexualität, Immunabwehr, Blutkreislauf, zentrales Nervensystem, Lungenatmung, beidäugig koordiniertes Sehen.
Die neue evolutionäre Entwicklungsbiologie (EvoDevo) zeigt, dass dies nicht einfach nur ein „dummer“ Prozess von Versuch und Irrtum war, sondern eine komplexe Interaktion zwischen jedem Lebewesen und seiner Umwelt und sich verändernder Bedingungen. Die Evolution verläuft nicht blind, sondern „sehend“, vielleicht sogar „intelligent“. In dem Sinne, dass Evolution durch eine wie auch immer geartete Wahrnehmung der Umwelt geschieht, auf die mit Anpassung reagiert wird. Diese Abstimmungsprozesse finden seit Milliarden von Jahren in jeder Zelle, in jedem Lebewesen, in jedem Grashalm, in jeder Schnecke statt – auch in diesem Moment. Ein Spaziergang durch die Natur in diesem Bewusstsein kann uns ein Gefühl dafür geben, in welchem Wunder wir eigentlich unterwegs sind: Die Natur und damit unser Körper ist damit im wahrsten Sinne des Wortes ein intelligentes Netz werdender Lebendigkeit.
In der Integration und Verfeinerung der evolutionären Erfindungen hat unser menschlicher Körper eine nie da gewesene Komplexität erreicht. Nicht nur durch den aufrechten Gang, durch den wir uns als Spezies anschickten, einen anderen Weg als alle anderen Tiere einzuschlagen. Vor allem die Ausprägung unseres Gehirns zum komplexesten Organ der Schöpfung versetzte uns in die Lage, die zu sein, die wir heute sind: selbstbewusste Wesen.
Dabei tragen wir in unserem Gehirn die Geschichte des Lebens in uns: Der Hirnstamm, der die grundlegenden Reflexe und Überlebensfunktionen wie Atmung und Verdauung steuert, das Mittelhirn, das wir mit allen Säugetieren gemein haben und schließlich der Neokortex, der unser selbstreflexives Bewusstsein ermöglicht.
Und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen. In der Tat ist der Körper selbst ein ständiger Prozess: Ständig nehmen wir Luft auf und geben sie wieder ab, nehmen Nahrung auf und geben die Abfallprodukte wieder ab und viele Zellen des Körpers werden ständig erneuert. Zwischen zehn und fünfzig Millionen Körperzellen pro Sekunde baut der menschliche Körper ab und ersetzt sie durch neue Zellen.

Lebensfeuer

Dieser kleine Abriss zeigt schon, dass unser Körper mit all seinen fein abgestimmten Systemen ein Werk der Evolution ist – ein wahres Wunderwerk. Und die Lebendigkeit, die wir im Körper spüren, ist der Puls des Lebens selbst. Denn was hat die Evolution des Lebens vorangetrieben? Es war der Imperativ des Überlebens, ein unbedingtes Ja zum Leben. Für alle Tiere ist das Überleben der höchste Wert. Nun kann man natürlich sagen, dass es hier nur um die Weitergabe der Gene geht. Aber vielleicht ist dieses Lebensfeuer selbst noch mehr.
Für den Lebensdrang, den wir in der Evolution der Natur wahrnehmen, hat der Biologe Andreas Weber drei „Gesetze der Sehnsucht“ formuliert. Das erste Gesetz der Sehnsucht besagt, dass „alles, was lebt, mehr Leben will“. Allen Wesen ist ihr eigenes Leben wichtig und sie empfinden sich „als Körper unter Körpern“. Das zweite Gesetz der Sehnsucht besagt, dass sich die Macht des Verlangens nach Leben im lebenden Leib zeigt. „Lebewesen sind deshalb keine Maschinen. Sie sind Werkzeuge der Sehnsucht.“ Das dritte Gesetz der Sehnsucht lautet: „Nur im Spiegel anderen Lebens können wir uns selbst verstehen.“ Weber weiter: „Alles Leben ist Geflecht. Blattadern, Baumkronen, die Kapillargefäße in der Hand des Säuglings: Wenn man genau hinschaut, dann zeigen sich fast alle Körper als Muster von Verbindung und Überlagerung.“
Die Sehnsucht nach Leben hat dabei nicht nur zum Überleben geführt, sondern auch zur Entwicklung höherer Lebensformen mit immer komplexeren Organen der Wahrnehmung und Interaktion. Das Leben wurde immer intelligenter. Im Menschen hat sich mit dem Auftreten des Selbstbewusstseins ein Quantensprung vollzogen, die Lebendigkeit des Lebens wird sich seiner selbst bewusst. Rolston bezeichnet es als den dritten Urknall unserer Evolution.

Mensch und Welt

Was bedeutet es für uns als verkörperte Menschen, wenn wir uns als Teil der Evolution erfahren? Wie wir gesehen haben, reicht unser Körper weit in die Geschichte zurück – oder andersherum, die Geschichte des Universums ist in unserem Körper präsent. Für den Philosophen Wolfgang Welsch ist diese „evolutionäre Prägung des Menschen“ ein Schlüssel für ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Welt. Er sagt: „Die Evolution liegt nicht hinter uns. Sondern wir haben den Gang der Evolution in uns.“
Für Welsch könnte diese Erkenntnis der Schritt über die „Denkform der Moderne“ hinaus sein, die gekennzeichnet ist von der Trennung zwischen Mensch und Welt, Geist und Körper. Vereinfacht gesagt hat die Moderne den Menschen ins Zentrum des Erkennens gestellt. Diderot sagte schon 1755: „Der Mensch ist der einzigartige Begriff, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen muss.“ In der Folge, so beobachtet Welsch, hat sich die westliche Denktradition in verschiedenen Ausformungen an die primäre Stellung des Menschen gehalten. Im Erkennen unserer evolutionären Natur sieht Welsch einen anderen Blickwinkel auf den Menschen: „Lebt der Kosmos nicht in uns fort? Sind wir nicht gar kosmische Wesen? … – Vielleicht hatte Herder Recht, als er sagte, das Verständnis des Menschen müsse vom Kosmos seinen Ausgang nehmen.“
Als Folge dieser Überlegungen entwirft Welsch eine philosophische Ganzheitsperspektive, in der Mensch und Welt aufs Innigste zusammengehören. Auch unsere kognitiven Fähigkeiten sieht er zurückreichen bis in die Tiefen der Evolution, bis zurück zu den ersten Bakterien und ihren „sensorischen und informationsleitenden Strukturen in der Zellmembran“. Welsch versucht nachzuvollziehen, wie uns solch eine Verbundenheit mit der Welt verändern würde. Er gibt dafür ein Bild: „Er geht wochenlang an der Küste entlang. Mit der Zeit verändert sich sein Verhältnis zu Wasser und Strand, zu Felsen, Tieren und Wolken. Immer mehr gewinnt er den Eindruck, als wären dies nicht Dinge von wirklich anderer Art als er selbst, sondern als wären diese Dinge und er weithin gleichartig. Nach Monaten wird es ihm zur Evidenz: Wir Menschen sind Gefährten, Verwandte und Partner, Zeit- und Schicksalsgenossen all dieses anderen Seienden, wir und es sind von der gleichen Art, sind aus dem gleichen Stoff.“

Körper Kosmos

Viele von uns kennen solche „evolutionären Einheitserfahrungen“. Im Lichte unserer evolutionären Geschichte werden sie verständlich als ein Wiedererkennen, als ein beglückendes, dankbares Wiedererkennen. Brian Swimme beschreibt dieses Wiedererkennen im Hinblick auf unsere „Sternennatur“ so: „Sie haben Bilder von sich selbst als kleines Kind gesehen, wenn Sie dieses Kind anschauen, dann betrachten Sie sich selbst. Dann wird sich aber dieses Kind seiner eigenen Schönheit bewusst. Sind Sie nicht die Weiterentwicklung dieses Kindes? Natürlich, aber das Kind scheint auch anders zu sein als Sie. Aber genau so ist es mit den Sternen. Wir wissen, dass wir eine Weiterentwicklung des Sterns sind, aber wir wissen, dass wir anders sind als der Stern. Der Stern entwickelt sich durch den menschlichen Geist zum selbstflexiven Bewusstsein seiner Schönheit und kreativen Tätigkeit.“ Und weiter: „Wenn wir unser Bewusstsein für die einfache Wahrheit vertiefen, dass wir nur durch die Kreativität der Sterne hier sind, dann spüren wir Dankbarkeit. Wenn wir darüber reflektieren, wie viel Arbeit in die Entwicklung des Lebens gegangen ist, dann spüren wir Ehrfurcht. Und in unserem tiefsten Herzen verbinden wir uns mit unserer eigenen Kreativität.“
In unserem Körper und in unserem Geist sind wir Erben der unaufhaltsamen Kreativität des Universums. Wenn wir unseren Körper als Ausdruck dieses Werdens erfahren, dann wird die Lebendigkeit, die wir darin spüren, transparent für die Lebendigkeit des einen Lebens des Ganzen. Wir spüren unseren Körper nicht mehr als getrenntes Ding, sondern vielmehr als Organ eines viel größeren Leibes: des Kosmos. Wenn wir uns dieser Lebendigkeit mehr und mehr bewusst werden, sie mit Gewahrsein durchdringen und in Liebe umarmen, dann kommt in uns der Kosmos zu sich selbst. Der große Mystiker der Evolution Teilhard de Chardin sagte über diese Aufgabe unseres Menschseins: „Im Herzen der Materie erscheint ein purpurnes Leuchten, in dem sich die Bestimmung des Kosmos ankündigt, in Liebe vollendet zu werden. Das Leuchten der Materie geht über in das Gold des Geistes, um sich in der Glut des Universal-Personalen zu vollenden.“

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Erschienen in Ausgabe 05 / 2015 VOM KÖRPER DEN WIR HABEN ZUM LEIB DER WIR SIND

Burnout, Resilienz und Transformation

Stärke aus Verbundenheit

Was macht uns innerlich stark? Warum werden Menschen von Schicksalsschlägen für immer gezeichnet, während andere wieder den Mut zum Leben finden? Eine Spurensuche im Umkreis von Resilienz, Salutogenese und Weisheit.

Die Diagnose Burnout ist momentan allgegenwärtig. In unserer immer schneller werdenden Welt sind wir mit vielen Stressauslösern konfrontiert: ständig steigende Anforderungen am Arbeitsplatz; Angst davor, ihn zu verlieren; die Informationsflut und die permanente Erreichbarkeit durch Mobiltelefone und Internet; der Spagat zwischen Kindererziehung und Karriere – und als Hintergrundrauschen die Krisen in der Finanzwelt, der Ökologie und Politik, die uns ständig begleiten. All das kann uns emotional so in die Enge treiben, dass unsere innere Kraft versiegt und wir ausbrennen.
Die Idee der Resilienz oder psychischen Widerstandskraft scheint einen Ausweg aus diesem Dilemma zu ermöglichen. Längst beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit dem Thema, Ratgeber für mehr psychische Stabilität werden zu Bestsellern, Seminare zu Resilienz als Burnout-Prophylaxe sind ausgebucht. Dabei werden oft Methoden aus der Psychologie oder auch Achtsamkeitsübungen angewendet, die Menschen eine innere Zentrierung entwickeln lassen. Aber geht es hier eigentlich nur um ein Problem auf der individuellen, persönlichen Ebene? Oder zeigt sich in den steigenden Burnout-Zahlen nicht auch eine tiefere Misere unserer Kultur? Der Soziologe Hartmut Rosa stellt als Folge der ständigen Beschleunigung eine zunehmende Entfremdung von uns selbst und der Welt fest. Der Philosoph Byung-Chul Han spricht von einer „Müdigkeitsgesellschaft“ und sieht Burnout und Depression als Krankheiten unserer Zeit. Es scheint, als könnten wir mit der Komplexität der Welt nicht mehr mithalten. Und obwohl es sicher viele hilfreiche Methoden gibt, scheint eine radikalere Umorientierung nötig. Worin diese bestehen kann, zeigt sich vielleicht, wenn wir die Resilienz, unsere innere Stärke, bis zu ihrer Quelle zurückverfolgen, die wiederum unser ganzes Sein in der Welt verwandeln kann.

Gestalter, nicht Opfer

Als Pionierin der Resilienzforschung gilt die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner. In den 70er Jahren führte sie eine Langzeitstudie zu der Frage durch, wie sich Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, zu Erwachsenen entwickeln. Die Eltern der Kinder waren zum Teil psychisch auffällig, alkoholkrank, arbeitslos und/oder arm. Unerwartet bei ihren Untersuchungen war für Werner, dass ein Drittel dieser Kinder sich trotz dieser schwierigen Erfahrungen in der Kindheit normal entwickelte. Sie schlussfolgerte daraus, dass diese Kinder über besonders starke psychologische Widerstandskräfte verfügten. Werner unterschied drei Aspekte, durch die diese Kinder trotz allem gesund heranwachsen konnten: Persönliche Faktoren wie ein positives Selbstkonzept, eine unterstützende Beziehung zu mindestens einem emotional stabilen Familienmitglied und eine Gemeinschaft oder eine Gruppe Gleichaltriger, in der sich das Kind aufgehoben fühlt.
Seit diesen grundlegenden Untersuchungen von Werner hat sich das Feld der Resilienzforschung rasant entwickelt. Die American Psychological Association hat eine zehn Punkte zählende „Road to Resilience“ formuliert, die neben der Pflege von Beziehungen vor allem eine zentrale Haltung charakterisiert: Das Selbstvertrauen, uns auf die Möglichkeiten der Veränderung zu fokussieren, die sich aus einer schwierigen Situation ergeben. Diese Fähigkeit wird als „Kontrollüberzeugung“ bezeichnet. Toni Faltermaier vom Institut für Psychologie der Universität Flensburg erklärt: „Wenn wir diese Kontrollüberzeugung besitzen, sehen wir uns eher als Gestalter unseres Schicksals und weniger als Opfer der Ereignisse.“ Ein weiterer Faktor ist unsere emotionale Intelligenz, ein Begriff, der durch die Arbeit von Daniel Goleman bekannt wurde und darauf verweist, dass wir unsere Emotionen einfach wahrnehmen können, ohne sie zu dramatisieren oder zu verharmlosen. Zudem sind wir in der Lage, sie positiv zu beeinflussen. Wir können uns zum Beispiel bei Angstgefühlen beruhigen oder aus unseren Emotionen bewusst Handlungen folgen lassen, die unseren eigenen Werten und Zielen förderlich sind.
Interessanterweise konnte in einer Studie mit Witwen herausgefunden werden, das sich diejenigen Frauen als besonders resilient zeigten, die starke Emotionen zulassen konnten – sowohl Gefühle der Trauer wie auch Gefühle des inneren Friedens und der Akzeptanz des Schicksalsschlages. Daraus zogen die Forscher den Schluss, dass ein wichtiger Faktor für Resilienz die „emotionale Komplexität“ ist, die Fähigkeit, während einer Stresssituation verschiedene starke Emotionen zu erfahren, ohne dabei von ihnen vereinnahmt zu werden.
Wichtig für die Fähigkeit emotionaler Komplexität scheint auch die richtige Verbindung von Denken und Fühlen zu sein. Einem zentralen Punkt der „Road to Resilience“ gemäß ist dabei eine langfristige Perspektive hilfreich, in der die momentanen Schwierigkeiten in einem größeren Kontext gesehen werden können. Hier bildet also die rationale Fähigkeit, das eigene Leben als ein sinnvolles und gestaltbares Ganzes zu sehen einen Kontext für zunächst überwältigend scheinende Emotionen.
Damit wird auch deutlich, dass für Resilienz ein gewisser innerer Abstand zum emotionalen Erleben unterstützend ist. Diese Fähigkeit zur Distanzierung lässt sich durch Achtsamkeitsübungen und Meditation schulen. Wir erfahren Gedanken und Gefühle, ihr Kommen und Gehen, sind aber nicht unauflösbar in sie verstrickt. Meditatives Bewusstsein ist einerseits ein neutrales Beobachten, lässt andererseits aber auch positive Gefühle in uns erwachen, wenn wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit von den Inhalten des Bewusstseins – zum Beispiel Gedanken, Emotionen, Erinnerungen – zum reinen Gewahrsein lenken. Diese Freiheit von Gedanken und Emotionen „fühlt sich gut an“ und bringt uns in Verbindung mit einer inneren Freude und Zufriedenheit, die zu einer tiefen Ressource in stressvollen Situationen werden kann.
Diese psychische Erleichterung bildet allerdings nicht das eigentliche Ziel der meditativen Übungen. Vielmehr geht es dabei um den Kontakt mit einer existenziellen Sphäre in uns, in der unsere Trennung vom Ganzen des Lebens durchlässig wird oder sich gar auflöst. Unsere Individualität im Sinne eines Getrennt-Seins von der Welt relativiert sich und wir fühlen uns aufgehoben in einem größeren Zusammenhang. Diese Sphäre einer existenziellen Zugehörigkeit und eines grundlegenden Lebensvertrauens ist die eigentliche Quelle von Resilienz. Aus ihr entsteht eines der kostbarsten Güter für uns Menschen, ohne das wir innerlich verarmen: Sinn.

Der Sinn, der uns übersteigt

Etwa zur gleichen Zeit wie Emmy Werner untersuchte der israelische Soziologe Aaron Antonovsky die Lage von Frauen, die den Holocaust überlebt hatten. Trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse war ein Drittel der Frauen psychisch stabil geblieben. In einem weiteren Schritt formulierte Antonovsky daraus seinen Ansatz der „Salutogenese“. Als entscheidend für die sogenannten Widerstandsressourcen sah er das Kohärenzgefühl an. Hierbei waren für ihn drei Aspekte wichtig: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit oder Bewältigbarkeit und Bedeutsamkeit oder Sinnhaftigkeit.
Verstehbarkeit ist die Überzeugung, dass wir die Ereignisse unseres Lebens verstehen und geordnet erfassen und beeinflussen können; Bewältigbarkeit ist das Wissen, dass wir in uns und um uns die nötigen Ressourcen finden, um diesen Ereignissen konstruktiv zu begegnen. Aber der dritte Aspekt war für Antonovsky der wichtigste. Denn ohne einen Sinn, der den Menschen zum Überleben, zum Weitermachen, zur Auseinandersetzung mit schwierigen Erfahrungen bewegt, wird ihm die innere Motivation fehlen, um auf schwierige Begebenheiten zu antworten.
In der Tat haben Menschen, die selbst unter schrecklichsten Umständen ihre Würde bewahren konnten, eine innere Widerstandsfähigkeit gezeigt, die über das menschliche Vermögen hinauszugehen scheint. Es sind Menschen wie Viktor Frankl (… trotzdem Ja zum Leben sagen), die kürzlich im Alter von 111 Jahren verstorbene Alice Herz-Sommer oder Etty Hillesum, die im Konzentrationslager schrieb: „Das Leben und das Sterben, das Leid und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen Füßen und der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgungen, die zahllosen Grausamkeiten – all das ist in mir ein einziges starkes Ganzes, und ich beginne immer mehr zu begreifen, wie alles zusammenhängt, ohne es bislang jemandem erklären zu können.“
Durch solche Worte spricht ein Erspüren der Sinnhaftigkeit, in der uns tiefere Ressourcen als nur die der eigenen Psyche zugänglich scheinen. Wie in der Meditation können uns solche Erfahrungen geheimnisvoller Bedeutsamkeit in eine Verbundenheit mit etwas führen, das unser getrenntes Dasein übersteigt. Die Erfahrung von Verbundenheit und Einheit war immer eines der Anliegen mystischer Wege, weil sich darin unser Selbstgefühl erweitern kann. Wir sind dann nicht mehr nur ein persönliches Selbst, sondern unser Selbsterleben schöpft aus der ungetrennten Tiefe unseres innersten Wesens und dem sich entfaltenden Prozess des Lebens in uns, in anderen Menschen und in der Welt.

Weisheit ist lernbar

In den großen spirituellen Traditionen gilt die Erfahrung dieser existenziellen Verbundenheit als stärkste Quelle von Weisheit. Auch die wissenschaftliche Forschung nimmt sich seit einigen Jahrzehnten dieses schwer zugänglichen Bereichs an. Als einer der Pioniere der modernen Weisheitsforschung gilt Paul Bathes, der das „Berliner Weisheitsmodell“ formulierte. Für Bathes ist Weisheit ein „Expertenwissen in Bezug auf die fundamentalen Tatsachen des menschlichen Lebens“, das sich in Selbstvertrauen und Selbstreflexion, Altruismus und Empathie, in Wissen und dessen Anwendung im „richtigen Leben“ zeigt. Einen anderen Ansatz von Weisheit hat die Soziologin Monika Ardelt entwickelt. Sie schreibt der Weisheit eine kognitive (Streben nach Wahrheit), eine reflektive (Selbstreflexion) und eine affektive (Mitfühlen) Komponente zu, wobei Weisheit für sie darin besteht, diese Aspekte zu integrieren. Für Gert Scobel wiederum, Fernsehmoderator und Autor des Buches Weisheit – Wissen, was zählt, hat „Weisheit damit zu tun (…), wie wir uns in komplexen, scheinbar unlösbaren Situationen zurecht finden und diese nachhaltig steuern“.
Was die Weisheitsforschung und die Weisheitstraditionen vereint, ist die Erkenntnis, dass Weisheit sich entwickeln lässt. Allerdings nicht allein durch Methodik und die Ansammlung von Wissen oder nur durch die Zunahme an Erfahrung im Laufe des Lebens (und Alterns), sondern durch ein existenzielles Erkunden der letzten Fragen des menschlichen Daseins. Weisheit entspringt aus der Quelle des Ungetrennten in uns selbst und zeigt sich in etwas, das man vielleicht als existenzielle oder gar spirituelle Resilienz bezeichnen könnte. Sie beruht nicht nur auf Übungen des Selbstmanagements, so wertvoll und nützlich diese auch sein mögen, sondern auf der inneren Öffnung für den zugrundeliegenden Sinn unseres Daseins und für das umfassendere Ganze, in dem unser Leben sich entfaltet.
Das steigende Interesse an Resilienz könnte auch auf das Sinnvakuum zurückzuführen sein, dass viele Menschen heute spüren. Otto Scharmer zum Beispiel sieht als Grund für Burn-out und verwandte Phänomene die Trennung zwischen unserem „jetzigen Selbst“ und unserem „höheren“ oder „zukünftigen Selbst“, dem Selbst, das wir werden können. Wenn wir diese innere „Vertikalspannung“, wie Peter Sloterdijk die Divergenz zwischen beiden Polen nennt, nicht mehr spüren, fallen wir in eine innere Leere und Erschöpfung.
In einer TV-Sendung zum Thema Resilienz machte Gert Scobel vor kurzem unter großem Zuschauerinteresse auf ein Defizit aufmerksam, auf das wir seiner Überzeugung nach durch die kulturelle Förderung von Weisheit reagieren können und sollten. Resilienz, Salutogenese und Weisheit weisen darauf hin, dass der Mensch ein lernendes, ein sich entwickelndes Wesen ist. Der Weg wird dabei zum Ziel: Menschen, die in unabhängiger Selbstreflexion die Tiefe ihres eigenen Wesens ausloten, die Beziehungen zu ihren Mitmenschen und der Welt entfalten und sich einem größeren Sinn verbunden fühlen, haben Zugang zu einer Kraftquelle in sich selbst. Eine Kultur, in der diese innere Haltung gefördert würde, könnte dann selbst an Resilienz und Weisheit gewinnen und so auch bis in Wirtschaft und Politik hinein andere Strukturen und Lebensformen entwickeln, die wiederum diese Qualitäten in Individuen unterstützen. Wir müssen aber nicht darauf warten, dass dies von selbst geschieht, denn intuitiv können wir erahnen: Eine weisere Kultur beginnt in und zwischen uns.

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Erschienen in Ausgabe 02 / 2014: WELTINNENRAUM – DENKEN FÜHLEN INTUITION

Die Versuchung der Einfachheit

Populismus, Spiritualität und die Verletzlichkeit des Lebens

Wir leben in einer Welt zunehmender Komplexität. Gleichzeitig erleben wir auch einen Aufstieg einfacher Antworten und das nicht nur bei Populisten und Verschwörungstheoretikern. Was bedeutet Einsatz für den sozialen Wandel in Zeiten wie diesen?

 Vor einiger Zeit machte ich Urlaub im Biohotel eines Freundes; zu den Gästen zählen Menschen, die man vielleicht als bewusst, alternativ, ökologisch sensibilisiert und spirituell interessiert bezeichnen kann. Eines Abends saßen wir in einer kleinen Gruppe zusammen, mein Freund hatte unter freiem Himmel auf dem Klavier improvisiert, der laue Abend senkte sich, geradezu Bilderbuchharmonie. Bis das Gespräch auch auf die Politik kam. Da war es dann vorbei mit achtsamer Ruhe. Eine Frau in unserer Runde vertrat die Ansicht, dass die Medien sowieso manipuliert seien. Eine Erklärung ihres Vorwurfs blieb aus. Ein anderer Gast stellte wenige Minuten später fest, dass wir Deutschen ständig auf den Nationalsozialismus reduziert würden, dass es vorher eine deutsche Geschichte gegeben hätte, würde in den Schulen gar kaum gelehrt. Ein älterer Herr neben mir bemerkte, das entspräche nicht den Tatsachen, er sei selbst jahrzehntelang Geschichtslehrer gewesen. Aber dieses Argument schien keine Wirkung zu zeigen. Am nächsten Tag traf ich den Mann, der das Geschichtsbild der Deutschen zurechtrücken wollte, wieder. Er kam gerade vom Kajakfahren auf dem Meer, dort fühle er sich eins mit Mutter Erde, sagte er. Und die Medienkritikerin freute sich schon auf ihren Kurs in Sacred Dance, der in den nächsten Tagen beginnen sollte.
Beide waren mir sympathisch und ich konnte ihren Unmut auch verstehen, der in unserer unüberschaubaren Welt nach Orientierung, Sicherheit und Klarheit zu suchen schien. Und die Hilflosigkeit, die aus ihren Worten sprach, kenne ich nur zu gut. Und ich empfand sie auch in unserer Begegnung, weil ich keine Worte fand, die aus unbegründeten Behauptungen ein menschliches Gespräch machen konnten. Ich blieb zurück mit der Frage, wie es kommt, dass sich Menschen, die scheinbar auf einem Weg wachsender Bewusstheit sind, in einer Weise äußern, wie ich es eigentlich eher von AfD-Anhängern erwarten würde?

Postfaktische Zeit

Die pure Fülle von Informationen, die heute über TV, Radio, Internet, soziale Medien auf uns einprasseln, ist an sich schon überwältigend. Nachrichten und Videos, die wir meist nicht selbst prüfen können, auf deren Echtheit wir uns verlassen müssen. Wie leicht aber selbst Videos inkl. Interviews aus Krisengebieten gefälscht werden können, wurde immer wieder gezeigt. Wenn ich selbst in diesem Sturm von Nachrichten sitze, von denen viele mit emotional-reißerischen Titeln Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, spüre auch ich schnell ein Gefühl des Überwältigtseins. Und die Frage: Wem kann ich glauben? Auf welche Nachrichten kann ich vertrauen? Aber selbst, wenn man darauf eine erste Antwort findet und wie ich eher der Berichterstattung »Der Zeit« vertraut, als einem Russian-Today-Video, bleibt die Fülle an verstörenden Nachrichten, die uns erreichen, bestehen. Wenn ich Videos aus dem zerstörten Aleppo sehe oder von einer Bekannten, die auf Lesbos war, von den aussichtslosen Zuständen in den Flüchtlingslagern höre, überkommt auch mich Ohnmacht. Und ich will verstehen, warum sich Situationen so zuspitzen können, nur um einzusehen, dass es keine einfachen Antworten gibt.
Wir lernen gerade – zum Guten wie zum Schlechten –, dass wir in einer neuen Welt leben, einer global vernetzten Welt, in der alles mit allem zuinnerst zusammenhängt. Die spirituelle Weisheit des Verbundenseins, die buddhistische Lehre des bedingten Entstehens aller Phänomene wird uns heute in nie da gewesenem Ausmaß vor Augen geführt. Es ist eine Komplexität, die uns oft zu überfordern scheint, und uns schnell auch zu einfachen, zu vereinfachenden Antworten greifen lässt – seien es nun Verschwörungstheorien, Feindbilder oder einfach die Vermeidung dieser Komplexität.
Erschwert wird diese Situation dadurch, dass wir in einer »postfaktischen Zeit« leben, dieser Begriff macht gerade die Runde und sagt aus, dass im heutigen gesellschaftlichen Diskurs immer weniger die Fakten zählen, sondern Gefühle. Populisten wie Trump und die AfD machen diese Gefühle zu ihrem Programm. Die Menschen im Osten Deutschlands fühlen sich von Ausländern bedroht, von denen es dort kaum welche gibt, oder vom Islam, den man dort gar nicht kennt. Dieser Zeitgeist, der mittlerweile auch als »Gefühlsdemokratie« bezeichnet wird, kann sich dann auf fatale Weise auch mit einer spirituellen Haltung verbinden, die das Herz gegen das Denken ausspielt. Einer der Wahlsprüche vieler Seminare und spiritueller Lehrer ist, dass wir uns wieder mit unserem Fühlen verbinden müssten. Aber das kann eben auch schiefgehen, bzw. nur einen kleinen Bereich der Wirklichkeit berücksichtigen. Das Fühlen dem rationalen Denken und Argumentieren entgegenzusetzen, ist genauso einseitig und vereinfachend, wie einer klaren Ratio allein das Wort zu geben.

Schatten des Geistes

Vor einigen Tagen erhielt ich eine bemerkenswerte Email von Tami Simon, der Gründerin des spirituellen Audiobuch-Verlages Sounds True, in dem sie ihre Kunden und Partner aufruft, zur Präsidentenwahl in den USA zu gehen. Darin schreibt sie: »Manchmal wenden wir uns auf dem spirituellen Weg enttäuscht von der Welt ab und wollen uns nicht mit der momentanen Politik beschäftigen, vielleicht weil wir uns davon gelöst haben oder einem >langfristigen Blick< der menschlichen Evolution folgen. Vielleicht drehen wir uns weg, weil das >Hineingehen< bedeuten würde, dass wir mit zu viel Drama, zu viel Unsinn, zu viel Wahnsinn in Kontakt kommen. Oder vielleicht – eine dunklere Perspektive darauf – sind wir einfach zu selbstbezogen, als dass es uns etwas ausmachen würde. Aber diese >losgelöste< oder >unbeteiligte< Haltung könnten wir auch als einen möglichen Schatten eines spirituellen Weges sehen.«
Tatsächlich ist die Verheißung spiritueller Praxis unter anderem auch das Finden einer inneren Ganzheit und Einfachheit inmitten einer chaotischen Welt. Und dieses Sein, diese tiefe Stille, dieses Einssein, das die wahre Natur des Bewusstseins ist, und die wir durch spirituelle Praxis zunehmend erfahren können, kann uns eine existenzielle Einfachheit eröffnen, die uns tiefen Frieden und Erfüllung schenkt. Aber was machen wir mit dieser Erfahrung, wenn wir in die Welt des 21. Jahrhunderts treten? Stellen wir uns mit dieser inneren Ganzheit einer leidenden, unübersichtlichen, vielschichtigen Welt und finden unseren Platz, um daran mitzuwirken, dass diese Komplexität durch umfassende menschliche Werte wie Mitgefühl und Verbundenheit eine heilsame Veränderung erfährt? Oder ist uns diese Komplexität schlicht zuviel und wir versuchen, sie zu vermeiden oder auf einfache Antworten zu reduzieren?
Und selbst, wenn wir uns zum Handeln entschließen, bleibt die Frage, wie dieses Handeln der Komplexität unserer Welt und unserer Verflochtenheit darin gerecht wird. David Loy, ein amerikanischer Buddhist und Ökologe macht eine interessante Beobachtung in Bezug auf den sozial engagieren Buddhismus: »Viele amerikanische Buddhisten akzeptieren heute, dass der Dienst am Nächsten, wie das Lehren des Dharmas in Gefängnissen, Hospizarbeit und Hilfe für Obdachlose ein wichtiger Aspekt des eigenen Weges sein kann. Mit anderen Worten, wir werden besser darin, Ertrinkende aus dem Fluss zu ziehen, aber wir werden nicht besser darin zu fragen, warum überhaupt so viele Menschen in den Fluss fallen. Wovon oder von wem werden sie mitgerissen? Wenn wir fragen, warum in einem der reichsten Länder der Welt so viele Menschen obdachlos sind oder in Gefängnissen sitzen, werden wir als Radikale oder Linke bezeichnet. >Diese Dinge<, so sagt man oft, >haben nichts mit dem Buddhismus zu tun.<«
Auf was Loy hier hinweist, ist vielleicht so etwas wie ein unpolitischer oder vereinfachender Aktivismus, in dem wir den größeren Kontext aus den Augen verlieren. Ich selbst war jahrelang in der Hospizarbeit engagiert und habe erlebt, dass man dabei in einer Blase agieren kann, in der es dann oft auch stark um die eigene Selbstverwirklichung geht und das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Das Gleiche gilt heute wohl ebenso für andere Formen des ökologischen und sozialen Aktivismus. Nur wenn wir den größeren Kontext und die systemischen, komplexen, verwobenen Ursachen von Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und Unmenschlichkeit verstehen, wird sich eine gesellschaftliche Kraft formen können, die die Radikalität – den Blick auf die Wurzeln – besitzt, um unsere Lebensweise nachhaltig zu verändern.

Meditieren für den Weltfrieden?

Neben dem sozial engagiertem Buddhismus gibt es mittlerweile auch neue Ansätze, um die Menschen, die man vielleicht als »spirituell aber nicht religiös« bezeichnen könnte, zu einer neuen Form von Aktivismus zu inspirieren. Namentlich der Ansatz des »Sacred Activism« von Andrew Harvey oder der «Subtle Activism«, den David Nicol in einem neuen Buch recherchiert hat: »Subtiler Aktivismus ist eine Aktivität des Bewusstseins oder Geistes wie Gebet, Meditation oder ekstatischer Tanz, mit der Absicht, kollektive Heilung und sozialen Wandel zu unterstützen. Der subtile Aktivismus erwächst aus der Idee, dass es neben offensichtlicher politischer Aktion viele effektive Wege gibt – einige gerade erst im Entstehen, andere so alt wie die Menschheit –, um sozialen Wandel positiv zu beeinflussen.«
Seit Menschengedenken haben Weise, Heilige, spirituell Übende ihre Praxis und die Verdienste daraus dem Wohl der Menschheit gewidmet. Diese subtile Dimension des Aktivismus heute wieder zu betonen, ist not-wendig, um zu einem integraleren Blick zu kommen.
Aber es ist auch nicht so einfach. Das weiß jeder, der schon einmal versucht hat, z. B. für die Welt zu meditieren. In meiner Erfahrung ist es schon schwer genug, im Chaos des eigenen Geistes zu einer meditativen Tiefe zu finden, geschweige denn, wenn ich mich dem Chaos der Welt öffne. Praktiken wie das Tonglen des tibetischem Buddhismus, bei dem man die Leiden anderer auf sich nimmt und verwandelt, gelten in ihrer ursprünglichen Form als höchste Errungenschaften dieses Praxisweges. Und Sri Aurobindo, von dem gesagt wird, dass er mittels subtilen Aktivismus in die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges eingegriffen hat, empfahl seinen Schülern, die ihn dabei unterstützen wollten, doch besser mit der Waffe gegen Japan zu kämpfen, weil diese Form des Aktivismus umfassende geistige Voraussetzungen erfordert.
Was ich damit sagen will? Dass auch der subtile Aktivismus allein nicht die Antwort ist. Wenn ich für den Weltfrieden meditiere, dann fühle ich vielleicht, dass ich etwas für die Welt getan habe. Und wahrscheinlich ist dem auch so. Aber wir sollten uns auch im Klaren sein, dass das allein unsere Welt nicht verändern wird. Die Botschaft »Meditieren für den Weltfrieden« kann leicht zu einer selbstgenügsamen Passivität führen. Denn »das entlastet in einer gnadenlos unübersichtlichen, heillos komplexen Welt ungemein. Wer ein guter Mensch sein will, muss nun nicht mehr die anstrengende Frage nach Gut oder Böse stellen, muss sich nun nicht mehr den Kopf zerbrechen über politische, womöglich militärische Antworten auf die Krisen und Kriege weltweit. Der brave Deutsche darf jetzt tun, was er gerne tut: die Augen schließen, die Hände in den Schoß legen, sich in sich selbst versenken.«, schreibt natürlich etwas überzogen der »Cicero«. Aber auch David Nicol ist sich dieser möglichen Nebenwirkung eines subtilen Aktivismus bewusst: »Es gibt auch eine potenzielle Falle beim subtilen Aktivismus, denn er könnte als eine spirituelle Rechtfertigung dafür verwendet werden, sich von den Belangen der Welt fernzuhalten – eine Art soziales spirituelles >Bypassing< oder Vermeiden. Aber solch eine Haltung würde eine narzisstische Verzerrung meines Vorschlags bedeuten, der einen subtilen Aktivismus in der Welt unterstützen will, indem er mit konventionellen Formen des Aktivismus verbunden wird, als Teil eines ganzheitlichen Ansatzes des sozialen Wandels.«

Raum zum Spüren

Solch ein ganzheitlicher Ansatz bedeutet vielleicht vor allem, dass wir uns nicht auf einfache Antworten verlassen. Wenn wir die Komplexität der Welt und unsere Verflechtung mit ihr anerkennen, öffnet sich ein Raum, in dem wir zunächst einmal nicht wissen. Nicht wissen, was zu tun ist oder wie wir reagieren können. Aber vielleicht liegt in dieser Lücke die Quelle einer anderen Antwort. Die Fülle der Nachrichten und Meinungen deckt für uns diese Räume zu. Ich merke immer wieder, wie schnell ich von einer schrecklichen Meldung zur nächsten scrolle, ohne diese Lücke zu lassen, wo allein Berührung möglich ist. Aber wenn ich nicht nachspüren kann, was Menschen in Syrien empfinden, die in Krankenhäusern bombardiert werden, dann kann kein wirklich ganzheitliches Handeln daraus entstehen. Diese Verletzlichkeit, dieses Nicht-Wissen zu spüren, ist keine Ohnmacht, sondern vielmehr ein tieferes Einlassen auf das Leben. Denn es geht vielleicht nicht nur darum, uns als Antwort auf die Krisen der Welt zu engagieren, sondern dem eigenen Leben eine andere Grundlage zu geben. Es ist das Vergegenwärtigen unseres Nicht-getrenntseins mit der Welt in all ihrer Komplexität, ihrem Chaos, ihrem Schrecken und ihrer Schönheit und Herrlichkeit. Aus dieser Verbundenheit zu leben, im offenen Raum der Verletzlichkeit, wird sich uns zeigen, was unsere Antwort sein kann, ohne dass wir uns darin jemals sicher fühlen könnten. In dieser Verletzlichkeit liegt vielleicht die Kraft eines Aktivismus, der sich der Vielschichtigkeit und des Eingebundenseins unseres Lebens nicht verschließt. Oder wie Charles Eisenstein schreibt: »Das gleiche Intersein, das uns so unglaublich verwundbar macht, macht uns auch unglaublich stark. Daran sollten wir uns immer erinnern! In Wirklichkeit gehen Verletzlichkeit und Kraft Hand in Hand, denn nur wenn wir den Schutz des getrennten Selbst loslassen, können wir uns mit der Kraft verbinden, die jenseits davon liegt. Nur dann können wir Dinge erreichen, die für das getrennte Selbst unmöglich sind. Oder, um es etwas anders zu formulieren, wir werden fähig zu Dingen, von denen wir nicht wussten, wie wir sie geschehen ‘machen’ sollten.«

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Erschienen in Ausgabe Ausgabe 12 / 2016: WAS KÖNNEN WIR TUN? – Das Herz eines neuen Aktivismus

Meine eigene Wahrheit

Und die Suche nach Verbundenheit

Ein Grundanliegen der Postmoderne war, dass jeder Mensch sein Leben frei gestalten solle, in einer Pluralität der Lebensentwürfe. Diese Befreiung hat aber auch zu Isolation und Orientierungslosigkeit geführt, deren Folgen wir gesellschaftlich zunehmend spüren. Denn was verbindet uns noch, wenn jeder eine Insel ist?

In den Wochen vor der Bundestagswahl erhielt ich eine E-Mail, die mir zu denken gab. Darin rief ein scheinbar spirituell orientierter Mensch dazu auf, die AfD zu wählen. Begründet wurde der Aufruf mit Ideen, die seit geraumer Zeit recht lebendig auch durch alternative Kreise geistern: Wir leben in einer Schein-Demokratie. Und werden von einer Allianz (oder Verschwörung) von Politik, Justiz, Medien, Bildungseinrichtungen, Unterhaltungsindustrie, Gesundheitswesen und Großkonzernen regiert, kontrolliert und manipuliert. Danach folgte eine Lobeshymne auf die AfD und ihrem Spitzenpersonal aus »anständigen und sympathischen« Leuten. Die E-Mail endete mit einem Aufruf, alles für Deutschland zu geben und die schlafende Menschheit aufzuwecken. Und einem Hinweis auf einen »Bewusst-Treff«, einem losen Netzwerk von Gruppen um das Portal »BewusstTV«. Dieser YouTube-Kanal gehört zu den alternativen Medien wie »Stein-ZeitTV« oder »Rubicon«, wo sich selbst ernannte »Wahrheitssucher« treffen, um die Informationen zu bekommen, die angeblich vom »System« verheimlicht werden.
Natürlich ist die Haltung dieses E-Mail-Schreibers extrem und sicher eine Ausnahme, aber Teile der darin beschriebenen vermeintlichen Verschwörung höre ich doch recht oft. Vor allem die Mutmaßung, dass die Medien »gesteuert« sind, findet vielerorts Zustimmung. Was ist es, das Menschen im alternativen Umfeld dazu bringt, sich leichten oder alles erklärenden Verschwörungstheorien zuzuwenden? Dass Menschen auf die Idee kommen, dass hinter den eigenen oder gesellschaftlichen Problemen Verschwörungen stecken, ist erst mal nicht so abwegig. Immerhin gab es oft genug in der jüngeren Geschichte tatsächliche Verschwörungen, man denke nur an die Lüge über Massenvernichtungswaffen, um den Irak-Krieg zu beginnen. Oder auch die Verflechtung von Lobbyisten und der Politik oder den Dieselskandal. Man könnte denken: Es gibt allen Grund, misstrauisch zu sein.
Zudem verheißen Verschwörungstheorien in einer immer komplexer werdenden Welt die Aussicht auf einfache Antworten. Das war wohl schon immer das Anziehende an diesen Theorien, die darauf hinauslaufen, einen Schuldigen oder Sündenbock für die eigene Misere zu finden. Dass Verschwörungen gerade heute, und auch insbesondere in alternativen Kreisen eine Renaissance erleben, hängt vielleicht auch mit der Vereinzelung und Orientierungslosigkeit zusammen, die in einer postmodernen Kultur immer spürbarer werden. In der Tat scheint das Gefangensein im Subjektiven eine der Ursachen zu sein, für das Misstrauen, das wir gerade in unserer Gesellschaft sehen. Allzu oft erleben wir bei Politikern und Wirtschaftsbossen, aber auch bei Künstlern und Sportlern, dass das Eigeninteresse zur grundlegenden Motivation wird. Ganz schnell führt das zu einer Haltung, die ich vermehrt höre: Man kann niemandem mehr glauben. Die da oben belügen uns.
Aber was dann Verschwörungstheoretiker tun, kommt eigentlich aus einem ähnlichen Gefangensein im Subjektiven, von einer eigenen Insel. Nur nutzt man einige Tatsachen oder Zweifel an den offiziell verbreiteten Wahrheiten, wie z. B. über die Terroranschläge vom 11. September, um sich sozusagen auf der eigenen Insel eine eigene Wahrheit zu kreieren. Wenn dies dann genügend Zustimmung findet, erhärten sich diese Theorien, stiften Zusammenhalt, geben Orientierung. Aber sie werden nicht mehr zur Diskussion gestellt. Sie werden zu einem neuen, persönlichen Glaubenssystem.

Jeder eine Insel

Wenn ich über die Veränderungen nachdenke, die die Postmoderne mit ihren verschiedenen Strömungen gebracht hat, erinnere ich mich oft an meine erste »wirkliche« Begegnung mit diesem kulturellen Umfeld. Ich zog einige Jahre nach der Wende nach Freiburg, wohl eine der Hochburgen der grün-alternativ-spirituellen Szene in Deutschland. Als jemand, der im Osten Deutschlands groß geworden ist, wirkte auf mich die Freiheit des persönlichen Ausdrucks, die ich dort erlebte, wie eine Offenbarung (und ein Schock). Viele Menschen, die ich dort traf, waren in therapeutischen, künstlerischen oder spirituellen Kontexten auf der Suche nach sich selbst und ihrer Authentizität. Gleichzeitig merkte ich bald, dass dabei jeder in gewissem Sinne eine Insel ist und dieses Land seines eigenen Selbst, seiner eigenen Subjektivität erforscht und gestaltet. Dieser Impuls der Selbstverwirklichung ist seitdem zu einem Grundwert unserer Gesellschaft geworden und die Pluralität der Lebensentwürfe ist weit in den gesellschaftlichen Mainstream vorgedrungen. Das Internet und die sozialen Medien haben die Möglichkeiten, sich selbst zu erfinden, zu gestalten und darzustellen, extrem gesteigert. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass das Internet mit seiner Freiheit aber auch Beliebigkeit das postmoderne Medium schlechthin ist – ein digitales Flachland, in dem es an uns liegt, das Wichtige vom Unwichtigen und das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Und das ist heute gar nicht so einfach.
Die zutiefst positive kulturelle Entwicklung hin zu mehr Autonomie und subjektiver Freiheit, hat auch zu einer Vereinzelung, Isolation und einem Narzissmus geführt. Und zu Orientierungslosigkeit. Denn wie finden wir Orientierung und Sinn, wenn es jedem selbst überlassen bleibt, das Wesentliche vom Unwesentlichen, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden? Wenn jeder eine Insel ist, wie können wir uns dann auf verbindliche Werte und Wahrheiten einigen? Und wie finden wir zu einem gesellschaftlichen Vertrauen, das die Voraussetzung ist für einen Diskurs über Werte und die Frage »Wie wollen wir leben?«
In der Postmoderne ist jeder von uns sozusagen sein eigener Kosmos geworden, oder sein eigenes Spiegelkabinett. Jeder von uns kann sich selbst kreieren und sich so formen, wie er von den anderen gesehen werden möchte. Jeder kann frei wählen, welcher Wahrheit über die Welt er vertraut. Dann fällt es aber schwer, einen Wertunterschied zwischen einer Perspektive, die mehr Komplexität der Welt umfassen kann, und einfacheren Erklärungsmodellen zu treffen. Das ist eine Freiheit, weil zunächst jedem seine eigene Sichtweise zugestanden wird. Es ist aber auch ihre Beschränkung, weil dann keine Entscheidung getroffen werden kann, welche Werte uns wichtiger sind als andere. In dem Vakuum, das durch diesen Relativismus entsteht, finden auch Populisten und auch Verschwörungstheoretiker den Raum, um ihre eindeutigen Welterklärungen zu liefern.
Die Postmoderne war ja eigentlich mit dem Ziel angetreten, uns als Menschen miteinander zu verbinden. »Love & Peace« war die Hoffnung, dass uns die individuelle Befreiung dazu bringen wird, uns als menschliche Familie neu zu gestalten. In einem Sein und Seinlassen, das der Agenda von Konkurrenz, Materialismus und kriegerischen Nationen die Vision einer friedlichen Weltgemeinschaft der vielen Kulturen entgegensetzt. Konkret wurde diese Vision in vielen Kommunen und Gemeinschaften versucht. Viele davon sind gescheitert, andere arbeiten weiter daran, wie diese Idee gelebt und weiterentwickelt werden kann.
Dass diese menschliche Verbundenheit nicht so leicht in die Tat umzusetzen war, wie es sich viele in der postmodernen Bewegung vorgestellt haben, lag vielleicht daran, dass in diesen Versuchen letztendlich doch jeder eine Insel blieb. Trotz des großen Aufbruchs, den die Postmoderne auslöste, ging sie hier möglicherweise nicht tief und weit genug, und konnte es vielleicht auch nicht. Die Vision eines gemeinschaftlichen Lebens oder die Hinwendung zur Spiritualität wie in den 60ern und danach mit postmodernen Ikonen wie Osho Shree Rainesh konnte die Grenzen des getrennten Individuums, das die Postmoderne ja befreien wollte, nicht überwinden. Und vielleicht wäre das auch zu viel verlangt. Denn die Befreiung aus engen Familienstrukturen und der Abtrennung von natürlichen Lebensimpulsen und der Sexualität, die die Zeit vor den 60er Jahren prägten, war allein schon eine not-wendige Revolution. Aber vielleicht müssen wir heute einen Schritt weiter und tiefer ins Wesentliche gehen, um diese Befreiung zu bewahren und sie gleichzeitig in eine echte Integration zu führen.

Leben und Tod

In unserer Zeit stellt sich die Frage, was uns als Menschen und als Gesellschaft verbindet und verbinden kann, wohl dringlicher denn je. Wie finden wir als Menschen, als Gemeinschaft ein gemeinsames Land, das wir zusammen gestalten können? Dazu gibt es schon viele versuchte Antworten, von denen die stärkste vielleicht die Vision einer offenen Gesellschaft ist, die den Dialog unterschiedlicher Meinungen fördert, gleichzeitig aber die Grundwerte wie die Würde des Menschen, Gewaltlosigkeit, Meinungsfreiheit bewahrt und sichert. Aber vielleicht braucht solche eine offene Gesellschaft auch eine wesentlichere Grundlage, die aus einer existenziellen Tiefe schöpft.
Vor einiger Zeit hat mich eine Botschaft des Benediktiners Bruder David Steindl-Rast sehr berührt, in der er darauf hinwies, was uns als Menschen allen gemeinsam ist. Er sagte, es sei die existenzielle Erfahrung von Leben und Tod. Mit welcher Eindringlichkeit er diese offensichtliche Tatsache erwähnte, ließ mich aufhorchen. Ich erinnerte mich an meine Arbeit im Hospiz. Dort begegnete ich in der Begleitung Sterbender Menschen, die in vielem völlig anderer Meinung waren, mit ganz anderen Vorstellungen über das Leben. Aber angesichts des Todes treten Meinungen in den Hintergrund und wir suchen die Wesensverbindung, mit uns selbst und den Menschen um uns herum. Und die tiefen Erfahrungen in der Begleitung Sterbender kommen aus diesem gemeinsamen Ergriffensein vom Geheimnis von Leben und Tod. Wir spüren: Der Tod zerstört unsere Insel, ob wir es wollen oder nicht. Er nimmt uns die Kontrolle über uns selbst aus der Hand und wirft uns in den Urgrund des Lebens selbst. Und angesichts des Todes stellen wir die wesentlichen Fragen: Was habe ich der Welt gegeben? Wie werden mich die Menschen in Erinnerung behalten? Wie habe ich gelebt? Oder um mit dem Zen-Meister Wiliges Jäger zu sprechen: »Was wir am Ende unseres Lebens in den Händen halten, sind nicht unsere Leistungen und Werke. Wir werden uns zuerst und vor allem der Frage stellen müssen, wie viel wir geliebt haben.«
Das sind existenzielle, absolute Fragen. Angesicht des Todes verblasst die Relativität, wir wissen selbst ganz genau die Antwort, wenn wir nach innen spüren. Aber woher wissen wir es? Gibt es Grundwerte, Lebenswerte, die insofern universell sind, weil wir alle ein Ausdruck des Lebens sind? Albert Schweitzer fand dafür diese Formel: »Das Wesen des Guten ist: Leben erhalten, Leben fördern, Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Das Wesen des Bösen ist: Leben vernichten, Leben schädigen, Leben in seiner Entwicklung hemmen … Jedes Leben ist heilig.«
Das Credo der Postmoderne war in gewissem Sinne auch eine Oberflächlichkeit. Die Hierarchien und Wertunterschiede wurden zu einem Flachland eingeebnet, wo jeder und jedes genauso viel wert ist wie alles andere und jede Wahrheit gleichberechtigt neben der anderen steht. Was für eine Freiheit, aber auch: was für eine Beschränkung. Ohne Aussicht auf Orientierung dafür, was ein »gutes« oder gar »besseres« Menschsein sein könnte. Ein wie auch immer gearteter Schritt über die Postmoderne hinaus müsste ein anderes Credo aufnehmen, das von vielen als die große Lehre des Todes gesehen wird: Werde wesentlich!
Und der Tod führt uns auch etwas vor Augen, das wir in unserem Käfig des Subjektiven leicht verpassen: dass wir immer Teil eines Lebensprozesses sind, der uns übersteigt aber auch mit allem Leben verbindet. Dass unsere Insel eigentlich nur ein Ausdruck eines Lebens ist und gar keine unabhängige Existenz besitzt.
Ein Ausdruck einer existenziellen Oberflächlichkeit, die wir in unserer Kultur vielfach vorfinden, ist auch das Sinnvakuum und der Mangel an Utopien für sich selbst und unsere Kultur, den eine Relativierung und Subjektivierung nach sich ziehen kann. Aber wir Menschen suchen nach einem übergeordneten, einem letztendlichen Horizont unseres Menschseins, ein sinnvolles Eingebundensein in das Ganze der Welt. Eine Kultur, die um diese existenziellen, geistigen, im Grunde spirituellen Fragen einen mehr oder weniger großen Bogen macht, hinterlässt eine Leere. Und Verschwörungstheorien, die es sich zur Aufgabe machen, die Menschen »zu erleuchten«, oder Populisten, die die nationale Identität beschützen wollen, rühren an dieses grundmenschliche Bedürfnis nach einem umfassenden, übergeordneten Sinnhorizont.
Kürzlich erzählte mir eine befreundete Lehrerin, dass sie begonnen habe, mit ihren jugendlichen Schülern in einer AG der Frage nachzugehen, was ihre Vision für ihr Leben ist, was das tiefste Anliegen ihres Lebens ist. Diese Frage überrascht die Jugendlichen jedes Mal völlig. Sie wird ihnen normalerweise in Erziehung und Unterricht nicht gestellt. Die Lehrerin beschrieb dann eindrücklich, wie die Schüler aufblühen, wenn sie langsam die Scheu vor dieser Frage überwinden und dann in einem Kurzvortrag den anderen Schülern von ihrer Lebensvision erzählen.
Die letzten Fragen und existenziellen Werte des Lebens wiederzuentdecken, scheint mir in unserer Zeit besonders dringlich zu sein. Nicht als Dogmen oder Glaubenslehren, sondern als Inhalte eines Dialogs über Werte, deren Wichtigkeit uns angesichts des Todes nur zu deutlich werden. Die Postmoderne hat uns gezeigt, wie wir Wahrheiten, Ideen, große Utopien hinterfragen können und erkennen lassen, wie relativ sie sind und wie zerstörerisch sie werden können. Das war eine große Befreiung. Das hat uns aber auch in eine Beschränkung geführt, in der wir nicht mehr sehen, dass wir bei aller Relativität und Pluralität doch Teil und Ausdruck eines Lebensprozesses sind. Wenn wir verstärkt Möglichkeiten finden, diese existenzielle Verbundenheit zu erfahren, wäre es vielleicht möglich, die postmoderne Freiheit nicht auf der Insel des Subjektiven enden zu lassen, sondern einen Schritt weiter in ein umfassendes Leben zu tragen, das wir gemeinsam gestalten können. Und vielleicht finden wir durch die Verständigung über die Grundwahrheiten von Leben und Tod auch leichter den gemeinsamen Grund des Vertrauens, der einen echten, offenen Dialog über Wahrheit, Werte und unsere Zukunft ermöglicht.

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Erschienen in Ausgabe 17 / 2017: DIE POSTMODERNE UND DARÜBER HINAUS – 1968 – 2018

Am Anfang ein Traum

Über die tieferen Quellen sozialen Wandels

„Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ Hermann Hesse

Vor einigen Wochen sprach ich mit einer Freundin, deren Tochter begonnen hat, Konfliktforschung zu studieren. Sie erzählte, wie schwierig es für die junge Frau sei, mit der Fülle an dramatischen Nachrichten zurechtzukommen, die nun durch Erfahrungsberichte von sozialen Brennpunkten überall auf der Welt auf sie einströmen. Denn diese drastischen Berichte finden nur selten einen Ausgleich in Erfolgsgeschichten wirksamer gesellschaftlicher Veränderung. Schnell kann da die Hoffnung auf eine tatsächliche Transformation unserer Welt verloren gehen – eine Hoffnung, die uns erst veranlasst, uns für den Wandel zu engagieren. Nach dem Gespräch fragte ich mich, ob wir dabei nicht oft die tieferen Quellen der Hoffnung vergessen.

Die Kraft der Vision

Unser Umgang mit den sozialen Konflikten dieser Welt richtet sich meist auf das Reparieren der Missstände, die wir sehen. Aber die Menschen, die sich für große positive Umbrüche einsetzten, wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela oder Sophie Scholl, reagierten nicht nur auf die Fehlerhaftigkeit ihrer Gesellschaften. Sie waren von der Vision einer gerechteren Welt erfüllt, bewegt und begeistert. „Ich habe einen Traum“, sagte Martin Luther King in seiner berühmten Rede während des Marsches auf Washington, „dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“
Gesellschaftlicher Wandel beginnt mit einem Traum – wir eröffnen uns eine Dimension des Möglichen und machen so Raum für das, was gegenwärtig noch unmöglich erscheint. Was diese Visionäre sozialer Transformation auszeichnet, ist nicht ihr Wissen, ihre Macht oder klugen Strategien, es ist eine Verletzlichkeit für das Leben, in der die Frage nach einer neuen, gerechteren, menschenfreundlicheren Wirklichkeit immer dringlicher wird. Diese Frage, in der schon die Ahnung der Antwort vernehmbar ist, hat dann die Kraft, viele Menschen zu berühren. Aber in dieser Berührung wird sich durch uns das Leben einer neuen Möglichkeit bewusst, einer größeren Verwirklichung der Wahrheit, Schönheit und Güte, die dem Leben selbst innewohnt. Die großen Visionäre waren auch deshalb bereit, ihr Leben für ihren Glauben an das Mögliche einzusetzen, weil sie mit diesem sie übersteigenden Strom des Guten verbunden waren, wie beispielsweise Gandhi sagte: „Die Ehrfurcht vor dem ‚universalen und alles durchdringenden Geist der Wahrheit‘ […] hat mich in die Politik geführt.“
In meiner eigenen Biografie war der Fall der Mauer ein Moment, in dem das scheinbar Unmögliche plötzlich Wirklichkeit wurde. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen und kann mich noch gut erinnern, als ich im Radio hörte, die Grenze zwischen Ost-und Westberlin sei offen. Etwas, das ich kaum zu träumen gewagt hatte, war Realität. Das ist wohl auch der Grund, warum dieser weltgeschichtliche Augenblick für Menschen überall auf der Welt so besonders in Erinnerung blieb. Solch ein „Einbruch“ des Möglichen in den „geordneten“ Lauf der Dinge zeigt uns, dass wir die Zukunft und ihre die dazu notwendigen Transformationen nicht planen oder vorhersehen können. Die Aktivisten, die sich damals im „Neuen Forum“ engagierten oder auf die Straße gingen, hatten die Vision einer freien Gesellschaft – wie genau sie aussehen und auf welchem Wege sie zustandekommen könnte, wussten sie nicht. Aber sie wagten, zu träumen. Wenn ich an die Zeit vor der Wende zurückdenke, dann erinnere ich mich eigentlich nur an ein durchdringendes Gefühl der Resignation. In meinem Bewusstsein war noch kein Raum für das Mögliche, weil wir das Träumen nicht gelernt hatten. Es brauchte einige Jahre, bis ich mit dieser neu gewonnenen Freiheit umgehen und mich darin entfalten konnte. Ich war nicht darauf vorbereitet. Vielleicht wächst in dem Glauben an ein Potenzial der Zukunft auch die Fähigkeit, es kreativ und bewusst zu gestalten, wenn es – auf welchem Wege auch immer – Wirklichkeit wird.

Das Prinzip Hoffnung

Der Philosoph Ernst Bloch beschäftigte sich in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ mit der Kraft der Vision, die uns als Menschen immer wieder erneut veranlasst, Utopien zu entwerfen: „Sozialutopie arbeitete als ein Teil der Kraft, sich zu verwundern und das Gegebene so wenig selbstverständlich zu finden, dass nur seine Veränderung einzuleuchten vermag.“ Die utopischen Visionäre sehen in ihrem geistigen Auge ein Potenzial der Zukunft: „Die Wachträume ziehen, sofern sie echte Zukunft enthalten, allesamt in dieses Noch-Nicht-Bewusste, ins ungeworden-ungefüllte oder utopische Feld.“ Wie Bloch mit seinem Begriff der Wachträume andeutet, kann dieses „Noch-Nicht-Bewusste“ nicht allein rational erfasst werden. Es kommt aus einem „antizipierenden Bewusstsein“ das sich für die Realität des ganz Anderen, Zukünftigen, noch nicht Manifesten offenhält. Damit wird aber die Gegenwart, der gelebte Augenblick, offen für die Zukunft.
Vielleicht hat die Arbeit an sozialer Transformation auch viel damit zu tun, diese Räume des Möglichen zu eröffnen und schöpferisch auszuloten. Denn dieses hoffnungsoffene Bewusstsein lebt nicht allein aus Vorstellungen, Ideen oder Strategien, sondern vor allem aus einer Verbundenheit mit dem Schöpferischen des Lebens selbst. Wenn wir uns die Evolution unseres Bewusstseins und unserer Kultur vergegenwärtigen, von den Anfängen vor etwa 40.000 Jahren bis heute, dann sehen wir eine Abfolge radikaler Transformationen, die jedes Mal unser Zusammenleben und unsere Möglichkeiten in der Welt völlig neu formten. Der integrale Denker Steve McIntosh bemerkt, dass sich kulturelle Evolution immer in der Dialektik von „Drücken“ und „Ziehen“ ereignet. Dabei kommt der Druck aus den krisenhaften Situationen einer kulturellen Stufe und der Zug entsteht durch die Anziehungskraft neuer Werte einer neuen Stufe. Damals in der DDR war der Druck die unerträgliche Enge von ideologischer Gleichschaltung und Überwachung und der Zug war die Verheißung der Freiheit, eines selbstbestimmten Lebens.
Auch heute stehen wir an einer Schwelle, wo wir den evolutionären Druck deutlich spüren, in einer Welt voller grassierender Konflikte und Probleme. Aber was zieht uns in die Zukunft?

Das Salz der Erde

Vor einiger Zeit sah ich den Film „Das Salz der Erde“ von Wim Wenders über den Fotografen Sebastião Salgado. In seiner Karriere als weltbekannter Fotograf zog es ihn immer wieder an Orte, wo sich schreckliche menschliche Tragödien ereigneten. Er wollte das Auge der Welt sein und uns allen zeigen, was heute auf unserem Planeten geschieht. So kam er auch in den Konflikt zwischen den Hutu und Tutsi in Ruanda, bei dem etwa eine Million Tutsi umkamen und die Welt tatenlos zuschaute. Diese Erfahrung stürzte Salgado in eine tiefe Krise: „Als ich dort wegging, glaubte ich an nichts mehr. Nichts könnte die Menschheit mehr retten. So etwas könnten wir nicht überleben! Wir hatten es nicht verdient zu leben. Niemand!“ Er hörte mit dem Fotografieren auf und zog sich auf die Farm seiner Eltern in Brasilien zurück. Im Laufe der Zeit fand er eine Antwort auf die Verzweiflung. Das Tal, in dem die Farm seiner Eltern stand, war einst dicht bewaldet gewesen, heute war es Steppe. Raubbau und Dürre hatten das Land zerstört. Zusammen mit seiner Frau fasste Salgado einen unmöglich scheinenden Entschluss: das Tal wieder aufzuforsten. Er ließ zweieinhalb Millionen Regenwaldbäume pflanzen, wodurch sich das Ökosystem mit der Zeit wieder erholen konnte. Das Land schenkte er dem brasilianischen Staat als Nationalpark und gründete das „Instituto Terra“, um an anderen Orten ähnliche Aufforstungsprogramme durchzuführen. Salgado fand aus seinem Leiden an der Lage unserer Welt eine kreative Antwort. Und er konnte auch wieder fotografieren: Für sein Projekt „Genesis“ bereiste er unberührte Orte der Erde und brachte die Schöpfung, von der wir ein Teil sind und deren Bewahrung unsere Aufgabe ist, in beeindruckende Bilder, die Millionen Menschen erreichen.

Dem Leben antworten

An der Geschichte von Sebastião Salgado berührt mich besonders, wie vollkommen er sich dem „Druck“ unserer krisenhaften Weltsituation ausgesetzt hat, damit aber so umgehen konnte, dass er seinen „Zug“ spüren, ihm folgen und ihn umsetzen konnte. Wir alle können leicht überwältigt werden von der Komplexität und der Vielzahl der Probleme in unserer Welt. Aber wenn wir uns mit dem Zug, der Verheißung des Neuen, unserer Vision, dem „utopischen Feld“ verbinden, gehen wir existenziell in eine andere Dimension. Denn in dieser Ahnung eines besseren Lebens, von tieferer Wahrheit, Schönheit und Güte, zeigt sich in unserem Bewusstsein die kreative Kraft des Lebensstromes selbst.
Der Philosoph Maik Hosang, den ich vor Kurzem bei einem Vortrag erlebte, nennt diesen schöpferischen Impuls unseres Wesens in Anlehnung an evolutionäre Denker wie Jean Gebser oder Sri Aurobindo das „evolutionäre Selbst“ oder das „seelische Wesen“, das sich als Inspiration, Freude und Verbundenheit mit dem noch nicht Gewordenen zeigt. Aus dieser Berührung mit der Energie des Möglichen in uns selbst kämpfen wir nicht so sehr gegen die bestehenden Verhältnisse, als vielmehr für die Vision von Freiheit, Würde, Gerechtigkeit, Frieden und Mitgefühl, die wir in unserem Geist erahnen. Das ist nicht nur ein anderer kognitiver Fokus, sondern verbindet uns auch mit der positiven Energie des Lebens, das sich in mehr Leben hinein entfalten will und sich in uns seiner selbst und seiner Möglichkeiten bewusst wird. Hosang zitiert den Soziologen Herbert Marcuse, der eine „ästhetisch-erotische Transformation“ forderte. Eine Transformation, die bewegt wird von den Kräften einer weltzugewandten Liebe und einem bewussten Erfülltsein von der wachsenden Intensität des Lebens. Hier nährt sich die Arbeit an gesellschaftlicher Veränderung auch aus dem schöpferischen Potenzial der Kunst, wie es die Beuys-Schülerin Shelley Sacks verfolgt: „Gemäß dem griechischen aisthetikos, ‚wahrnehmend‘, sehe ich in Ästhetik das Gegenteil von Anästhesie oder Betäubung – also ein belebtes, verlebendigtes Sein. So verstanden, ist Ästhetik die Fähigkeit, sich dem zu nähern, was uns in der Welt, unserem Umfeld und in uns selbst begegnet, berührt, bedrängt, und die Fähigkeit, darauf zu antworten.“
Welche Inspirationskraft solch ein Wandel aus dem Antworten auf das Leben entfalten kann, erfuhr ich kürzlich bei einem Kongress, bei dem Margret Rasfeld die von ihr gegründete Evangelische Schule Berlin Zentrum vorstellte. Der Impuls zu der radikal anderen Form von Pädagogik, die dort gelebt wird, kam aus der Erfahrung, dass wir das lebendige Potenzial unserer Kinder unter einer leistungsorientierten und standardisierten Bildung verschütten. Für Margret Rasfeld stehen hingegen die in jedem Menschen anwesenden Entfaltungsimpulse im Mittelpunkt. Und in der Verbindung mit ihrem eigenen tieferen Potenzial finden die Jugendlichen auch ganz natürlich zu einem sozialen Verantwortungsbewusstsein. Nicht umsonst heißen zwei zentrale Fächer ihrer Schule „Herausforderung“ und „Verantwortung“.

Die Kreativität des Ganzen

In der Evolutionsforschung gibt es einen Begriff, der das Geheimnis des schöpferisch Werdenden sehr gut benennt: Emergenz. Damit wird das Merkmal komplexer Systeme beschrieben, wonach aus dem Zusammenwirken der Teile plötzlich eine neue Ganzheit entsteht, die nicht vorhergesagt werden kann. Nehmen wir zum Beispiel Wasserstoff und Sauerstoff: Wie kann aus der Verbindung von zwei Gasen plötzlich flüssiges Wasser entstehen? Wir wissen es nicht. Oder noch grundlegender: Wie konnte aus lebloser Materie das Leben entstehen? Oder wie aus Säugetieren selbstreflexive Menschen? Wie kam es 1989 plötzlich zum Mauerfall? Und wie emergierten viele Male in unserer Geschichte neue Gesellschaftsformen – von Stämmen zu Feudalgesellschaften zu Imperien zu demokratischen Nationalstaaten und einer global vernetzten Gesellschaft? Der Kosmologe Brian Swimme sagt über die Bedeutung von Emergenz: „Lange Zeit dachten wir, das Universum sei ein unveränderliches Gebilde, das seine schöpferische Hauptaktivität nur am Anfang der Zeit hatte. Aber jetzt verstehen wir, dass das Universum ein anhaltendes kreatives Ereignis ist. Sterne entstanden, Galaxien entstanden, Planeten tauchten auf, das Leben barst in die Existenz. Diese Entstehungskraft könnte man auch fortwährende Kreativität nennen. In gewisser Weise ist die größte Entdeckung menschlicher Wissenschaften die Entdeckung, dass das Universum als Ganzes – und damit jedes Wesen darin – von der Kraft der Emergenz durchdrungen ist.“
Wenn wir soziale Transformation vor diesem Hintergrund sehen, werden die Herausforderungen, die vor uns liegen, nicht leichter. Aber wir kommen mit anderen Quellen in uns in Verbindung, damit zu unserem rationalen Verstehen der Ursachen auch die mitfühlende Fürsorge, die spürende Intuition des Möglichen und das Vertrauen in die kreative Kraft des Lebens kommen können. Wenn wir dann unserem eigenen Zug ins Mögliche, ins „Noch-Nicht-Bewusste“ folgen, danach handeln und uns darin begegnen, dann arbeiten wir gemeinsam an der Emergenz einer erträumten unmöglich-möglichen Zukunft.

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Erschienen in Ausgabe 07 / 2015: DIE ZUKUNFT IN UNS – Gesellschaft im Umbruch

Rückkehr des Erhabenen

Liebe im World Wide Web

Das Internet ist allgegenwärtig, auch in der Liebe. Wie verändert das Web unsere Liebe, und wir kann unsere Liebe das Web verändern? Eine Spurensuche.

Liebe begleitet uns Menschen seit den Anfängen unserer Geschichte, und vielleicht auch schon weit vorher. Und jedes neue Zeitalter, durch das wir historisch gegangen sind, hat dieses Urgefühl verändert und neue Ausdrucksformen geschaffen. Ein Merkmal unserer Zeit ist der Einfluss des Internets und der Digitalisierung in allen Bereichen unseres Lebens, und natürlich auch in der Liebe. Was beutet das für uns?

Ware Liebe

Vor einiger Zeit habe ich etwas gemacht, das – so verraten Statistiken und Gespräche im Freundeskreis – immer mehr Menschen tun: Ich habe mich bei einem der unzähligen Online-Dating-Portale angemeldet. Ich habe mir also ein Profil anlegt. Mein Portal wirbt mit ganzheitlicher Partnersuche, also bestanden die Kategorein neben den üblichen persönlichen Angaben auch aus Fragen zu spirituellen Interessen. Dazu musste ich mich selbst in Kategorien einordnen, indem ich bestimme Merkmale ankreuzte, ich musste mich also als Menschen etwas objektivieren. Mit diesen Angaben kann dann der Algorithmus der Seite sein magisches Werk beginnen und sehr bald saß ich vor mehreren Hundert »Angeboten«, die ich dann »prüfen« konnte. Nach einer Weile hielt ich inne und war erstaunt über die Faszination dieser Fülle, der Möglichkeit, so schnell und leicht so viele potenzielle Bekanntschaften vor mir zu haben, aber auch etwas verstört darüber, dass ich nun nach Frauen suchte, wie sonst vielleicht auf Amazon nach einem passenden Buch oder einer CD. Einer Ware.
Die israelische Soziologin Eva Illouz, die sich intensiv mit der Wirkung des Internets auf Liebesbeziehungen beschäftigt hat, sagt dazu: »Viele Menschen nutzen das Internet auf der Suche nach Sex, Romantik, Ehe und so weiter. Man sucht dort nach jemandem, als wäre man auf einem Markt. Man hat alle Möglichkeiten vor Augen. Und man kauft sozusagen ein, indem man jemandem einen gewissen Wert zuordnet. Man hat einige sehr klare Kriterien und nach denen wird die Person, die man quasi erwerben will, beurteilt, bewertet. … Hier sind die Menschen wie Waren auf einem Tisch ausgelegt, es ist ein bisschen wie ein Buffet.«
Was macht diese Vielfalt des »Angebots« mit unserer Liebe? Zunächst fällt es uns schwerer, uns auf eine Beziehung einzulassen – und leichter, bei Problemen eine Beziehung zu beenden –, denn wir wissen ja, dass es noch Hunderte, Tausende weiterer Angebote auf dem Partnermarkt gibt. Dafür gibt es auch schon eine Diagnose: »Bindungsangst«.

Gefühlsunternehmer

Die einschneidendere Veränderung ist aber wohl, wie sich das Verständnis unserer selbst und unserer Mitmenschen wandelt, um im Internet auf Partnersuche zu gehen. Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker erforscht die Internetsexualität und erklärt: »Es konkurrieren alle mit allen und man muss sowohl seine Persönlichkeit als auch seine Sexualität in einer bestimmten warenförmigen Weise darstellen, weil man ja Interesse hervorrufen muss. … Wir werden zu Gefühlsunternehmern … .« So werden die eigenen Empfindungen, Bedürftigkeiten, der eigene Körper, die Sehnsüchte, Scham und Scheu Teil des eigenen »Gefühlsunternehmens«, das wir möglichst gut vermarkten müssen. Auf diese Weise hält die ökonomische Logik Einzug in unsere Liebesbeziehungen. Und die Wirtschaft nutzt im Gegenzug die Verheißung romantischer Gefühle, um ihre Produkte zu vermarkten. Auch auf diesen Zusammenhang weist Eva Illouz hin und beschreibt, dass heute Waren von Kosmetik bis Versicherungspolicen mit dem Bild romantischer Liebe verbunden werden, um sie attraktiver zu machen. Und gleichzeitig leben ganze Branchen auch vom Ideal romantischer Liebe, wie beispielsweise die Freizeitindustrie.
Durch die maßgeschneiderte Suche, die Partnersuche im Internet ermöglicht, können wir uns zudem den idealen Partner nicht nur vorstellen, sondern die vielen Angebote nach dem Partner durchsuchen, der perfekt in das Leben passt, das wir schon leben. Einem Menschen, der unseren Vorstellungen entspricht. Auch dies ist ein Prozess der Objektivierung, in dem wir einen Menschen suchen, der mit unserem Suchschema übereinstimmt. Die Überraschung, die dem »unordentlichen Gefühl« wie Richard David Precht die Liebe nennt, eigentlich innewohnt, verliert an Bedeutung. Wir wollen die Kontrolle über das behalten, was uns in einer Beziehung erwartet.

Unsere Entzauberung

Illouz erklärt, dass diese Verbindung von Liebe und Konsum heute nahezu unumgehbar ist und unserer Liebe auch viele neue Ausdrucksmöglichkeiten und eine Freiheit von traditionellen Rollen schenkt. Und das Internet bietet auch einen großen Freiraum, um verschiedene Formen von Liebe und Sexualität ausleben zu können. Und natürlich kann auch mit einem Partner, den wir auf dem Dating-Markt im Internet kennenlernen, eine tiefe Liebe entstehen, können sich in der direkten Begegnung wieder Überraschung und Zauber entfalten. In meinem Bekanntenkreis gibt es einige Beispiele dafür. Zudem gibt es auch große Unterschiede zwischen den Dating-Seiten und -Apps, von Seiten wie Parship oder dem alternativen Portal Gleichklang, in denen vor allem feste Beziehungen gesucht werden, bis hin zu Tinder, wo es unverbindlicher zugeht oder Lovoo, mit dem »Flirtradar«, der einem das direkte Ansprechen von Leuten in einer Bar abnimmt, indem man Flirtwillige einfach per App kontaktieren kann.
Diese heutige Freiheit und Vielzahl der Möglichkeiten vergleicht Illouz in ihren Büchern auch mit dem Umgang mit Liebe und Paarbeziehung in vergangenen Jahrhunderten. Und sie kommt zu dem Schluss: »Die Klugheit verbietet, dem nachzutrauern, was einmal gewesen ist. Doch kann ich mir die Frage einfach nicht verkneifen, ob wir nicht das, was wir an Freiheit und Lust gewonnen gaben, an Potenzial für das Erhabene verloren haben.« In diesem Sinne merkt sie auch an, dass die »einzige ernsthafte Konkurrenz zu einem konsumorientierten Bild der romantischen Liebe eine religiöse Lebensart« sei: »In religiösen Bevölkerungsschichten existiert eine ganz eigene, abgegrenzte Vorstellung von Liebe. Streng religiöse Menschen teilen andere Werte, wie etwa die gemeinsame spirituelle Erfahrung Gottes.«
Die Soziologin spricht hiermit das Dilemma unserer säkularen Kultur an, die Freiheit und Pluralität und individuellen Lebensformen – und die Entzauberung der Welt und damit auch der Liebe. Und den Ansturm auf die Online-Dating-Seiten könnte man auch als die mannigfaltige Sehnsucht nach dem Erhabenen deuten. Denn die persönliche Liebesbeziehung ist fast der einzige Ort, an dem der säkulare Mensch noch auf dieses Erhabene zu hoffen wagt – und sei es nur in der Entrückung sexueller Erlebnisse.
In der psychologischen und spirituellen Ratgeberliteratur wird versucht, ein tieferes Gefühl der Erhabenheit wieder in die Liebe zurückzubringen. Es ist dann die Rede von »Soulmates«, den Seelenpartnern. Die Zweierbeziehung wird so unter spirituellen Vorzeichen zu einem heiligen Rückzugsgebiet. Dabei sind wir uns aber meist nicht bewusst, dass auch dies nur eine Variante der Vermählung zwischen Romantik und Konsum sein kann. Und oft ist auch diese persönliche Erhabenheit nicht von langer Dauer und ein nächster, vielleicht noch passenderer Seelenpartner könnte irgendwo da draußen sein, in den Weiten des World Wide Web.
Es scheint, dass wir in diesem Dilemma von Verlust des Erhabenen und der verzweifelten Suche danach uns selbst und unsere Beziehungen aufreiben. Aber vielleicht haben wir verlernt, uns vom Erhabenen finden zu lassen.

Im Angesicht des Erhabenen

Eva Illouz spricht darüber, dass eine »gemeinsame spirituelle Erfahrung Gottes« religiösen Menschen einen Bezugspunkt gibt, durch den sie nicht so leicht auf das Konsum-Romantik-Karussell aufsteigen. Sicher können und wollen wir nicht in den Hafen enger religiöser Normen zurück; die Freiheit des Ausdrucks partnerschaftlicher Liebe hat uns individuell wachsen lassen. Aber in Verbindung mit dem Internet wurde unser Umgang mit der Liebe auch von den Merkmalen dieses Mediums geprägt. Das Internet ermöglicht die globale Vernetzung, aber es ist flach und wertfrei. Die Aktivisten des Arabischen Frühlings, die sich nach Freiheit sehnten, können sich darin genauso vernetzen, wie die Terroristen des IS, um ihre Anschläge zu planen. Diese moralische Einebnung ist ein Merkmal des Internets und sie macht auch andere Menschen leicht zu einem eindimensionalen Objekt. Der große Markt der Möglichkeiten, den Dating-Seiten suggerieren, lässt das Bild einer unerschöpflichen Masse von möglichen Partnern entstehen, die aber auch beliebig werden. Illouz spricht von einem Zynismus, der sich dadurch in unserer Liebe breitmacht. Wir nehmen unseren Partner nicht mehr ernst, lassen uns nicht mehr auf eine tiefe Begegnung ein, denn im Web wartet schon der oder die nächste. Die Erhabenheit, der die Soziologin etwas nachtrauert, ist vielleicht tatsächlich die Erfahrung und Qualität, die der menschlichen und moralischen Einebnung des Internets etwas entgegensetzen kann.
Der Philosoph Byung-Chul Han spricht im Zusammenhang mit dem Internet oft von einer Kultur des Gleichen und der Oberflächen. Dadurch, dass uns Algorithmen mit Informationen zu Themen und Meinungen versorgen, die wir schon mögen, begegnen wir immer mehr nur uns selbst. Und wir tasten uns an der glatten Oberfläche der vielen Möglichkeiten entlang, und finden die Tiefe nicht mehr. In dieser »Austreibung des Anderen«, so der Titel von Hans neuem Buch, geht aber auch der Eros verloren, der sich in der Begegnung mit dem ganz Anderen entfaltet. Diese Qualität des Anderen wohnt auch der Erhabenheit inne. Erhaben nennen wir eine Erfahrung, die über das Gewöhnliche hinausgeht, in der eine Schönheit, eine Größe und etwas Heiliges uns berühren. Es ist verwandt mit dem Begriff des Numinosen, den der Religionswissenschaftler Rudolf Otto einführte, um die Qualität des Heiligen zu umschreiben. Für ihn hatte diese Begegnung mit dem Heiligen zwei Dimensionen: das Mysterium fascinans, die tiefe Anziehung einer beglückenden Erfahrung des Seins, und das Mysterium tremendum, die Ehrfurcht vor dem ganz Anderen, das in unserer Leben einbrechen kann. Auch der Psychologe und Zen-Meister Karlfried Graf Dürckheim sprach viel über diese Qualitäten des Numinosen als Tore, die sich in das Geheimnis des Lebens öffnen. Graf Dürckheim bezeichnete die Begegnung mit diesem Heiligen als Seinserfahrung, und sprach davon, dass eine Dimension, in der wir sie erfahren können, die menschliche, auch sexuelle Liebe ist. Für ihn waren solche Seinserfahrungen erhebende und erschütternde Einblicke in die Tiefe unserer Existenz, in denen wir auch erleben, dass Liebe der erhabene Grund allen Seins ist. Solche Erfahrungen sind verbunden mit dem Auftrag, dieses Geheime, dieses innerste Wesen nun im Leben und in der Welt zu bezeugen und zum Ausdruck zu bringen. Dieser Vision der Begegnung mit einer Tiefe der Existenz scheint das Internet diametral entgegengesetzt zu sein. Auf der Oberfläche unseres Bildschirms erscheint alles gleich-wertig. In einem Facebook-Feed wechseln sich Tiervideos mit Aussagen spiritueller Lehrer und Urlaubsfotos von Freunden mit Bildern aus dem bombardierten Aleppo ab.

Ein neues Wahrnehmungsorgan

Das World Wide Web hat uns eine nie da gewesene Vernetzung gebracht, die unser Bewusstsein geweitet und erweitert hat. Sie hat uns unerschöpfliche Möglichkeiten geschenkt, nun liegt es an uns, auch die Tiefe, zu der wir als Menschen fähig und gemeint sind, in dieses immer noch neue Medium einzuführen. Aber wie kommt Erhabenheit, ein Sinn für das Heilige, das uns übersteigt, wieder zurück in unser – auch virtuelles – Leben und Lieben? Vielleicht müssen wir lernen, unser Wahrnehmungsorgan für das Erhabene wieder zu üben und so zu erweitern, dass wir der flachen Vernetzung mit einer existenziellen Unterscheidungskraft begegnen können.
Fast jeden Morgen habe ich ein Art Ritual. Zuerst die gemeinsame Meditation mit Freunden, bei der wir über Telefon mit anderen Freunden verbunden sind, die zur gleichen Zeit meditieren. Diese virtuelle Verbindung hilft uns, einen Ausdruck für das gemeinsame Feld zu setzen, das wir in der Meditation erfahren. Nach der Meditation sprechen wir oft noch einige Zeit miteinander, über aktuelle Ereignisse oder gemeinsame Erfahrungen, oder verweilen einfach schweigend in dem meditativen Feld. Einem Feld, das unserer Freundschaft den Geschmack des Erhabenen gibt. Wenn ich dann zuhause bin, gehe ich nach dem Frühstück für einige Zeit auf Facebook, für mich auch eine Art, mich mit der Welt zu verbinden, mit Freunden, spirituellen Mentoren, inspirierenden Menschen und dem, was gerade in der Welt geschieht. Natürlich kann man an sozialen Medien viel kritisieren, zum Beispiel die Filterblasen, in denen wir nur noch Meinungen begegnen, die unseren eigenen gleichen. Aber die Ursache liegt wohl nicht nur in der Technologie, sondern auch darin, wie wir sie nutzen. Für mich kann Facebook durchaus zum Medium der Empathie werden – und dann ist es gut, den Zeitpunkt zu bemerken, wo es oberflächliche Ablenkung wird. Und selbst ein Chat auf WhatsApp kann über weite Entfernung eine Verbindung mit einem geliebten Menschen aufechterhalten und so den Alltag als Erinnerung an eine geteilte Verbundenheit bereichern.

Den Menschen freilegen

Liebe in den Zeiten des Internets stellt uns vor die Herausforderung, die Verflachung, die Abstumpfung, die Möglichkeitswüste, den moralischen Relativismus zu durchbrechen und der Dimension des Erhabenen wieder in unserem Leben, auch in unserem virtuellen Leben, Raum zu geben. Es ist eine Haltung, in der wir in den Geschehnissen in der Welt, dem Leid Anderer und in der Liebe und Freundschaft zu Nahestehenden die Stimme des großen Geheimnisses spüren, die uns umfängt und ruft. Dazu aufruft, Liebende zu werden in einer vernetzten Welt. Diese Liebe hat die Kraft, den Menschen in seiner Größe, seiner Erhabenheit, seinem Anderssein zu begegnen.
Dann sind auch Partnerportale im Internet eine der Möglichkeiten für einen ersten Kontakt. Für mich stellte sich schnell heraus, dass das nicht meine Methode der Partnersuche ist. Aber es liegt an uns, wie wir sie nutzen, ob wir uns zu konkurrierenden »Gefühlsunternehmern« machen lassen, oder durch die Objektivierung hindurch immer wieder den Menschen »freilegen«, der wie wir eine Begegnung und vielleicht auch das Erhabene sucht. Ja, es könnte eine der großen Aufgaben der heutigen Zeit sein, das Internet und die digitale Vernetzung als eine Herausforderung der Liebe zu sehen. Es liegt an uns, das kalte Medium zu erwärmen und als Raum zu sehen, der von uns mit der Bewusstheit und Verantwortlichkeit für die heilige Tiefe des Lebens erfüllt werden kann.

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Erschienen in Ausgabe 13 / 2017: LIEBE in Zeiten von Trump – Die radikale Kraft der Verbundenheit

Die Neugier des Lebens nach sich selbst

 

Bildungsimpulse aus der Mystik

Wie wir Bildung verstehen, hängt davon ab, wie wir den Menschen verstehen. Eine mystische Spiritualität versteht unter Bildung die Entfaltung unserer Seele und ihrer Fähigkeiten und Qualitäten zum Wohle des Ganzen. Wie kann ein Anerkennen dieser existenziellen Tiefe unser Verständnis und unsere Praxis der Bildung bereichern? Eine Spurensuche bei Sri Aurobindo, Jiddu Krishnamurti und Arthur Zajonc.

Wenn wir heute über Bildung nachdenken, betrachten wir meist Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen und welche Missstände und Entwicklungsmöglichkeiten es hier gibt. Bildung ist zu einem eigenen Gesellschaftsbereich geworden, mit einer Vielzahl von Institutionen, Organisationen und Regularien. Aber es mehren sich auch Stimmen, die auf einen Aspekt der Bildung hinweisen, der heute manchmal vergessen wird. Was Humanisten wie Humboldt oder Goethe unter Bildung verstanden, die Ausformung des einzigartigen Menschen und seiner Fähigkeiten, wird in neuer Form unter dem Begriff Potenzialentfaltung von Menschen wie Gerald Hüther oder Richard David Precht in die Bildungsdebatte eingebracht. Sie gehen davon aus, dass Bildungseinrichtungen Orte sein sollten, wo Menschen Räume vorfinden, damit ihre ureigensten Potenziale erblühen können. Denn »jedes Kind ist hochbegabt«, so bringt es der Hirnforscher Gerald Hüther auf den Punkt.
Wie tief wir hierbei die Quelle unserer Potenziale ansetzen, hängt auch davon ab, wie tief oder wie weit für uns der Mensch reicht. Die Bildungsdebatte bewegt sich hier meistens auf dem Boden aufgeklärten Denkens mit ihrem Ideal des selbstbestimmten Individuums. In unserer materialistisch geprägten Zeit wurde der Individualismus aber auch zu einem Zustand der Getrenntheit von Welt und Leben, einer Entfremdung, Vereinzelung und Isolation, unter der wir zunehmend leiden. Die Diagnosen heißen heute Burn-out, Depression oder schlichtweg Überforderung. Auch Kinder und Heranwachsende sind davon zunehmend betroffen.
Das Leiden an der Getrenntheit von der Wirklichkeit des Lebens und unserem eigenen inneren Seelenpotenzial war aber immer auch ein Beweggrund für eine besondere Form der Bildung. Die spirituellen Wege der mystischen Weisheitstraditionen kann man als Bildungswege verstehen, die im Gegensatz zu religiösen Doktrinen das Hauptaugenmerk auf die direkte Erfahrung einer innerlichen Wirklichkeit der Verbundenheit legen, die durch Übungen wie Meditation, Herzensgebet oder Mantren kultiviert werden können. Ein Ziel dieser Übungen ist es, den Menschen mit dem bildenden Impuls seiner eigenen Seele vertraut zu machen, und ihn in die Erfahrung zu führen, dass wir auf dieser seelischen Ebene mit der Welt und anderen Menschen aufs Tiefste verbunden sind. Begleitet wird diese Erkenntnis von Qualitäten wie Weisheit und Mitgefühl, deren Ausbildung das Ideal mystischer Spiritualität ist.
Mich bewegt die Frage, ob uns diese Wege seelischer Bildung heute Hinweise zu einem tieferen Verständnis und einer potenzialorientierten Praxis der Bildung geben können – sowohl für die pädagogische Begleitung von Kindern und Heranwachsenden als auch für jeden von uns. Dazu möchte ich exemplarisch drei moderne spirituelle Denker heranziehen, die sich explizit mit den Fragen der Bildung beschäftigt haben: den indischen Meister des Integralen Yoga Sri Aurobindo (1872 – 1950), den spirituellen Freigeist Jiddu Krishnamurti (1895 – 1986) und den Universitätsprofessor und Kontemplationslehrer Arthur Zajonc (geb. 1949). Meines Erachtens zeigen sich in ihren Anregungen zur Bildung drei Aspekte, die viel zu einem erweiterten Bildungsbegriff beitragen könnten: Sri Aurobindo hat sich wie nur wenige mit der seelischen, schöpferischen Entwicklung des Menschen beschäftigt, Krishnamurti legte sein Hauptaugenmerk auf die geistige Freiheit und Unabhängigkeit des Menschen und Arthur Zajonc entwickelt in seiner kontemplativen Pädagogik eine Epistemologie der Liebe, die Bildung als transformativen Prozess der Verbundenheit versteht. Diese drei Tiefenqualitäten – Seelenentwicklung, innere Freiheit und liebevolle Zugewandtheit – können uns vielleicht Hinweise auf verborgene Möglichkeiten der Bildung geben.

Die Entwicklung der Seele

Sri Aurobindo verband als spiritueller Lehrer die alte vedische Tradition Indiens mit der Idee der Evolution der Seele. Dieser Entwicklungsweg führt für ihn zu einer immer subtileren Wahrnehmung und Verbundenheit mit einer geistigen oder »supramentalen« Wirklichkeit, die unsere wahre Natur ist. Er sah diese innere Entfaltung des Menschen bewegt vom »psychic being«, dem »seelischen Wesen«. Vor diesem Hintergrund war für ihn eine der wichtigsten Aufgaben jedes Bildungsweges, eine Atmosphäre zu schaffen, in der das Seelenwesen des Menschen wachsen kann: »Es ist die Seele in uns, die sich immer der Wahrheit zuwendet, dem Guten und dem Schönen, denn durch diese Dinge wächst sie selbst an Statur … Die zugrunde liegende seelische Wesenheit in uns hat Anteil an der Freude des Lebens und aller Erfahrungen, welche die fortschreitende Offenbarung des Spirits ausdrücken, doch die eigentliche Grundlage ihrer Lebensfreude besteht darin, aus allen Kontakten und Geschehnissen deren geheimen göttlichen Sinn und Kern, einen göttlichen Nutzen und Zweck zu sammeln, sodass unser Mental und Leben aus der Unbewusstheit einem höchsten Bewusstsein, aus den Trennungen der Unwissenheit einem umfassenden Bewusstsein und Wissen entgegenwachsen mögen.«
Aurobindos Ideen zur Pädagogik, die er als »Integral Education« bezeichnete, dienten als Vorbild für mehrere Schulen in Indien, wie beispielsweise der Sri Aurobindo International School in Hyderabad. Deren Motto »Wo das innere Wesen die äußere Persönlichkeit formt« beschreibt, wie hier gemäß Aurobindos integralem Menschenbild ein Raum geschaffen werden soll, in dem sich die körperlichen, emotionalen, mentalen und spirituellen Fähigkeiten des Menschen entfalten können. Diese Bereiche des Menschen werden im Curriculum berücksichtigt, wobei die Quelle und Triebkraft die Entfaltung der einzigartigen Seele des Menschen ist.
Neben vielen anderen Hinweisen beschrieb Aurobindo zwei Grundlagen der Bildung. Der erste Grundsatz ist, dass nichts gelehrt werden kann. Aurobindo selbst war ein unermüdlicher Lehrer, was also meint er damit? »Man kann … nichts lehren, was nicht bereits als potenzielles Wissen in der sich entfaltenden Seele des Geschöpfes enthalten ist. … Wir erkennen das Göttliche Wesen und werden zum Göttlichen Wesen, weil wir dieses bereits in unserer geheimen Natur sind. Alles Belehren ist ein Enthüllen, alles Werden ist ein Entfalten.« Wie alle spirituellen Traditionen ging Aurobindo von der Einheit des Lebens aus und davon, dass in jedem Menschen ein Seelensame vorhanden ist, der sich von innen heraus entfalten möchte. Deshalb kann einem Menschen nichts von außen gelehrt werden, was nicht schon in ihm vorhanden und angelegt ist. Dieses innewohnende Wissen kann hervorgebracht werden, kann aus ihm erblühen. Das Lernen ist eine Bewegung aus dem Inneren, das kein Außen hat. Die Aufgabe von Bildungseinrichtungen ist hier also, die Bedingungen zu schaffen, die diese Entfaltung begünstigen. Wie tief und subtil dieser Grundsatz Aurobindos ist, wird deutlich, wenn wir eine weitere seiner Grundlagen des Lernens betrachten: dass wir am besten von Vorbildern lernen. Vor-bilder in diesem Sinne sind Menschen, die tiefe Qualitäten des Menschseins in ihrem Leben verwirklicht haben. Indem sie die Potenziale ihrer Seele sichtbar machen, berühren sie die Seele anderer Menschen und wirken wie ein Sog, wie das Sonnenlicht auf den schlummernden Seelensamen im Menschen. Damit wird dem Lehrer oder Pädagogen – und eigentlich jedem von uns – eine Aufgabe, ein Bildungsauftrag, gegeben: Vor-Bild zu sein für die Bildung anderer. In einem Lehren aus dem Sein, statt nur aus dem Wissen.

Freiheit des Geistes

Neben dieser Verbundenheit mit Vorbildern ist eine andere Grundvoraussetzung seelischer Bildung die Freiheit. Für den indischen Weisen Jiddu Krishnamurti stand die Entwicklung der geistigen Freiheit des Menschen im Mittelpunkt – die Freiheit von den Konditionierungen des eigenen Verstandes, von den Konditionierungen der Gesellschaft und von hierarchischer Unterordnung unter Autoritäten. Für ihn kann echte Bildung nur in einem Raum stattfinden, in dem es kein Autoritätsgefälle gibt. Die Idee, dass es jemanden gibt, der etwas weiß, und jemanden, der dies nicht weiß und dem es per Autorität gelehrt werden muss, schien ihm absurd. Krishnamurti sah den Prozess der Bildung als ein dialogisches Fragen zwischen Lehrer und Schüler, bei dem sich die Tiefen einer Sache oder eines Problems eröffnen und beide verwandeln und bereichern. Denn was es vom Leben in seiner Ganzheit zu lernen gibt, entfaltet sich aus dem Inneren der aufrichtig und rigoros fragenden, freien Seele: »Wir wiederholen gern, was andere Menschen sagen, was andere Menschen tun, weil es sich so am leichtesten lebt – wir sind mit einem alten oder einem neuen Muster konform. Wir müssen herausfinden, was es bedeutet, niemals in Konformismus zu verfallen und was es bedeutet, ohne Angst zu leben. Das ist dein Leben und niemand wird dich lehren, kein Buch, kein Guru. Du musst es selbst erlangen, nicht aus Büchern. Du kannst viel über dich selbst lernen. Das ist endlos, faszinierend – und aus dem, was du in dir über dich selbst lernst, daraus entsteht Weisheit.«
Jede Bildung muss für ihn nicht nur Wissen vermitteln, sondern vor allem auch Intelligenz, eine Klarheit des Geistes, die in sich aus der innewohnenden Verbundenheit mit dem Leben aus anderen Motivationen handelt. Ein Geist, der Mitgefühl, Freiheit und Großzügigkeit lebt. Dadurch lag für Krishnamurti der Schlüssel zu einer Transformation unserer Kultur in dieser Bildung, die eine Rückbindung des Menschen an seinen inneren religiösen Impuls ist. Hier sah er die revolutionäre Sprengkraft wahrer Bildung. Weil sie uns gegen den Strom der Gesellschaft und seiner Triebkräfte wie Materialismus, Gier, Angst, Bevormundung und Gewalt widerständig macht und den Impuls zur Schaffung einer neuen Kultur gibt, die auf den Qualitäten beruht, die sich aus einer freien, schöpferischen, liebenden Seele bilden: »Sein Anliegen war, den Menschen aus den Fesseln der persönlichen Weltsicht und Ich-Vorstellung zu befreien und ihm so die ganze Dimension des Lebens zu eröffnen. In einem so gearteten freien, ungeteilten und ungetrennten Bewusstsein wirken urprüngliches Mitempfinden, Fürsorge und Verantwortlichkeit für das ganze Leben und alle seine Wesen, die alle weder erworben werden können noch müssen«, schreibt der Krishnamurti-Kenner Bernd Hollstein.
Krishnamurti gründete in England, den USA und Indien gemäß seinen Anregungen Schulen, wie die Brookwood Park School unweit von London. Hier wird gemäß Krishnamurtis Betonung des kritischen Geistes ein Bildungsweg angelegt, den der Schüler nach eigenen Fragen und Interessen selbst mitbestimmen kann. Zudem wird auf eine ganzheitliche, interdisziplinäre und gesellschaftlich verantwortungsvolle ethische Bildung Wert gelegt. Ein Grund dafür, dass Krishnamurtis Impuls zur Bildung keine breitere Wirkung entfalten konnte, ist vielleicht das Paradox, das seinen Hinweisen zugrunde liegt: Er lehnte Systeme, Ideologien und Autoritäten ab, aber eine Schule oder andere Bildungseinrichtung muss sich in irgendeiner Weise organisieren und strukturieren.

Eine Epistemologie der Liebe

Einen anderen pädagogischen Ansatz, der aus einer tiefen seelischen Quelle schöpft, hat der Physiker und Hochschullehrer Arthur Zajonc mitentwickelt. Er bezeichnet ihn als kontemplative Pädagogik und schöpft dabei aus der Waldorfpädagogik Rudolf Steiners (die im Interview mit Jost Schieren thematisiert wird, s. S. 34) und den kontemplativen Traditionen, insbesondere dem Buddhismus. Zajonc war unter anderem Leiter des Mind and Life Institute, das unter der Schirmherrschaft des Dalai Lama den Dialog zwischen Wissenschaft und kontemplativen Traditionen fördert.
Für Zajonc eröffnen die kontemplativen Übungen wie die Meditation einen Zugang zur Wirklichkeit von innen her. Das konzentrierte Aufmerksamsein, die wertfreie Bewusstheit der Meditation, die stille Weite des ruhenden Geistes bietet den Raum, in dem die Wirklichkeit erscheinen kann, wie sie ist. In solch einem Geist weicht die heute in der Bildung vorherrschende »Epistemologie der Distanz, Kontrolle und Manipulation« einer »Epistemologie der Liebe«, die sich in »Respekt, Zärtlichkeit, Intimität, Verletzlichkeit, Teilhabe, Transformation des Selbst, der Bildung neuer Fähigkeiten und Potenziale und klarer Einsicht« zeigt. In dieser inneren Gestimmtheit wird die Liebe zum Leben, zur Wirklichkeit, zur Bewegkraft der Bildung: »Liebe als die tiefste Form des Wissens, in dem Wissen und Liebe sich vereinen durch eine Identifikation, in der das Objekt zum Subjekt wird.« Wenn sich Wissen und Liebe vereinen, dann lernen wir etwas über das Leben, indem wir immer mehr mit ihm eins werden. Kontemplative, aufmerksame, bewusste Hinwendung zur Welt führt zu einer Ganzwerdung mit dem Leben. Daraus entsteht dann auch eine ethische Haltung, die aus dieser liebenden Durchdringung mit der Welt handelt.
Die kontemplative Pädagogik, die Zajonc hier anspricht, meint eine integrative Form des Wissens, wobei Erkenntnis zur transformierenden, liebebildenden Kraft wird. In diesem Zusammenhang zitiert Zajonc gern seinen Lieblingssatz von Goethe: »Jeder Gegenstand wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.« Zajonc erklärt diesen Satz so: »Wenn wir wiederholt unsere Aufmerksamkeit auf ein Objekt richten, dann wirkt dies in erstaunlicher und kraftvoller Weise auf unseren menschlichen Organismus zurück. Durch die kontemplative Praxis entwickelt sich der Mensch, oder man könnte sagen, er wird geformt. … Was durch dieses neue Organ, das durch den wiederholten Akt des Aufmerksamseins geformt wird, verstand Goethe als Einsicht.« (In wissenschaftlichen Studien der Veränderung im Gehirn durch kontemplative Übungen konnte eine Formung des Gehirns, Neuroplastizität genannt, auch ganz physisch festgestellt werden.)
In Zajonc‘ Arbeit mit einer kontemplativen oder integrativen Pädagogik führt er das kontemplative und meditative Element ganz praktisch in die Lehre an Universitäten ein. Er war Leiter des Center for Contemplative Mind in Society, das heute mit über 2500 Mitarbeitern in Universitäten in den USA und darüber hinaus zusammenarbeitet, die kontemplative Übungen in ihren Unterricht aufnehmen. Und er ist Mitbegründer der Association for Contemplative Mind in Higher Education, die konkrete Impulse für eine kontemplative Bildung an den Hochschulen gibt. Und auch in Deutschland gibt es eine zunehmende Bewegung, meditative Übungen und Achtsamkeit in die Pädagogik zu integrieren.
Zajonc‘ Vision einer Epistemologie der Liebe geht hierbei aber wohl weiter als viele der Ansätze, Achtsamkeitsübungen oder Yoga in den Unterricht aufzunehmen. Der Sinn einer kontemplativen Pädagogik ist für ihn: lieben lernen. Oder wie es Krishnamurti ausdrückt: »Bildung bedeutet nicht nur, Prüfungen zu bestehen …, sondern in der Lage zu sein, den Vögeln zuzuhören, den Himmel zu sehen, die unglaubliche Schönheit eines Baumes zu sehen und die Form der Hügel. Und mit ihnen zu fühlen und wirklich, unmittelbar mit ihnen in Berührung zu sein.«

Bildung von innen

Bildung ist Entwicklung der Seele, in Freiheit und Liebe. Jeder von uns ist ein einzigartiges seelisches Wesen, das aus der innewohnenden Freiheit schöpfend der Welt in Liebe begegnet und durch diese Begegnung verwandelt wird, sodass immer mehr Qualitäten einer umfassenden Wirklichkeit – Wahrheit, Güte und Schönheit – durch uns hindurchscheinen können. Dieses Bild von Bildung, das sich hier aus einer mystisch inspirierten Perspektive zeigt, ist sicher für alle von uns individuell und für eine wie auch immer organisierte Bildung eine Zukunftsaufgabe, eine Vision des Möglichen. Sie deutet auf eine Bildung hin, die heute weit verbreitete kulturelle Werte wie Egoismus, Wirtschaftlichkeit und Konformität aufbrechen kann und ihnen die Vision einer Kultur der ko-kreativen Verbundenheit, seelischen Entfaltung und Freiheit entgegensetzt. Hier zeigt Bildung ihr revolutionäres kulturelles Potenzial.
Der Impuls des Lernens in uns kommt aus der Tiefe unseres Wesens und ist, so könnte man sagen, die Neugier des Lebens nach sich selbst. Dieser tiefinnerste Impuls kann nicht instrumentalisiert, ökonomisiert und konform gemacht werden, er ist der freie Ort in uns, in dem das Leben durch uns wachsen kann. Dann können wir ein Bewusstseinsraum sein, in dem sich das Leben seiner selbst bewusst wird und sich schöpferisch lernend der Zukunft öffnet.

 

Info zum Thema:

www.sriaurobindointernationalschool.org
www.brockwood.org.uk
www.arthurzajonc.org

 

Erschienen in Ausgabe 14 / 2017: LEBEN LERNEN – Bildung und die Entwicklung unserer Seele

Von der Trennung zur Umarmung

Über Stadt-Land-Nomaden, Ausheimische und lebendige Beziehungskörper

Wir alle haben unsere Ideen darüber, was das Leben in der Stadt und auf dem Land bedeutet. Es ist vielleicht Zeit, diese Annahmen radikaler zu hinterfragen, als wir es gewohnt sind und uns lieb ist. Dafür lohnt ein Blick auf innovative Projekte, die überraschend, einfühlsam und ko-kreativ mit neuen Lebensorten experimentieren, die nicht mehr in unsere bisherigen Schubladen passen.

Vor einiger Zeit war ich im Prinzessinnengarten in Berlin, einer grünen Oase mitten in Kreuzberg. Ich war beeindruckt von der Ausstrahlung dieses Ortes, der mehr ist als ein Areal für Urban Gardening, das ja schon seit einiger Zeit ein Trend ist. Natürlich gibt es hier ausgedehnte Gartenflächen, die mit ihrem lebendigen Grün, den Blüten und Früchten eine Erholung und Belebung nach einem Weg durch die Stadt ist. Aber darüber hinaus ist es auch ein Bildungs- und Begegnungsort für den umliegenden Kiez. Die Bewohner können hier Seminare zu Permakultur besuchen, es gibt viele Angebote für Kinder, um z. B. das Leben der Bienen kennenzulernen, ein Café lädt zum Verweilen oder Arbeiten unterm Blätterdach ein. Es hatte etwas von einem Dorf, in dem jeder willkommen ist, der nach Natur in der Stadt sucht. Sei es als Besucher, Seminarteilnehmer, Käufer von Obst, Gemüse und Selbstgemachtem oder als GärtnerIn, die sich um ein Stück des Gartens kümmert.
An diesen Besuch erinnerte ich mich, als wir für diese Ausgabe über Stadt und Land sprachen. Und darüber, welche Ansätze es gibt, um diese beiden Lebensbereiche zu verstehen und zu einer zukunftsfähigen Durchdringung zu bringen. Deshalb sprach ich mit Menschen, von denen ich wusste, dass sie in unterschiedlicher Weise an einer solchen Integration arbeiten. Dabei habe ich viele Ideen, die ich über das, was Leben in der Stadt und auf dem Land ist und sein könnte, über Bord geworfen. Und wir wurde zunehmend klar, dass wir als Einzelne und als Gesellschaft diese Annahmen heute neu hinterfragen müssen, denn die ökologischen, sozialen, politischen und spirituellen Herausforderungen, vor denen wir stehen, rufen nach Antworten, die über ein trennendes Denken hinausgehen. Gerade auch junge Menschen leben zunehmend nicht mehr in diesen binären Kategorien von Stadt und Land, sonden gestalten Lebensorte, an denen sich die Grundqualitäten von Stadt und Land integrativ verbinden. Es sind Experimente und Prototypen, die unser Verständnis und unsere Erfahrung von Lebensräumen grundlegend transformieren können. In diesem Artikel möchte einige dieser kulturellen Biotope besuchen, um den Zukünften nachzuspüren, die sich darin zeigen könnten.

Die Stadt als mentaler Raum

Städte sind immer auch ein Ort für kreative soziale Experimente. Berlin ist heute bekannt für eine solche Aura der Kreativität, die Künstler, innovative Denker und Start-up-Unternehmer aus aller Welt anzieht. Für den Transformationsgestalter Matthias Ruff ist Berlin dadurch besonders in der Lage, neue Denk- und Lebensansätze für eine krisengeschüttelte globale Welt zu generieren. Das ist das Ziel seines Projekts »House of Transformation Berlin«, das die in der Stadt gebündelte schöpferische Kraft intensivieren, nutzen und weiterführen will. Der Schwerpunkt liegt auf einer neuen Kultur des Lernens und der Wissensfindung auf Augenhöhe, die von Achtsamkeit, Empathie, künstlerischer Freiheit und Ko-Kreativität geprägt ist. Die Stadt könne so zu einem »mentalen Raum« werden, »einem Raum, in dem sich die Gegenwart aus der Zukunft denkt«.
Für Ruff ist Berlin prädestiniert für solch ein Transformations-Biotop, weil es in seiner Geschichte schon oft diese Rolle übernommen hat: »Vom Berlin der Aufklärung Friedrichs des Großen über die >goldenen< 1920er Jahre bis ins gegenwärtige Nachwende-Berlin mussten in der Stadt stets lokale Lösungen für globale Probleme gefunden werden«, erklärt er. Und gegenwärtig hat sich hier durch die vielen Netzwerke, kreativen Labore und Hubs ein »Humus prozessualer Grundbedingungen« gebildet, aus dem heraus neue Impulse erwachsen können. Deshalb sollen bei den geplanten Veranstaltungen, Projektwochen und Zukunftswerkstätten des House of Transformation auch Methoden genutzt werden, die eine kollektive Intelligenz zugänglich machen, wie die Theorie U von Otto Scharmer, das World-Café oder der bohmsche Dialog.
Mit dieser Initiative möchte Ruff die Fragmentierung, die er zwischen verschiedenen Forschungsbereichen, zwischen Philosophie, Kunst, Spiritualität und sozialer Transformation sieht, in eine Integration bringen, aus der in einem offenen künstlerischen Begegnungsprozess neue Antworten auftauchen können. So kann die Vielzahl der verschiedenen Perspektiven nicht nur nebeneinanderstehen, sondern in wechselseitiger Durchdringung unbekannte Horizonte öffnen. Diese Prozesse sollen an Berliner Orten stattfinden, die dieses integrative Credo anklingen lassen, wie das Silent Green Kulturquartier, das Kunstschaffende verschiedener Disziplinen zusammenführt, oder das Kunst- und Kulturzentrum Reinbeckhallen.

Dorf in der Stadt

Interessant am Beispiel Berlin ist auch, dass sich die Lebenswelten dieser kreativen Szenen in Kiezen organisiert, die vielfach quasi dörfliche Strukturen entwickeln. Ruff beschreibt, wie ein brasilianisches Bistro um die Ecke, in dem sich Berliner aus aller Welt treffen, für ihn zum zweiten Wohn- und Arbeitszimmer und Knotenpunkt der Kommunikation und Begegnung geworden ist. Etwas organisierter zeigt sich dieser Trend in den vielen Co-Working-Projekten und Hubs, aber auch in den Initiativen zum Urban Gardening, wie die »Stadtfarm« oder der »Prinzessinnengarten«. Hier kann man nicht nur Gemüse kaufen, sondern man kann die Lebendigkeit und Rhythmen der Natur erfahren und sich in einem natürlichen Lebensraum begegnen. Die Natur wird nicht mehr als etwas wahrgenommen, was vor den Toren der Stadt beginnt, sondern als eine Grundwirklichkeit unseres Daseins, für die es auch in urbanen Lebensstilen Entfaltungsmöglichkeiten gibt.
Was für Möglichkeiten das sein können, untersucht das Forschungsdorf »Floating University«, das vom Architektur-Kollektiv »Raumlabor Berlin« geschaffen wurde. Auf einem Regensammelbecken des Tempelhofer Feldes ist in Zusammenarbeit mit 20 Universitäten ein temporärer Forschungscampus entstanden, mit Gemüsegarten, Bar, Studienräumen, einer Kinderuniversität, einem Laborturm und einer selbst gebauten Wasserfilteranlage. Bis September soll es ein Ort für Studierende aus aller Welt sein, aber vor allem auch für die Kiezbewohner, an dem die Zukunft der Stadt neu gedacht und gelebt werden kann. Im Zentrum dieses Projekts steht der interdisziplinäre Austausch, weil Stadtentwicklung für die Initiatoren ein »Polylemma« ist: Wir haben es mit einer Komplexität zu tun, die eine Disziplin nicht erfassen kann. Deshalb steht auch hier der Dialog im Mittelpunkt und es arbeiten beispielsweise Stadtentwickler mit Tänzern und Musikern zusammen.
Es scheint, dass in diesen Projekten im »Labor Stadt« das Erleben und Erforschen natürlicher Lebendigkeit und ökologischer Regenerationsprozesse mit der Schaffung kultureller Zukunftsbiotope zusammenfindet. Hier deutet sich eine organische Integration von Kultur und Natur an, die uns vielleicht den dialogischen Raum eröffnet, aus dem heraus sich unser Bewusstsein und unsere Lebensweise transformieren können. Damit auch wir als Individuen und als Gesellschaft zu einer neuen Synthese von kultureller Kreativität und ökologischer Nachhaltigkeit finden.

Stadt im Dorf

Ein anderer Ausdruck dieser integrativen Bewegung ist, dass solche kreativen Stadt-Communites oft auch eine rege Beziehung mit dem Umland entwickeln. Denn sie suchen nach neuen Wegen, um in der Begegnung mit der Natur Inspiration, inneren Ausgleich, Lebensverbundenheit und auch Sinnräume zu finden. »Stadt-Land-Nomaden« nennt sie Janosch Dietrich, der Mitgründer von »Coconat – community and concentrated work in nature« in der Nähe von Berlin. Hier kann man sich für eine bestimmte Zeit einmieten, um in naturnaher Umgebung, in einer kreativen Community an eigenen oder gemeinsamen Projekten zu arbeiten: Workation, eine Mischung aus Work und Vacation.
Franziska Kohler (S. 69) lebt seit Kurzem fest im Coconat, auf dem Gelände entsteht gerade ihr Tiny House. Vorher hat sie in der Nähe von Wien das Projekt »Dorfplatz« mit aufgebaut, ein sozio-ökonomisches Zentrum für kooperatives Arbeiten, Lernen und Leben mit Werkstätten für KunsthandwerkerInnen, einem Gemeinschaftsbüro, einem Repair-Café, einem Foodcoop (eine Lebensmitteleinkaufsgemeinschaft) und einer gemeinschaftlich genutzten Infrastruktur. In Zukunft möchte sie als Beraterin für ländliche Innovation noch einen Schritt weitergehen. Ihre Vision ist es, dass junge, kreative Menschen sich gemeinsam in einem ländlichen Raum ansiedeln, neue Gemeinschafts- und Arbeitsstrukturen entwickeln und damit neu gestalten, was Landleben heute sein kann. »Gründen im Grünen« heißt ihr Projekt, für das sie in der Nähe des Coconat ein Pilotprojekt starten möchte, das dann in anderen Regionen übernommen werden kann. Ein Aspekt des Projekts ist auch, die Teilnehmer bei der Verwirklichung von unternehmerischen Ideen und Start-ups auf dem Land zu begleiten. Diese Initiative ist Teil eines Smart-Village-Förderprogramms in der Region um Bad Belzig, bei dem die neuen Möglichkeiten digitaler Vernetzung für den ländlichen Raum erprobt werden.
Für Franziska Kohler ist dieses Projekt ein weiterer Schritt, ländliche und natürliche Räume nicht nur zum Aufatmen vom Stadtstress oder als konzentriertere Arbeitsumgebung zu nutzen, sondern auch Verantwortung für einen Ort und seine Natur und Kultur zu übernehmen. »Was braucht es, um in eine vertiefte Naturerfahrung zu kommen?«, fragt sie, und antwortet: »Für mich gehört beispielsweise dazu, Verantwortung für den Garten zu übernehmen, oder wenn ich jeden Tag im Wald spazieren gehe und sehe, wie er sich verändert, und welche Tiere und Pflanzen dort leben.« Für sie gehört dazu aber auch, die Verödung und Vereinsamung vieler Dörfer wirklich zu spüren und daraus den Handlungsimpuls zu finden, ländliche Räume neu zu gestalten. Und sie erhofft sich von solch neuen Lebensorten auf dem Land einen heilsamen Einfluss auf das Leben in der Stadt, wenn Menschen bemerken, dass sich das Leben nicht an Konsum, Leistung und Unterhaltung orientieren muss, sondern tiefere Quellen der Zufriedenheit spürbar werden. Denn, so Kohler, »auch in der Stadt ist es möglich, Dorfstrukturen und Naturbezug zu etablieren und aus der Anonymität herauszutreten. Und auch wenn man auf dem Land lebt, kann man in einem urbanen Mindset bleiben, Innovationen voranbringen und sich mit spannenden Leuten vernetzen.«
Ähnliche Erfahrung hat den Prozessbegleiter und »intellektuellen Schamanen« Adrian Wagner dazu bewogen, in das Projekt »Waldraum« in der Nähe von Freiburg zu ziehen. Auch hier haben sich Menschen zusammengefunden, um in der Natur zu leben, zu arbeiten und kreative Entwicklungsräume zu gestalten. Wagner beschreibt, wie sich sein Lebensgefühl durch diesen Umzug verändert hat: »Ich spüre, dass ich viel elementarer mit der Natur verbunden bin. Ich sehe, wie sich die Bäume und Pflanzen im Laufe der Zeit verwandeln und erlebe mich selbst als tiefer und voller verkörpert.« Wagner sieht den Ort auch als einen »Landeplatz« für Digitale Nomaden, zu denen er sich selbst zählt. Als jemand, der für seine Doktorarbeit und verschiedene Projekte viel auf Reisen ist, bietet dieser Ort in der Natur eine Verwurzelung. Der Community im Schwarzwald ist es dabei auch wichtig, einen guten Kontakt zu den Einheimischen zu entwickeln, damit solch ein Projekt nicht wie ein Fremdkörper in einem dörflichen Gefüge wird, sondern zu einem belebenden integralen Organ.

Potenzialentfaltungsgemeinschaften

Solche belebenden Orte im ländlichen Raum wie der Waldraum, das Coconat oder der Dorfplatz können vielleicht die wichtige Rolle von Lebensimpulsen übernehmen, um neue Kreativität und Innovation in dörfliche Strukturen zu bringen. Die Dokumentarfilmerin Teresa Distelberger arbeitet gerade an einem Film zu »Dorfsterben und Dorfleben« in Österreich und muss feststellen, dass viele Dörfer durch Abwanderung, Industrialisierung und demografischen Wandel ihr Leben verlieren: Handwerker und Kleingewerbe können sich kaum mehr halten, Schulen und Gemeinden werden zusammengelegt, die Ortszentren veröden, die Arbeitsmöglichkeiten schwinden, die Menschen fühlen sich abgehängt. Distelberger ist der Ansicht, dass wir eine neue Solidargemeinschaft zwischen Stadt und Land entwickeln müssen und dafür braucht es kreative Ideen.
Wie etwa die Initiative »Ausheimische« des Architekten Roland Gruber, mit der versucht wird, die Beziehung zwischen Menschen, die ländliche Gebiete verlassen, und ihrer Heimat nicht abreißen zu lassen, sondern kreativ zu nutzen. Für beide Seiten: Die Dörfer erhalten Zugang zur Innovationskraft dieser »Ausheimischen« und diese wiederum können die Verbindung mit ihren Wurzeln pflegen. Denn, so Distelberger, »Dörfer sind im Grunde Beziehungskörper«. Und wir müssen wohl wieder lernen, wie wir sie pflegen können, und etwas entwickeln, was der Neurowissenschaftler Gerald Hüther »Kommunale Intelligenz« nennt. In seinem Buch mit diesem Titel schreibt er: »Was Kommunen also brauchen, um zukunftsfähig zu sein, wäre eine andere, eine für die Entfaltung der in ihren Bürgern angelegten Potenziale und der in der Kommune vorhandenen Möglichkeiten günstigere Beziehungskultur. Eine Kultur, in der jeder Einzelne spürt, dass er gebraucht wird, dass alle miteinander verbunden sind, voneinander lernen und miteinander wachsen können.« Auf dieser Grundlage können Kommunen zu »Potenzialentfaltungsgemeinschaften« werden.

Sehnsucht und Zugehörigkeit

Der irische Philosoph John O’Donohue wies darauf hin, dass Sehnsucht und Zugehörigkeit – longing and belonging – Grundbedürfnisse unseres Herzens sind. In meinen Gesprächen mit Menschen, die nach neuen Umarmungen zwischen Stadt und Land suchen, hatte ich den Eindruck, dass sie in sich auf dem Weg sind zu einer Integration dieser beiden Lebensimpulse: die Sehnsucht nach freier Entfaltung der eigenen Person und Potenziale und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft; die Sehnsucht nach globaler Vernetzung und die Zugehörigkeit zu einem Ort bzw. Orten; die Sehnsucht nach der unbekannten Zukunft und die Zugehörigkeit zu einem gewachsenen Lebensraum.
Solch eine Integration hat auch eine politische, soziale und letztlich bewusstseinsmäßige Dimension. Franziska Kohler spricht darüber, wie sie ihre Vorurteile gegenüber den Dorfbewohnern abbauen musste, um den Menschen dort wirklich zu begegnen, sie wertzuschätzen und ihre Sicht der Welt als Bereicherung zu erfahren. In Zeiten, wo das Thema »Heimat« wieder neu diskutiert wird, ist es wichtig, dass es auf die Frage nach der Zugehörigkeit nicht nur regressive und angstbestimmte Antworten gibt, wie sie Rechtspopulisten geben. Und in einer Welt, die von materialistischen Werten, der Suggestivkraft digitaler Medien und einem Sinnvakuum geprägt ist, stellt sich auch die Frage unserer Sehnsucht neu. Wer können wir als Menschen sein? Und wofür? Als Ausdruck eines Lebens, das sich in der elementaren Lebendigkeit der Natur genauso offenbart, wie in der schöpferischen Lebendigkeit unserer kulturellen Kreativität.
Deshalb werden solche Initiativen zur Vernetzung und Umarmung von Stadt und Land dringend gebraucht, damit wir gemeinsam neue Ausdrucksformen von Sehnsucht und Zugehörigkeit finden, die dem Potenzial unseres Menschseins auf diesem Planeten wirklich gerecht werden. Um mehr und mehr zu erfahren, was John O’Donohue in poetische Worte fasst: »Wir sehnen uns danach, zu erkennen, wer wir sind, um zu freien und mitfühlenden Menschen zu werden. Leben bedeutet, von Sehnsucht erfüllt zu sein. Es ist tröstlich, dass wir alle in der allumfassenden Umarmung der Erde leben und handeln. Wir können nie aus dem Schutz dieser Zugehörigkeit herausfallen.«

 

Webseiten zum Thema: www.silent-green.net www.reinbeckhallen.de www.stadtfarm.de www.prinzessinnengarten.net www.floatinguniversity.org www.coconat-space.com www.dorfplatz-staw.net www.waldraum-freiamt.de www.ausheimische.at

Erschienen in Ausgabe 19 / 2018: Stadt & Land – Lebendige Lebensräume

Von der DDR in die Freiheit und weiter

Erfahrungen zwischen Individualität und Gemeinschaft

In einer biografischen Kontemplation folgt evolve-Redakteur Mike Kauschke der Dynamik zwischen der Verwirklichung des eigenen Selbst und der Verbundenheit in Gemeinschaft.

 Mein Weg begann in einem Land, in dem Gemeinschaft und Kollektiv einen großen Wert hatten und im Grunde alle Lebensbereiche formten. Ich bin in der DDR aufgewachsen, dem Land des „real existierenden Sozialismus“. Zu Beginn hier kurz zur Erinnerung, mit welchen vielversprechenden Worten Marx und Engels ihr Ideal von individueller Entwicklung und Gemeinschaft beschrieben: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Denn in „der wirklichen Gemeinschaft [erlangen] die Individuen in und durch ihre Assoziation zugleich ihre Freiheit“.
Wenn uns in der Schule damals die Vision des Sozialismus und des Kommunismus erklärt wurde, ging mir das Herz auf: Eine Gesellschaft, in der die Menschen freiwillig ihre Bedürfnisse reduzieren, damit alle genug haben. Wo Solidarität über brutalen Eigeninteressen steht. Wo man schließlich kein Geld mehr braucht, weil jeder nur das nimmt, was er braucht. In einer Welt, wo mir die Angst vor einem Atomkrieg manchmal schlaflose Nächte bereitete, schien das wirklich wie der Himmel auf Erden. Solche Ideale waren es doch wert, die eigenen Interessen, Wünsche, Sehnsüchte etwas zurückzustellen. Warum so egoistisch sein, wenn doch die Zukunft der Erde auf dem Spiel steht!

Raus aus dem Wir

Bei mir ging das solange einigermaßen gut, bis in der inneren Revolution namens Pubertät etwas immer nachdrücklicher auf sich aufmerksam machte: das Aufdämmern des Ich. Wie wohl jeder junge Mensch erlebte ich den krassen Konflikt zwischen dieser aufkeimenden Individualität und den Grenzen der Gesellschaft. Nur waren im Arbeiter- und Bauernstaat diese Grenzen so eng, dass jeder individuelle Impuls sofort an Wände lief. An äußere Wände, wie die extrem eingeschränkten Möglichkeiten, frei eigenen Interessen zu folgen. Musik, Literatur, Filme, Ideen: alles gefiltert durch den Blick der „Linientreue“. Und an innere Wände: die Angst, anzuecken oder von Autoritäten missbilligt zu werden. Und ja, auch Angst, die doch eigentlich gute Sache des Sozialismus zu verraten.
Gerade als dieser Drang zu individueller Entfaltung den Zweifel an einem Wir wachsen ließ, das scheinbar seine Kraft daraus zog, dass der Einzelne sich unterordnet und zurücknimmt, brach es auch schon zusammen. Der Konflikt, der da in meiner jungen Psyche aufbrach, hatte in einem weitaus reiferen Stadium auf den Straßen von Leipzig und Berlin die Übermacht des gesellschaftlichen Wir zu Fall gebracht – mit einem Ruf, der diesem Wir klarmachte, wer es eigentlich ist: „Wir sind das Volk“. Die Sehnsucht nach Freiheit, nach der Würde des Einzelnen, hatte die Mauer zu Fall gebracht. Meine erste Amtshandlung war eine Fahrt nach West-Berlin, um von den 100 D-Mark Begrüßungsgeld die subversive Musik zu kaufen, die in der DDR unerhört gewesen war.

Verloren im Ich

Aber was macht ein Ich, das die Grenzen des Wir gewohnt war, erlitten und bekämpft hat, mit der neu gewonnenen Freiheit? Wie schwer es sein kann, ein Ich zu sein, wenn man in einer Wir-Gesellschaft aufgewachsen ist, führte mir vor Kurzem wieder der Kinofilm „Als wir träumten“ von Andreas Dresen vor Augen, in dem es um Jugendliche in Leipzig geht, die zur Wende etwa in meinem Alter waren, so um die siebzehn. Der plötzliche Zusammenbruch der Strukturen und Werte wirft sie in die neue Freiheit und den Rausch von Technosound, Drogen, Sex und Gewalt, aber auch schon sehr bald in die innere Leere. Am Ende des Films erscheinen sie alle ausgebrannt von zu viel Freiheit, die ihren Sinn noch nicht gefunden hat. In seinem Buch „Vom Gebrauch der Freiheit“ schreibt der Theologe, Philosoph und Politiker der Wendezeit Richard Schröder über diese Erfahrung: „Die Sehnsucht nach der Freiheit kann hinter Mauern so unermesslich anwachsen, dass die Wirklichkeit der Freiheit nicht halten kann, was man in sie gesetzt hatte. Die ersehnte Freiheit ist noch nicht die gebrauchte Freiheit.“ Freiheit bedeutet ja auch, dass wir nun selbst herausfinden müssen, wie wir unser Leben leben wollen, welche Werte uns wichtig sind. Für diesen Gebrauch der Freiheit braucht es ein entwickeltes Ich.
Als die DDR zerfiel, spürte ich auch in mir, dass die Entwicklung eines Ich harte Arbeit ist. Wohl umso mehr, wenn man es nie „gelernt“ hat und es eine Art inneren Aufpasser gibt, der davor warnt, sich zu sehr zu exponieren. Wie groß mein „Rückstand“ in dieser Richtung war, erlebte ich ziemlich eindrücklich bei meinem ersten Besuch in Freiburg, der deutschen Hochburg der Postmoderne. Die jungen Menschen, die ich dort traf, waren so individuell, wussten es und waren stolz darauf. Eine Freizeitbeschäftigung erschien für mich damals schillernder als die andere, von Tantra über Tango bis zu Neumondschwitzhütte und Kontaktimprovisation. Aber als ich eine Weile dort lebte, merkte ich auch, wie verloren wir in dieser Individualität sein können. Was verbindet uns noch, wenn jeder seinen eigenen Weg geht und an seinem eigenen Projekt der Selbstverwirklichung arbeitet und andere Menschen nur noch zu Statisten in diesem persönlichen Drama werden?

Spirituelle Gemeinschaft

Eine ganz neue Perspektive auf Ich und Wir erfuhr ich dann in ersten spirituellen Erfahrungen, die ich in der Zen-Meditation machte. Es war die Erfahrung eines tiefen Nach-Hause-Kommens in einen inneren Raum, der weit tiefer liegt als das persönliche Ich. Ja, in der Freiheit von den herkömmlichen Ich-Bezügen wie Biografie und Geschichte dämmert eine befreiende und weitende Bewusstheit auf. Für mich eröffnete diese Erfahrung eine neue Welt. Wer ich als Individuum war, schien plötzlich eingebunden in einen Raum der Unendlichkeit und Freiheit. Und ich spürte eine tiefe Sehnsucht, in diesen Raum tiefer einzudringen. Ich fragte mich, wie wäre es, mit Menschen in einem Wir zu sein, die die gleiche Erfahrung machen und diese Sehnsucht teilen. Dieser Wunsch führte dazu, dass ich zwei Jahre in Zen-Zentren in Deutschland und den USA lebte. Es war eine große Erfüllung, weil ich plötzlich eine für mich ganz neue Form von Gemeinschaft erlebte. Sie basierte nicht auf gesellschaftlichen Konstellationen, Familie oder Freundschaft, sondern auf dem geteilten Anliegen, gemeinsam spirituell zu praktizieren und ein Leben zu leben, das die Tiefe und Freiheit, die wir in der Meditation erfahren können, in die Welt bringt. Eine Zeit lang war dies auch wirklich meine Erfahrung. Das Wir formte sich aber nicht nur aus gemeinsamer Praxis und Arbeit, sondern auch aus dem Eingebundensein in eine Tradition. Obwohl meine Lehrer damit experimentierten, die Zen-Tradition ins 21. Jahrhundert zu übersetzen, war dies immer noch der Rahmen. Langsam kamen mir Zweifel, ob diese traditionelle Form für uns Menschen im Westen wirklich angemessen ist. Bei all der tiefen Freude und Freiheit, die ich in der Meditation erfuhr, spürte ich doch kreative eigenständige Impulse, für die im Rahmen dieser Tradition kein Platz zu sein schien. Als ich dann trotz spiritueller Gemeinschaft merkte, wie es zu ständigen Ego-Konfrontationen kam und wie sich im Zusammensein auch individuelle Schattenaspekte zeigten, wurde klar, dass ich diese Lebensform verlassen musste und wollte.

Geist zwischen Menschen

Durch den Abschied von der spirituellen Gemeinschaft merkte ich schließlich, dass wohl auch ich noch an meinen eigenen individuellen Schatten arbeiten musste. Ich experimentierte mit verschiedenen Therapieformen, machte Selbsterfahrung, begann zu schreiben. Für mich war es die Suche nach meinem eigenen kreativen Ausdruck. Dieses Anliegen wurde auch zum Kontext der meisten meiner Beziehungen. Obwohl ich weiter meditierte, verlor ich doch den Zugang zu der spirituellen Tiefe, die ich so sehr schätzen gelernt hatte. War es nicht möglich, als Mensch kreativ und unabhängig zu sein und trotzdem diese innere Freiheit zu bewahren? Bald schon nahm ich mit dieser Frage meine spirituelle Suche wieder verstärkt auf und landete schließlich bei einem Retreat mit Andrew Cohen. Er setzte die spirituelle Erfahrung in den Kontext der Bewusstseinsevolution und deutete nicht nur auf meditative Einheitserlebnisse, sondern auch auf die Kreativität unseres Menschseins, in der sich ein tieferer schöpferischer Impuls zeigt. Für mich kamen zwei Dimensionen zusammen, die bisher immer gegeneinander standen: die Erfahrungen der Einheit im meditativen Bewusstsein und die einzigartige Individualität mit der eigenen kreativen Energie. Dort machte ich auch Wir-Erfahrungen, die anders waren als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. In spontanen Gesprächen während des Retreats war plötzlich eine lebendige Kreativität und Intimität zwischen Menschen spürbar, die sich kaum kannten. In diesen Gesprächsrunden erlebte ich die Freiheit der Meditation und die brennende freudvolle Kreativität wie in eins gesetzt. Für mich zeigte sich da eine ganz neue Möglichkeit von Wir.

Authentisch werden

Als ich mich mehr auf dieses Wir einließ, wurde bald deutlich, von was es genährt wird: von der eigenen Authentizität. In solch einem spirituell aufgeladenen Wir merkte ich, dass alles, was aus meinem konditionierten Verstand kam, nicht ankam, nicht in diesen Raum passte. Diese Erfahrungen wurden zu einer spirituellen Krise, weil ich ahnte, dass ich innerlich an einen Punkt der Transparenz kommen musste, den ich noch nicht kannte. Statt wirklich in die Tiefe meiner Erfahrung zu gehen, versuchte ich, mich diesem neu gefundenen Wir anzupassen. Doch das funktionierte nicht, weil dieses Wir nur aufscheinen konnte, wenn alle Beteiligten aus innerer Freiheit und eigener Erfahrung sprachen und nicht aus den Konditionierungen des Verstandes. Es wurde klar, dass ich, um in diesem Wir lebendig sein zu können, noch viel tiefer zu mir selbst finden musste, zu meiner eigenen Stimme, meinem eigenen Ausdruck.
Paradoxerweise stellten sich diese befreienden Momente wirklicher Authentizität gerade dann ein, als ich mich in gewisser Weise nicht mehr darum kümmerte, wie meine eigenen Impulse im Wir der Gemeinschaft ankamen. Wahrscheinlich muss man sich einmal wirklich ganz allein, wirklich völlig auf sich selbst gestellt empfinden, um zu einer neuen Tiefe in sich selbst durchzubrechen, aus der dann die eigene Stimme hervorkommt, der es egal ist, wie andere auf sie reagieren. Gerade weil man sich dann nicht mehr durch die Reaktion der anderen definiert, ist man frei. Auch frei, jetzt als einzigartiges Ich das Wir mitzuformen. Als diese authentische Stimme lauter und vernehmbarer wurde, erlebte ich immer intensiver die Erfahrung eines heiligen Wir-Raums, wo man wirklich das Gefühl hat, dass durch die Beteiligten ein Bewusstsein spricht, das von der radikalen Autonomie der Anwesenden abhängt. In diesem Wir-Umfeld zeigte sich aber auch, dass die Unabhängigkeit, die in uns aufbrach, in einer traditionell gefärbten Lehrer-Schüler-Kultur verblieb, die auf starren Strukturen beharrte. Die Lebendigkeit, die sich im Wir entwickelte, rieb sich an dieser Enge. Schließlich wurde klar, dass die Autonomie der Einzelnen nicht mehr in solchen Strukturen leben konnte. Weil die Strukturen die Freiheit und Dynamik des Wir nicht mehr halten konnten, zerfielen sie.

Ein Prozess

Heute sind für mich all diese Erfahrungen der Dynamik zwischen Ich und Wir die Inspiration für den Versuch, Freiheit und Verbundenheit als ein kreatives Wechselspiel zu leben. Denn wenn ich auf meinen Weg durch verschiedene Formen von Gemeinschaft zurückblicke, habe ich den Eindruck, dass er einer Spirale folgt, die immer engere Kreise zieht. Ich und Wir kommen sich immer näher. Ein lebendiges Wir ist nur möglich, wenn sich freie, selbstverantwortliche Persönlichkeiten begegnen. Und je individueller sie sind, desto größer ist das Potenzial für kreative Begegnung. Vielleicht ist ja die Trennung zwischen Ich und Wir auch etwas, über das wir im Laufe unserer Bewusstseinsevolution hinauswachsen werden – beziehungsweise wir erkennen, dass sie eigentlich nie real war.
Denn bin ich, wenn ich diese Zeilen schreibe, nun eigentlich im Ich oder im Wir? Natürlich sitze ich hier und schreibe, es ist mein Anliegen, mein kreativer Impuls. Aber während des Schreibens denke ich auch mit Dankbarkeit an all die Menschen, denen ich auf meinem Weg begegnen durfte, ich habe Sie als Leser in der Aufmerksamkeit oder meine Kollegen von der Redaktion, denen ich die Anregung zu diesem Artikel verdanke. Doch diese Zeilen würden sich nicht schreiben, wenn ich nur an all diese Verbundenheiten denken würde. Ich muss es tun.
Wenn es so etwas wie eine neue Stufe unserer Bewusstwerdung gibt, dann wird sie sich meiner Erfahrung nach als eine wunderbare Integration von Ich und Wir entfalten, in der die Polarität in einer dynamischen Einheit aufgehoben sein wird. Das bedeutet dann gewissermaßen, dass wir als Individuum unsere Eingebundenheit in ein größeres Wir nicht mehr verlassen. Und als Beteiligte in einem Wir unser einzigartiges Ich-Sein nicht mehr aufgeben. Ich und Wir werden zu einer Bewegung, die nur lebendig bleibt, wenn wir nicht an einem dieser beiden Aspekte festhalten. Dann kann man vielleicht von einem erwachten Ich-Wir sprechen: Wir erwachen zu dem einen Prozess, in dem Ich und Wir, Individualität und Gemeinschaft, nur zwei Facetten unseres sich entfaltenden Bewusstseins sind.

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Erschienen in Ausgabe 06 / 2015: WIR-RÄUME – Die Transformation unserer Beziehungen

Alexis Sorbas, entspannte Griechen und der Preis der Voreingenommenheit

Gedanken einer Reise

Die Griechenlandkrise ist wohl nur ein Symptom für die Frage, wie wir in Zukunft in Europa in einem globalen Kontext zusammenleben wollen. Diese Frage hat sich evolve-Redakteur Mike Kauschke während einer Griechenlandreise in diesem Sommer auch gestellt – und gemerkt, wie groß und komplex sie ist.

 

Griechenland bestimmt momentan nur noch am Rande die Schlagzeilen, die Flüchtlingskrise steht im Hauptfokus – und dabei vor allem unsere. Denn gerade Länder wie Griechenland oder Italien erleben diese Krise schon länger hautnah. Der Umgang mit den Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, und der Umgang mit verschuldeten Staaten wie Griechenland hat in Europa zu Konflikten geführt und die Frage nach dem, was uns verbindet, neu gestellt. Im Kontext eines globalen Dialogs sehen wir, dass schon die Begegnung mit unseren kulturellen Nachbarn eine Herausforderung ist. In einer positiven Perspektive bietet diese Auseinandersetzung aber auch den Raum, um neu darüber nachzudenken, wie wir in Europa künftig zusammenleben wollen. Dazu gehört auch, dass wir die Menschen, mit denen wir das tun wollen, besser verstehen lernen. Wie bei jedem Dialog erfordert dies aber auch eine Haltung, in der Stereotypen und Vorurteile zur Seite fallen, um den Blick freizumachen für eine gemeinsame Zukunft. Für mich war deshalb eine Reise in diesem Sommer nach Griechenland auch die Begegnung mit einem Land, das ich bisher vor allem aus den aktuellen Zeitungsberichten kannte.
Ein wichtiger Aspekt dieser Begegnung wurde für mich, mehr über die Geschichte Griechenlands zu erfahren. Dadurch erhielt ein bisher ziemlich flaches Bild des Landes Tiefe, Konturen und Menschlichkeit. Ich konnte gegenwärtige Tendenzen nachvollziehen und verstehen, was nicht heißt, sie einfach gut zu heißen. Ohne solch ein historisches Bewusstsein ist es schwierig, sich in eine andere Kultur tiefer einzufühlen. Ganz im Sinne des italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der sich, wie wir später noch sehen werden, gerade viele Gedanken über unsere Zukunft in Europa macht: „Vergangenheit bedeutet für uns [in Europa] nicht nur Kulturgut und Tradition, sondern eine anthropologische Grundbedingung. Wir können zur Gegenwart nur archäologisch vordringen, indem wir mit unserer Geschichte ins Reine kommen.“ Begeben wir uns also auf eine kleine archäologische Reise.

Geschichte mitdenken

In der schnelllebigen Diskussion wird sehr leicht vergessen, dass Griechenland eine substanziell andere Entwicklung genommen hat, als die Staaten Kerneuropas. Während hier die Renaissance und die Aufklärung die Moderne voranbrachten, war Griechenland Teil des Osmanischen Reiches. Heinz Richter, ein profunder Kenner der politischen Kultur Griechenlands, sagt dazu: „Als osmanische Provinzen nahmen diese Teile Europas an folgenden Entwicklungen nicht teil: Renaissance, Reformation, Gegenreformation, Absolutismus, Rationalismus, Aufklärung und bürgerliche Revolution. Für beinahe 400 Jahre stand die Zeit dort fast still.“ Richter weist auch auf den tief in der griechischen Gesellschaft verankerten Klientelismus hin, der die private Bereicherung an staatlichen Geldern erst möglich und ganz selbstverständlich machte. Auch nach der Befreiung von osmanischer Herrschaft war Griechenland größtenteils von Schutzmächten bestimmt wie Deutschland, England oder den USA. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Griechenland zu einem der ersten Schauplätze des Kalten Krieges, wo in einem blutigen Bürgerkrieg die kommunistischen Partisanen gegen konservative Truppen kämpften, die durch die USA und England unterstützt wurden. Als nach einigen Jahren anfänglicher demokratischer Entwicklung eine linke Partei die Wahlen gewann, putschte das Militär und errichtete eine Diktatur. Erst 1976, nach dem Ende der Junta, begann für die Griechen der Weg in die Demokratie, die aber bis heute laut Richter als klientalistische Demokratie wirkt. Die politischen Eliten, die gerade an der Macht waren, bedienten sich freizügig im „Versorgungssystem“ der EU, der Griechenland 1981 beigetreten war. Und diesem Beispiel folgten die Griechen in der Beziehung zu ihrem eigenen Staat. Immer wieder hörte ich auf meiner Reise, dass es in Griechenland eine Art Sport ist, Wege zu finden, um den Staat zu betrügen. Wenn man sich die Geschichte Griechenlands ansieht, wird das auch verständlich, denn ein staatliches System, dem man vertrauen kann, gab es nicht.
Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Fremdbestimmung ist nun Alexis Tsipras der erste Präsident, der sich mit den Westmächten und den Klientelstrukturen „anlegt“. Ich habe viele Griechen getroffen, die bei aller Unzufriedenheit auf ihn zählen, weil er Hoffnung auf einen neuen Typ Politiker macht. Entgegen der Klientelpolitik der letzten Jahrzehnte hoffen viele auf eine Politik, der die nachhaltige Entwicklung des Landes am Herzen liegt.

Philhellenen und Bestien

Berührt war ich auch von dem engen historischen Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland. Nach dem Besuch der Akropolis las ich überrascht vom Phänomen der Philhellenen. Deutsche und andere Mitteleuropäer, die im 19. Jahrhundert inspiriert durch die Romantik die griechische Antike verehrten. Nicht wenige der Philhellenen griffen mittels finanzieller Unterstützung oder direkt in den Befreiungskampf der Griechen gegen das Osmanische Reich ein. Eine eher belustigende Anekdote ist, dass auch König Ludwig von Bayern ein „Fan“ der Philhellenen war, und deshalb sein Land „Baiern“ in Bayern umtaufen ließ, weil das „y“ den Namen griechischer machte. Der Einfluss König Ludwigs führte auch zur Ernennung des ersten Königs von Griechenland nach der Befreiung von den Türken: sein Sohn Otto, der Griechenland 30 Jahre lang regierte. Er war es auch, der Athen zur Hauptstadt machte, womit auch die Wiederentdeckung der Antike begann.
Ein weiteres Kapitel deutsch-griechischer Geschichte, die bis heute nachwirkt, ist die Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Auf einer meiner Touren in der Nähe von Delphi kam ich zufällig durch das kleine Dorf Distomo. Im Reiseführer las ich, das hier eine SS-Einheit aus Rache für einen Angriff von Partisanen über 200 Frauen und Kinder brutal ermordet hatte. Auf dem Marktplatz des Ortes gab es eine Gedenktafel und auf einem Hügel ein Mausoleum. Auf dem Rückweg ließ ich mich von einer Taxifahrerin, die kein Englisch sprach, dorthin fahren. Nach einer Gedenkminute stieg ich wieder ins Auto, die Taxifahrerin schaute mich etwas ungläubig an und lächelte. Der Wald rund um die Gedenkstätte war niedergebrannt, schwarz verkohlte Baumstämme standen herum. Wie eine offene Wunde klaffte der Ort in der Landschaft. Und für viele Griechen wird diese Zeit noch heute so empfunden, auch wegen der unbeschreiblichen Bestialität, mit der die Deutschen dort wüteten.
Einen Eindruck von diesen Wunden gibt der Film „Ein Lied für Argyris“, in dem die Geschichte von Argyris Sfountouris erzählt wird, der beim Massaker von Distomo 30 Familienmitglieder auf schrecklichste Weise verlor. Später kam er als Waisenkind im Rahmen eines Hilfsprogramms des Roten Kreuzes in die Schweiz und konnte schließlich Physik studieren und arbeitete viele Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit. Gleichzeitig versuchte er, den Schrecken seiner Kindheit zu verarbeiten. Mehrere Male hatte er versucht, vom deutschen Staat Schadenersatz zu erhalten, vergeblich. Das Massaker wurde noch in den 2000er Jahren als „Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung“ bezeichnet, für die es keinen Anspruch auf Schadenersatz gibt. Wenn man solch ein beispielhaftes Schicksal mitempfindet, bekommen die Forderungen nach Reparationszahlungen, die kürzlich wieder laut wurden, einen anderen Klang. Vielleicht geht es hier weniger um Geld als um eine echte Geste der Versöhnung. Im Film sagt Sfountouris, dass der Moment, in dem er Hoffnung auf Versöhnung schöpfen konnte, der Kniefall von Willy Brandt in Warschau war. Bis heute vermisst er solch eine Geste für das Verbrechen von Distomo.

Die Faszination am Fremden

Wie in einem Revival der Philhellenen wurde Griechenland in den 70er und 80er Jahren zum Sehnsuchtsort. Mit der Hippiebewegung und dem Traum von einem Leben, frei von gesellschaftlichen Zwängen, wurde der „natürliche, spontane Grieche“ so etwas wie ein Sinnbild des neuen Menschen. Symbol dafür war natürlich „Zorba the Greek“ oder „Alexis Sorbas“, der weise Lebemann aus dem Roman von Niko Kazantzakis. Noch spirituell aufgewertet hat das Bild des sinnlich erleuchteten Griechen Baghwan Shree Raineesh mit seinem Bild von „Zorba the Buddha“. Für Osho müssen wir erst Zorba werden, bevor wir Buddha werden können: „Ich mache mir Sorgen um Menschen, die keine Zorbas sind. Wie wollen sie Buddhas werden? Sie haben keine Basis für einen Buddha. … Der Unterschied zwischen dem Griechen und Buddha ist nicht groß, aber zuerst musst du zum Griechen werden.“ Es war die Vision von der Vermählung von Geist und Sinnlichkeit. Aber auch die Vereinnahmung und Verklärung einer anderen Kultur, die zur Projektionsfläche der eigenen Sehnsucht wird.
Während meiner Zeit in Griechenland verbrachte ich auch einige Tage bei dem Unternehmer Fritz Bläuel, der in den letzten Jahrzehnten eine Olivenölfirma aufbaute. Er lebt in der Mani im Süden von Pelleponnes, unweit des Ortes, wo Kazantzakis einige Zeit mit dem „echten“ Sorbas lebte, dem er später ein literarisches Denkmal setzte. Fritz kam vor fast 40 Jahren mit einer Kommune aus Wien nach Griechenland, die hier ein neues, freies Leben führen wollte. Für sie erschienen die Griechen die Offenheit für das Sinnliche und seine Energien, das Zerbrechen des „Charakterpanzers“, wie es Wilhelm Reich nannte, schon verwirklicht zu haben. Aber als die Kommunarden langsam verstanden, was die Griechen sagten und wie sie sich verhielten, mussten sie sich eingestehen, dass neben der scheinbaren Freiheit auch Frauenfeindlichkeit, Fremdenhass, Tierquälerei und gar Blutrache das Leben prägten. Schon bald wich die Romantik der Kommune der Konfrontation mit der Realität einer anderen Kultur und die Kommune löste sich auf. Allein Fritz blieb.

Ein Tanz mit den Kulturen

In den folgenden Jahren baute Fritz Bläuel gemeinsam mit seiner Frau Burgi das Unternehmen von einer Ein-Mann-Firma zum größten Arbeitgeber der Region mit 70 Angestellten auf. Damit geben sie auch ein Beispiel dafür, wie eine erfolgreiche Integration unterschiedlicher kultureller Lebensformen möglich sein kann. Die Mani ist ein ländliches Gebiet, das sehr von dörflichen, familiären Strukturen und der Landwirtschaft geprägt ist. Beim Aufbau seiner Firma hat Fritz diese Metapher der Familie aufgegriffen und versucht, im Unternehmen eine familiäre Kultur zu entwickeln. In diesem familiären Rahmen hat er aber auch immer wieder Wege gefunden, die Eigeninitiative der Mitarbeiter zu fördern und ihnen durch Weiterbildung neue Perspektiven zu eröffnen. So konnten sie sich entwickeln und die Firma konnte mit loyalen Mitarbeitern wachsen.
An den lauen Abenden haben mir Fritz und Burgi viele Geschichten darüber erzählt, wie es für sie war, in Griechenland Fuß zu fassen. Heute leben sie einen kreativen Dialog der Kulturen. Nicht nur in der Führung ihrer Mitarbeiter, sondern auch wenn zum Beispiel an den Abenden im Sonnenlink, einem Bio-Hotel, das die Bläuels betreiben, Konzerte mit deutscher Klassik stattfinden. Nach einem langen Gespräch über die Geschichte Griechenlands fragte ich Fritz einmal, was wir Deutschen denn von Griechenland lernen könnten. Er lächelte und sagte halb im Scherz: „Die Entspanntheit.“

Nicht nur Ökonomie

Claudio Agamben, mit dem wir unsere Reise begonnen haben, spricht in seiner Analyse der Krise Europas von der „Verdrängung des Politischen durch die Ökonomie“: „Seit mehr als zwei Jahrhunderten konzentriert sich die Energie des Menschen auf die Ökonomie. Vieles deutet darauf hin, dass für den Homo sapiens vielleicht der Moment gekommen ist, die menschlichen Handlungen jenseits dieser einzigen Dimension neu zu organisieren. Das alte Europa kann gerade da einen entscheidenden Beitrag für die Zukunft leisten.“ In der aktuellen Sparpolitik sieht er ein Europa, dass nur noch nach Kriterien des Ökonomischen agiert. Ein Gegenmittel wäre für ihn eine Neubelebung der Kulturen und eine Begegnung im Dialog der unterschiedlichen Lebensformen, die sich in Europa entwickelt haben. Hier besteht natürlich die Gefahr, schnell in alte Stereotypen vom entspannten (bzw. faulen) Griechen und verspannten (und fleißigen) Deutschen zu verfallen.
Aber angesichts der neoliberalen Machtübernahme in weiten Bereichen unserer Gesellschaft ist die Infragestellung der Herrschaft des Ökonomischen und Produktiven über unser Leben, die für Agamben auch aus den Lebensformen der Mittelmeerländer erwächst, der Beachtung wert: „Ich bin der festen Überzeugung, dass die verschiedenen Arten der Geschäftslosigkeit für eine Gesellschaft ebenso wichtig sind wie die verschiedenen Arten der Produktion.“ Heute macht diese Einsicht bei uns als Work-Life-Balance, Stressprophylaxe und Achtsamkeitsübung die Runde.
Wenn Europa weiter einer neoliberalen, ökonomischen Agenda folgt, sieht Agamben es vor dem Untergang. Europas Zukunft liegt gerade in Zeiten, wo so viele Menschen hier Schutz suchen, vielleicht vielmehr darin, sich als Kulturraum zu verstehen, zu bewahren und zu entwickeln. Mit unterschiedlichen kulturellen Lebensformen, die in einen fruchtbaren Dialog kommen.
Solch einen Dialog will auch die nächste Documenta fördern, die weltweit größte Ausstellung für moderne Kunst findet 2017 unter dem Motto „Von Athen lernen“ gleichzeitig in Kassel und Athen statt. Als ich durch Athen lief, hat es mich etwas an das Berlin nach der Wende erinnert. Damals war ebenso ein altes System zusammengebrochen, aber in den verfallenden Häusern regte sich neues, kreatives Leben – aber niemand wusste, wie diese Zukunft sein würde. Adam Szymczyk, der Kurator der Documenta, beobachtet: „Die Menschen hier versuchen, sich selbst zu organisieren. Es gibt überall leer stehende Gebäude, die von Künstlern, solidarischen Projekten der gegenseitigen Hilfe und Migranten belagert werden. Athen ist in diesem Sinne auch ein Zufluchtsort, weil Menschen solidarisch miteinander umgehen.“
Krisen und Zeiten des Umbruchs, wie wir sie Griechenland und ganz Europa gerade erleben, bieten auch immer kreative Freiräume für das Neue. Damit sich dieses Neue zeigen kann, brauchen wir einen Dialog der Kulturen auf Augenhöhe, ohne zu beschönigen, ohne zu romantisieren und ohne Vorurteile und Ängste. Und vielleicht ist es angemessen, „Alexis Sorbas“ das letzte Wort zu überlassen. Darin lässt Kazantzakis den Freund von Sorbas sagen: „Ich wusste wohl, was niedergerissen werden musste, aber ich wusste nicht, was man dann auf den Trümmern aufbauen könnte. Das weiß niemand, dachte ich. Die alte Welt steht handgreiflich vor dir, fest verankert. Wir leben sie und kämpfen mit ihr jeden Augenblick. Sie existiert. Die zukünftige Welt ist noch ungeboren, nicht zu greifen, im Flusse. Sie besteht aus dem Stoff, aus dem die Träume entstehen.“

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Erschienen in Ausgabe 10 / 2016: EUROPA SUCHT SEINE SEELE – Warum Spiritualität heute wichtig ist

Wenn alle führen

Über Weltmeister, Holakratie und das Einssein mit dem Leben

Laut einer aktuellen Studie sind selbst die Manager weitgehend unzufrieden mit dem Status quo in Unternehmen. Liegt eine Lösung dafür vielleicht auch in einer neuen Beziehung zwischen Führungskräften und Mitarbeitern? Und was können uns die deutsche Fußballnationalmannschaft und alternative Unternehmensmodelle darüber lehren? Ein Streifzug, der von der Führungskultur geradewegs in die Frage mündet, wer wir als Menschen sein wollen.

In den Diskussionen um neue Formen von Leadership geht es – wen wundert es – meist um die Führenden. Aber viele erkennen heute, dass dieser Fokus zu kurz greift. Denn er verliert leicht diejenigen aus den Augen, die geführt werden. In Wirklichkeit stellt sich eine noch grundlegendere Frage: Wie könnte eine fundamental neue Beziehung zwischen Führenden und Geführten – zwischen Menschen, die gemeinsam etwas erreichen möchten – aussehen?

Partnerschaftliche Führung

Eine mögliche Antwort auf diese Frage kommt von „unseren“ Weltmeistern: Schon vor dem Finalsieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Brasilien wurde das Team mit Lob überhäuft. Ein immer wieder auftauchendes Motiv dabei war die Beobachtung, dass mit Deutschland ein Team, ein Wir, gegen die Mannschaften mit den Superstars gewonnen hatte. Der Teamgeist des Wir habe über große Egos triumphiert.
Gerade auch Menschen, die im Bereich der Mitarbeiterführung arbeiten und das Ende von starren Hierarchien herbeisehnen, erkannten im deutschen Team einen neuen Führungsstil, der diesen Zusammenhalt ermöglicht hatte. In Jogi Löw sahen viele einen Trainer, der nicht autoritär durchregiert, sondern vor allem auf die Förderung des Teamgeistes und eine partnerschaftliche Beziehung mit seinen Spielern setzt. In der Tat scheint Löw einen Weg gefunden zu haben, seine Spieler auch an strategischen Entscheidungen teilhaben zu lassen. Ein Beispiel: Ihm wird nachgesagt, dass er Standardsituationen wie Eckbälle und Freistöße nie besonders trainieren lassen wollte. Aber einige seiner Spieler machten den Vorschlag, mehr Zeit damit zu verbringen, und Löw nahm diese Idee auf, und siehe da, sechs Tore der Mannschaft während der WM fielen nach Standardsituationen.
Diese partnerschaftliche Haltung und der gemeinsame Fokus auf ein Ziel schienen sich dann auch im Spiel der Mannschaft zu zeigen. Nach dem historischen 7:1 Sieg der deutschen Mannschaft gegen Brasilien im Halbfinale beschrieb beispielsweise der Leadership-Visionär Otto Scharmer das Spiel der deutschen Mannschaft so: „Was hat also den Erfolg der deutschen Mannschaft ausgemacht? Es ist eine Philosophie, die voraussetzt, dass alle Spieler aus einem gemeinsamen Gewahrsein des sich entwickelnden Ganzen handeln. Jeder muss sich allem, was auf dem Spielfeld geschieht, gewahr sein – die Veränderung der Positionen der Spieler, die sich öffnenden Räume zwischen den Mitspielern und den gegnerischen Spielern. Dieses gemeinsame Gewahrsein auf das sich entwickelnde Ganze erlaubte ihnen, den Ball schneller abzuspielen als es das gegnerische Team überhaupt vorhersehen oder darauf reagieren konnte.“
Nach der erfolgreichen WM wurde diese offensichtlich neue Führungskultur mit großem Interesse weiter analysiert. Viele Menschen schienen darin einen Hoffnungsschimmer gegenüber dem zermürbenden Alltag in vielen Unternehmen und Organisationen zu sehen. Tatsächlich scheint es eine große Sehnsucht nach neuen Formen der Führung zu geben. Eine kürzlich veröffentlichte Studie unter 400 deutschen Führungskräften bilanziert: „Dass ein Management, das aus der Hierarchie heraus steuert, noch Zukunft hat, daran glauben die allermeisten nicht mehr. Stattdessen betonen die befragten Führungskräfte, dass das Arbeiten in beweglichen Führungsstrukturen immer wichtiger werde. Als favorisiertes Zukunftsmodell sehen die Manager sich selbst organisierende Netzwerke an, mit denen man eine kollektive Intelligenz anzapfen kann, um so Innovationen hervorzubringen.“

Sie haben die Hierarchien abgeschafft!

Anfang des Jahres gab der amerikanische Online-Modeversand Zappos mit immerhin 1500 Mitarbeitern bekannt, das neue Holocracy-Managementmodell zu übernehmen. „Zappos sagt den Chefs Goodbye“ titelte etwa die Washington Post, und renommierte Organe wie Forbes, Fast Company oder Fortune bemühten sich zu verstehen, wie Führung ohne Bosse funktionieren soll. „Holacracy erlaubt es Mitarbeitern, wie Unternehmer zu agieren und ihre Arbeit selbst zu steuern“, erklärt Zappos-CEO Tony Hsieh im Firmenblog.
Der Ansatz der Holakratie, der von dem Unternehmer Brian Johnson konzipiert wurde, leitet sich aus dem Modell der Soziokratie ab, das maßgeblich von dem Reformpädagogen Kees Boeke begründet wurde. Es beruht kurz gesagt weder auf starren Hierarchien noch auf egalitärem Konsens, sondern auf Konsent. Entscheidungen dürfen nur getroffen werden, wenn niemand der Anwesenden einen schwerwiegenden und begründeten Einwand dagegen hat. Ein weiterer Aspekt von Holakratie ist die Organisation in selbstorganisierenden Kreisen statt in einem hierarchisch angeordneten „Organigramm“. Jeder Kreis hat bestimmte Aufgaben und die verschiedenen Kreise sind durch „Repräsentanten“ miteinander verbunden. Zudem hat jeder Mitarbeiter eine bestimmte Rolle in der Organisation, die er weitgehend selbstverantwortlich ausfüllen kann. Dies bedeutet nicht nur eine strukturelle Neuordnung, sondern auch eine vollkommen neue Beziehung zwischen Führenden und Geführten, die im Rahmen der Holakratie als „verteilte Autorität“ beschrieben wird.
„Als Erstes wird die Verantwortlichkeit verteilt“, erläutert John Brun von Zappos. „Dadurch kann jeder Mitarbeiter verstehen, was im Kontext der Organisation von ihr oder ihm erwartet wird. Danach wird die Autorität verteilt, denn jeder Inhaber einer Rolle kann bestimmen, welche Entscheidungen den Verantwortlichkeiten dieser Rolle am besten gerecht werden. Und wenn Verantwortlichkeit und Autorität zusammengenommen werden, dann entsteht etwas sehr Kraftvolles: eine verteilte Führung“, so der Unternehmer. Das bedeutet nicht nur für die Führenden eine große Umstellung, sondern auch für die Mitarbeiter selbst, die so mehr Freiheit, aber auch mehr Verantwortung erhalten.
Neben dem eigenen Selbstverständnis und der Beziehung zwischen Führenden und Geführten verändert sich dabei auch die grundlegende Konzeption dessen, was wir „Führung“ nennen. Wendelin Küpers, Professor für Leadership an der privaten Karlshochschule, beschreibt es so: „Die Führungskraft wird zu einer Kraft, die nicht auf eine Person beschränkt ist, sondern ko-kreiert wird. Ko-Kreation bedeutet das gemeinsame Hervorbringens von dem, was die Situation, das Problem oder die Entscheidung erfordert. Dies geht noch weiter als eine partizipative Führung, wobei der Führende etwas Macht abgibt, sondern es ist von vornherein so angelegt, dass die Beteiligten Entscheidungen gemeinsam hervorbringen.“ Die Führungskraft wird also aus den Händen bestimmter Menschen genommen, die bisher als die Träger der Führung galten, und wird in das Feld einer dynamischen Gruppe gelegt, die die Führung intersubjektiv „hervorbringt“. Darin wird aber auch die Trennung zwischen Führenden und Geführten durchbrochen, die für beide Seiten in den vorherrschenden Führungskulturen zum Selbstbild gehört. Solch eine Veränderung erfordert also ein Loslassen bisheriger Vorstellungen von Führung und Organisation, die radikaler kaum sein könnte. Aber was ist die Voraussetzung für solch einen Umbruch?

Was will die Organisation?

Ein Modell, das die Veränderung der Beziehung zwischen Führenden und Geführten anschaulich beschreibt, sind die vier Stufen auf der „Evolutionsuhr“ der Unternehmensentwicklung „Growth River“, die vom Berater Richard Hawkes entwickelt wurde. Die erste Stufe ist ein „Verbund von Individualisten“ mit flacher und loser Führungsstruktur, gefolgt von der Stufe der „direktiven Führung“, die hierarchisch strukturiert ist. In der dritten Stufe der „ineinandergreifenden Rollen und Strategien“ erhalten Mitarbeiter eine weitgehende Selbstständigkeit und Verantwortung im Bereich ihrer Rolle in der Organisation. Auf der vierten Stufe der „sich selbst entwickelnden Teams“ öffnet sich der Blick über Rollen, Strategien und funktionalen Zielen hinaus auf den Sinn und das Wesen der Organisation. Der oder die Führende beginnt zu spüren, wohin die Organisation sich entwickeln kann und „möchte“. Hier wird also der Führende zum Geführten, er oder sie „folgt den Bedürfnissen und Potenzialen“ der Organisation. Hawkes fasst es so zusammen: „Gute Führende müssen sich auch führen lassen. Und um geführt zu werden, muss man auch führen können.“
Es entsteht eine flexiblere Beziehung zwischen Führenden und Geführten, die es ermöglicht, dass je nach Thema, Bereich oder Entscheidung andere die Führung übernehmen und andere folgen. Wenn z. B. eine Marketingfrage ansteht, übernimmt derjenige, der diese Rolle ausfüllt, die Führung und alle anderen (einschließlich des CEOs) folgen und sind als Beitragende in dem Prozess präsent. Und bei einer anderen Zuständigkeit verändert sich die Beziehung wieder entsprechend. Hawkes beschreibt diese Flexibilität als „die Fähigkeit, mit der Welt zu tanzen“. Diese Flexibilität vermeidet die rigiden Machthierarchien, aber ebenso die zähen Prozesse von Konsensbildung, weil in jeder neuen Frage, Aufgabe oder Entscheidung eine neue natürliche Hierarchie emergiert, je nach Zusammensetzung des Teams und den Zuständigkeiten und Kompetenzen.
Vor diesem Hintergrund besteht die Rolle des CEOs vor allem darin, den Kontext der Führung zu setzen. Das bedeutet, dass Motivationen und Werte eines Unternehmensleiters ganz wesentlich bestimmten, welche Motivationen und Werte im System lebendig sein können. Wenn diese Werte von einer lebendigen Beziehung zum Sinn der Organisation getragen werden, dann ist es für alle Mitarbeiter möglich, ebenfalls eine eigene Beziehung zum Sinn der Organisation zu entwickeln.
Dieser Sinn ist aber nichts Statisches, sondern selbst ein Prozess der Entfaltung. Eine bewusste Beziehung zu diesem Prozess bestimmt dann auch die Entscheidungsfindung. In der Holakratie spricht man beispielsweise von „integrativer Entscheidungsfindung“, bei der versucht wird, alle relevanten Perspektiven auf das betreffende Thema zu integrieren und so zu einer Entscheidung zu kommen. Dabei ist nicht ausschlaggebend, ob die Beteiligten „für“ oder „gegen“ einen Vorschlag sind, sondern ob es Einwände gibt, dass ein Vorschlag dem Ganzen der Organisation schaden würde. So wird versucht, den Fokus von „egozentrischen“ Motivationen auf einen „transpersonalen“ Raum zu lenken, in dem die Entscheidung getroffen wird, die am ehesten dem gemeinsamen Ziel dient. Brian Robertson beschreibt diesen Prozess so: „Mit integrativer Entscheidungsfindung fühlt es sich oft so an, als ob die Menschen, die in dem Prozess involviert sind, nicht wirklich per se Entscheidungen treffen. Sie halten einen Raum und lauschen der Realität, und erlauben der kreativen Kraft der Evolution selbst die Entscheidungen zu treffen – durch sie, nicht von ihnen.“
Diese Form der Entscheidungsfindung hat natürlich weitgehende Implikationen auf Aspekte wie Strategie und Planung, denn wie Wendelin Küpers beschreibt, ist solch ein „gemeinsames Hervorbringen“ in seiner Dynamik unabsehbar. Das gemeinsame Tun entsteht also aus dem Prozess, und so formt sich auch die Beziehung zwischen Führenden und Geführten flexibel in diesem Prozess.

Keine Trennung

Unternehmensmodelle wie Holakratie und Growth River versuchen Systeme und Strukturen in Organisationen zu etablieren, die solche Erweiterungen der Führungskultur möglich machen. Praxisberichte aus derart arbeitenden Unternehmen zeigen, wie befreiend neue Strukturen sein können, die den Mitarbeitern mehr Verantwortung, Wertschätzung, Freiraum und Zugang zum Sinn des Unternehmens ermöglichen. Aber klar wird auch, dass es bei allen Beteiligten, Führenden und Geführten – oder ko-kreativen Partnern, was vielleicht die angemessenere Bezeichnung ist –, eine Transformation des Bewusstseins erfordert, um diesen Wandel nicht nur systemisch oder instrumentell, sondern auch existenziell zu vollziehen. Sich einem gemeinsamen Prozess mit anderen Menschen zu öffnen und diesen eingebettet in die Entfaltung der Intention einer wesenhaften Organisation zu erleben, erfordert ein Durchbrechen der existenziellen Getrenntheit, die unsere Wirtschaft, unsere Organisationen, ja unsere ganze Kultur kennzeichnet. Wir müssen uns miteinander und dem Leben verbunden erfahren, um uns authentisch auf einen ko-kreativen Prozess einzulassen, in dem neue Potenziale emergieren können. Hier zeigt sich auch, welche Rolle Spiritualität in einer neuen Führungskultur spielen kann: nicht als persönliches Beiwerk oder im Sinne von Achtsamkeit zur Stressprophylaxe, sondern als Raum der Einübung von Einheit mit dem Leben, um die innere Offenheit, Freiheit und Flexibilität zu entwickeln, die uns erst in die Lage versetzen, bewusste ko-kreative Prozesse zu gestalten.
Zu dieser Möglichkeit gibt es zwei Zugänge: Das eine sind die Mitarbeiter in Organisationen, die aus innerer Sehnsucht einen Weg gehen, um ihr Bewusstsein zu entwickeln. Das andere sind die Organisationen und ihre Führungspersonen, die jene Strukturen etablieren, in denen bewusste Prozesse die Grundlage werden, um ein Unternehmen in seine Bestimmung zu entfalten. Wenn sich beides verbindet, entstehen Unternehmen, die nicht nur Ausdruck neuer Formen der Zusammenarbeit und des Wirtschaftens sind, sondern auch eines anderen Menschseins.

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Erschienen in Ausgabe 04 / 2014:
FÜHRUNG NEU DENKEN – Eine Kultur jenseits von Kontrolle und Konsens

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