Neu erschienen evolve 36: inagine! Die Magie unserer Vorstellungskraft

Es scheint, wir brauchen eine neue Welt. Doch wo wollen wir sie finden? Unsere gewohnten Denkweisen führen uns nicht weiter, im Gegenteil. Neben all den Ressourcen, die zu Ende gehen, gibt es aber eine Ressource, die wir vielleicht wieder neu entdecken können: unsere Imagination, unsere eigene Vorstellungskraft. Es gibt sie in jedem von uns, und das reichlich aber oft ungenutzt. Vielleicht ist es Zeit, sich ihr neu zuzuwenden. Vielleicht ist es Zeit, dass wir wieder beginnen, sie miteinander zu teilen.

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EDITORIAL

von Mike Kauschke, Redaktionsleiter evolve

»Unsere Vorstellungskraft braucht uns –unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse an ihr.« So könnte man etwas pointiert den Tenor dieser evolve Ausgabe auf den Punkt bringen. Ist das übertrieben? Und was ist damit überhaupt gemeint? Genau dem wollen wir in dieser Ausgabe nachgehen. Denn in der letzten Zeit kam in unseren Redaktionsgesprächen immer wieder die schöpferische Kraft im Menschen zur Sprache und wie sehr sie uns fehlt. Der Mut zum Träumen. Das Wagnis der Vision. Und das soll hier keineswegs verstanden werden als fertig entwickelte Utopie, was wohl eine Vereinnahmung der Imagination durch ein rationales und lineares Denken wäre. Nein, uns geht es in dieser Ausgabe darum, diesen Grundimpuls in uns allen anzusprechen und anzufragen, der in uns Bilder des Zukünftigen wachsen lässt und der uns miteinander fragen lässt: Wie wollen wir leben? Dem es nicht nur ums Überleben geht, sondern um die Gestaltung lebenswerter Zukünfte, die hier und jetzt schon als Samen, als Bild und Imagination aufkeimen und dann auch erprobt werden.

In seinem Leitartikel erforscht Thomas Steininger, wie grundlegend die Vorstellungskraft für unser eigenes Menschsein und auch für die Entwicklung als Menschheit ist. Und er fragt nach neuen möglichen Bilderwelten, die wir heute kultivieren können. Rob Hopkins, der Gründer der Transition-Town-Bewegung, sagt in unserem Interview, dass uns die Vorstellungskraft, dieser Sinn für das Mögliche, aus unserer ökologischen und sozialen Krise führen kann. Aber nicht als Agenda von oben, sondern als möglichkeitsoffener Wandel von unten, durch uns alle, der inspiriert ist von unserer Fähigkeit, gemeinsam zu träumen.

Silja Graupe spricht von einem Möglichkeitssinn. Für die Ökonomin, Philosophin und Leiterin der Cusanus Hochschule ist unsere Imagination nichts Abgehobenes, Weltfremdes oder »nur Fantasie«, sie kann uns stattdessen näher zur Wirklichkeit führen. Dass die Wirklichkeit wild ist, davon sind Phoebe Tickell und Sophie Strand bewegt. Beide haben ihre Wurzeln in der Biologie und füllen unser Vorstellungsvermögen mit poetischen Metaphern und Bildern unseres Eingewobenseins in eine lebendige Welt, die ihrer Ansicht nach selbst imaginativ strukturiert ist. Auch die Wissenschaft schöpft aus unserer imaginativen Kraft, erklärt der Biologe und Dichter Tom Cheetham in unserem Interview, und er fragt, auf welche Weise uns die Imagination einen Zugang zur Wirklichkeit erschließt. Und Alexander Beiner sieht in der Imagination eine sinngebende Kraft, die dadurch gefördert wird, dass wir die Grenzen des für uns Möglichen erweitern.

Wissenschaft, Poesie, Technologie und ein Impetus der Grenzüberschreitung fanden wir auch in den Werken des niederländischen Künstler-Duos DRIFT. Sie gestalten Installationen und Open-Air-Aktionen, in denen sie natürlichen Prozessen wie dem Erbblühen von Blumen, der Transformation des Löwenzahns, dem Schwärmen von Vögeln und Fischen mit technischen Mitteln nachspüren und diese in Szene setzen. Wir sind sehr froh, dass wir diese Ausgabe mit Fotos ihrer Arbeiten gestalten konnten, die man sich meist in Bewegung vorstellen muss. Dynamisch, wandelbar, wechselwirkend. So wie das Leben.

Gerade in so bedrohlichen Zeiten wollen wir uns mit dieser Aufgabe auf die Kraft des Lebens in uns allen besinnen, die sich vor allem auch in unserer Imagination des Möglichen zeigt. Und darin, diese Bilder gemeinsam Wirklichkeit werden zu lassen. Wir hoffen, dass diese Ausgabe eine Anregung ist, gewohnte Denkwege zu verlassen und unsere Vorstellungskraft neu wertzuschätzen und zu beleben. Wir sind schon gespannt, wie dieses Thema in unseren evolve-Salons weiterwirkt.

Wir sind überzeugt, dass wir Orte brauchen, wo wir dialogisch und co-kreativ die Bilder einer möglichen Zukunft gestalten und in die Umsetzung bringen. Deshalb ist es uns solch ein großes Anliegen, unser neues Web-Portal evolve WORLD (www.evolve-world.org) auf den Weg zu bringen. Es wird eine Raumstation in noch unbekanntem Gebiet, ein Netzwerkort der Begegnung und gegenseitigen Inspiration, ein Hub, der Menschen verbindet, Wissen und Erfahrung vermittelt, Dialogen und Zusammenarbeit einen Entfaltungsraum gibt. Diese Online-Heimat für mutige Pilgerinnen und Pilger ins Neuland wird gerade getestet und für die weitere Umsetzung suchen wir Verstärkung: Wenn Sie Lust haben, im co-kreativen Team von evolve mitzuwirken, finden Sie hier weitere Informationen: evolve-world.org/jobs.

Und dann steht noch ein runder Geburtstag an, den wir zum Anlass nehmen möchten, Sie um ein Geschenk zu bitten. Unser Herausgeber Thomas Steininger, der unser Magazin seit Beginn maßgeblich prägt, wird Ende des Jahres 60. Er und wir würden uns sehr freuen, wenn Sie bei unserer Aktion mitmachen, bei der Menschen 60 mal 1000 € bzw. 600 mal 100 € beitragen, um evolve WORLD in vollem Umfang realisieren zu können. Es wird en Geschenk sein, das Thomas nie vergisst. Denn wir wollen uns allen eine Heimat im Cyberspace schenken, um einander zu begegnen, uns auszutauschen, in Artikel und Interviews zu vertiefen und zu spüren, dass wir nicht allein sind mit unseren Visionen einer möglichen Zukunft.

Denn evolve WORLD sehen wir auch als Ort der verlebendigten Imagination. Denn vielleicht ist es ja wirklich so, »dass nur die Vorstellungskraft uns retten wird«. Mit dieser Ausgabe laden wir dazu ein, uns in diesen Möglichkeitssinn zu vertiefen und uns davon verwandeln zu lassen.

 

Herzlichst

Mike Kauschke

 

 

 

Herzlichst

Mike Kauschke
Redaktionsleiter

Ingrid Leitner: Das Leben der Sternentaucherin | Info3 Verlag